"Lassen wir uns vom Glauben Mariens erleuchten?"

Ansprache des Papstes bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 474 klicks

Die Generalaudienz begann heute Vormittag um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus mit Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt zusammentraf.

In das Zentrum seiner in italienischer Sprache gehaltenen Rede stellte der Papst Maria als Bild und Vorbild der Kirche.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunser und dem apostolischen Segen.

Wir dokumentieren im Folgenden die Ansprache des Heiligen Vaters in eigener Übersetzung. 

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute möchte ich die Katechese über die Kirche fortsetzen und die hl. Maria als Bild und Vorbild der Kirche betrachten. Als Ausgangspunkt dient hierzu eine Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils. So besagt die Dogmatische Konstitution „Lumen gentium“: „[…] wie schon der heilige Ambrosius lehrte, die Gottesmutter ist der Typus der Kirche unter der Rücksicht des Glaubens, der Liebe und der vollkommenen Einheit mit Christus“ (Nr. 63).

1. Lasst uns zunächst den ersten Aspekt beleuchten: „Maria als Glaubensvorbild“. Inwiefern ist Maria ein Vorbild des Glaubens und der Kirche? Führen wir uns die Jungfrau Maria vor Augen: Sie war ein jüdisches Mädchen, das aus tiefstem Herzen die Erlösung ihres Volkes ersehnte. Im Herzen dieser jungen Tochter Israels verbarg sich jedoch ein Geheimnis, das sie ihr selbst noch nicht offenbart hatte: Nach dem Plan der Liebe Gottes war sie dazu bestimmt, die Mutter des Erlösers zu werden. Bei der Verkündigung nennt der Bote Gottes sie „voll der Gnade“ und erzählt ihr von dem Plan. Maria antwortet mit „Ja“, und von diesem Zeitpunkt an erhellt sich ihr Glaube mit einem neuen Licht: Er konzentriert sich auf Jesus, den in ihr menschgewordenen Sohn Gottes, in dem alle Verheißungen der Heilsgeschichte Erfüllung finden. Der Glaube Mariens ist die Erfüllung des Glaubens Israels. In ihr ist die gesamte Wanderschaft, der gesamte Weg des Volkes in Erwartung der Erlösung zusammengefasst, und in diesem Sinne ist sie ein Vorbild des Glaubens und der Kirche, in dessen Zentrum Christus steht, die Menschwerdung der unendlichen Liebe Gottes.

Wie lebte Maria diesen Glauben? In der Einfachheit der vielen täglichen Beschäftigungen und Sorgen jeder Mutter, wie die Zubereitung der Speisen, die Pflege der Kleidung, die Betreuung des Hauses … Gerade diese Normalität der Gottesmutter bildete die Grundlage für die einzigartige Beziehung und den tiefen Dialog, der sich zwischen ihr und Gott, zwischen ihr und ihrem Sohn, vollzogen hat. Das von Beginn an vollkommene Ja Mariens wuchs bis zur Stunde der Kreuzigung. Dort erweitert sie ihre Mutterschaft zu einer Umarmung aller Menschen, um sie zu ihrem Sohn zu führen. Maria lebte stets im Geheimnis des menschgewordenen Gottes als dessen erste vollkommene Nachfolgerin. Sie betrachtete alles im Lichte des Heiligen Geistes in ihrem Herzen, um den ganzen Willen Gottes zu begreifen und umsetzen zu können.

In diesem Zusammenhang können wir uns folgende Frage stellen: Lassen wir uns vom Glauben Mariens, unserer Mutter, erleuchten? Oder erleben wir sie als fern, als zu verschieden von uns? In den Augenblicken der Schwierigkeit, der Prüfung, der Finsternis: Schauen wir auf sie als Vorbild des Gottvertrauens, der immer und nur unser Wohl will? Denken wir daran. Vielleicht tut es uns gut, Maria als Vorbild und Gestalt der Kirche in dem von ihr gelebten Glauben wiederzufinden!

2. An dieser Stelle wollen wir zum zweiten Aspekt übergehen: „Maria als Vorbild der Barmherzigkeit“. Wie wirkt Maria als lebendiges Beispiel der Liebe für die Kirche? Denken wir an ihre Bereitschaft ihrer Verwandten Elisabet gegenüber. Bei ihrem Besuch Elisabets brachte die Jungfrau Maria nicht nur materielle Hilfe, sondern vor allem Jesus mit, den sie unter ihrem Herzen trug. Mit Jesus gelangte Freude, vollkommene Freude, in dieses Haus. Zwar freuten sich Elisabet und Zacharias über die in ihrem Alter unmöglich erscheinende Schwangerschaft, doch die junge Maria brachte ihnen jene vollkommene Freude, die Jesus und dem Heiligen Geist entspringt und in der unentgeltlichen Barmherzigkeit, dem Teilen, der gegenseitige Hilfe und dem Verständnis spürbar wird.

Die Gottesmutter möchte auch an uns, an uns alle, das große Geschenk Jesu herantragen; und mit ihm überbringt sie uns seine Liebe, seinen Frieden, seine Freude. Die Kirche ist somit wie Maria: Sie ist kein Geschäft, keine Menschenrechtsagentur, keine NGO, sondern hat den Auftrag, Christus und sein Evangelium zu überbringen. Sie trägt nicht sich selbst – unabhängig davon, ob sie klein, groß, stark oder schwach ist, überbringt die Kirche Jesus und muss sein wie Maria bei ihrem Besuch Elisabets. Was brachte ihr Maria? Jesus. Die Kirche bringt Jesus: Das ist der Kern der Kirche, Jesus zu bringen! Angenommen, die Kirche brächte Jesus einmal nicht, dann wäre sie eine tote Kirche! Die Kirche muss die Barmherzigkeit Jesu bringen, seine Liebe, seine Barmherzigkeit.

Wir haben über Maria und Jesus gesprochen. Und wie verhält es sich mit uns? Wir, die wir die Kirche sind: Welche Liebe bringen wir den anderen? Ist es die Liebe Jesu, die mit den anderen teilt, die vergibt, die begleitet, oder ist es eine verwässerte Liebe, wie verdünnter Wein, der wie Wasser schmeckt? Ist sie eine starke Liebe oder eine schwache, die den Sympathien folgt, die eine Gegenleistung erwartet? Eine interessierte Liebe? Eine weitere Frage: Findet Jesus Gefallen an interessierter Liebe? Nein, denn Liebe muss unentgeltlich sein, so wie seine. Wie sind die Beziehungen in unseren Pfarreien, in unseren Gemeinschaften? Begegnen wir einander wie Brüder und Schwestern? Oder urteilen wir, reden schlecht voneinander und pflegen nur unseren eigenen kleinen Garten, oder sorgen wir füreinander? Das sind Fragen der Barmherzigkeit!

3. In aller Kürze möchte ich mich noch dem letzten Aspekt widmen: „Maria als Vorbild der Einheit mit Christus“. Das Leben der hl. Jungfrau war das einer Frau ihres Volkes: Maria betete, arbeitete und besuchte die Synagoge … All ihr Handeln vollzog sich jedoch stets in vollkommener Einheit mit Jesus. Diese Einheit erreicht auf dem Kalvarienberg ihren Höhepunkt: Dort vereint sich Maria mit dem Sohn im Martyrium des Herzens und in der Opfergabe seines Lebens an den Vater zur Rettung der Menschheit. Die Gottesmutter machte sich den Schmerz ihres Sohnes zu Eigen und nahm mit ihm den Willen des Vaters in jenem Gehorsam an, der Früchte trägt und den wahren Sieg über das Böse und den Tod schenkt.

Diese von Maria gelehrte Realität ist von großer Schönheit: die immerwährende Einheit mit Jesus. Fragen wir uns nun: Erinnern wir uns nur dann an Jesus, wenn etwas nicht in Ordnung ist und wir ihn brauchen, oder ist unsere Beziehung beständig; eine tiefe Freundschaft, die die Nachfolge am Kreuzweg mit einschließt?

Bitten wir den Herrn um das Geschenk seiner Gnade, seiner Kraft, damit sich in unserem Leben und im Leben einer jeden kirchlichen Gemeinschaft das Vorbild Mariens, der Mutter der Kirche, widerspiegle. Amen.