"Lasst uns das Werk Joseph Ratzingers an die Kirchen der Peripherie herantragen" (Erster Teil)

Interview mit Msgr. Adoukonou anlässlich des internationalen Symposiums über die Trilogie "Jesus von Nazareth" in Cotonou (Benin)

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Luca Caruso | 581 klicks

Vom 16. bis zum 21. September 2013 wird in Cotonou, Benin, ein internationales Symposium für afrikanische Theologen verschiedener katholischer Universitäten Europas, Akademien und aus dem „Schülerkreis Joseph Ratzinger-Benedikt XVI“ veranstaltet mit dem Ziel einer pastoralen und pädagogischen Rezeption von Joseph Ratzingers Trilogie „Jesus von Nazareth“. Der Organisator des Ereignisses ist Msgr. Barthélemy Adoukonou, Sekretär des Päpstlichen Rates für die Kultur. Im Rahmen eines Interviews mit ZENIT beantwortete er einige Fragen.

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Exzellenz, Sie zählten zu den letzten Schülern Joseph Ratzingers. Welche prinzipiellen Haltungen kennzeichneten ihn als Dozenten? Von welchen Erinnerungen aus diesen Jahren können Sie berichten?

Msgr. Barthélemy Adoukonou: Als Seminarist der Universität Urbaniana war ich ein eifriger Leser der Werke Ratzingers und Rahners und hegte den Wunsch, einen etwaigen Studienabschluss in Theologie bei einem der beiden zu erlangen. Als ich mich sechs Jahre später nach Deutschland begab, war Rahner bereits emeritierter Professor. Ich schrieb Ratzinger, und er hat mich sofort angenommen. Ich ging zu ihm, besuchte seine Vorlesungen, und die Hörsäle waren immer voll. Er war ein brillanter Dozent, so brillant, dass jeder, der ihm zuhörte, klug zu sein glaubte. Bei der Lektüre seiner Abschlussarbeit in Theologie, die er im Alter von 24 Jahren verfasst hatte, drängt sich die Frage auf, wie man ein so großes und so genaues Wissen erwerben kann. Zugleich war Ratzinger ein sehr bescheidener Mensch. Er trat selbst in den Hintergrund, um andere in den Vordergrund zu rücken. Er war tatsächlich ein Theologe im Dienst der Offenbarung Gottes und Jesu von Nazareth. Bei den Begegnungen mit den Doktoranden lud er stets einen nicht an seiner Schule tätigen Lehrer ein. Er war ein sehr offener, bescheidener und brillanter Theologe, der den Glauben, den Gegenstand der Theologie, in das Zentrum stellte. 

Aus welchem Grund wird ein Symposium über „Jesus von Nazareth“ in Benin veranstaltet?

Msgr. Barthélemy Adoukonou: Den Menschen soll dadurch die Möglichkeit einer Begegnung mit einem großen Experten der Theologie, Hirten, Bischof, Papst und nun emeritierten Papst geboten werden. Die Vorstellung seines zuletzt erschienen Theologiebuches ist lohnend, denn mit diesem Werk erreicht seine Theologie ihren Höhepunkt.

An wen richtet sich das Symposium, und welche Ziele werden verfolgt?

Msgr. Barthélemy Adoukonou: Wir möchten nicht nur Vertretern des akademischen Lebens, der höheren Priesterseminare, der theologischen Fakultäten und verschiedener Institute begegnen, sondern auch gewöhnlichen Menschen; all jenen, die den Wunsch nach einer Begegnung mit Christus verspüren und das Jahr des Glaubens im Rahmen der Feierlichkeiten zum 50-Jahr-Jubiläum des 2. Vatikanischen Konzils begehen. Wir kommen nicht nur für die Gelehrten, sondern auch für die Hirten und für all jene, die heute auf der Suche nach Christus sind. Ich denke, dass wir uns mit dem Ziel einer interkulturellen Betrachtung der Botschaft und der Gestalt Jesu von Nazareth nach Cotonou begeben. Ebenso glaube ich, dass uns mit Ratzinger – als europäischer Theologe, der die Inkulturation des Glaubens in der modernen Kultur bewirken konnte, während sich in Europa eine Trennung zwischen Kultur und Glauben vollzieht – ein Beispiel für die Umsetzung der Inkulturation, dem Ziel der nichteuropäischen Kirchen, gegeben ist, d.h., für die Übertragung der Botschaft und der Person Jesu in ihre Kulturen. Ratzinger hat 50 Jahre lang enorme Arbeit geleistet: Sie ist ein gemeinsames Gut für uns alle, eine so fruchtbare Theologie für das geistliche Leben. Unsere Liebe zu Ratzinger wird immer größer. Er ist ein Theologe, er war Papst … Für mich ist er ein Heiliger!

Welche Bedeutung hat die Trilogie über Jesus Ihrer Meinung nach im Gesamtwerk Ratzingers?

Msgr. Barthélemy Adoukonou: Diese Trilogie erscheint mir schön und wichtig. Der verstorbene Kardinal Martini hatte den Wunsch, eine Zusammenfassung über Jesus von Nazareth zu schreiben. Er war jedoch sehr glücklich darüber, dass Ratzinger das Buch schon verfasst hatte und wünschte allen, sich ebenso darüber zu freuen wie er.

Wir werden der Frage der Hermeneutik große Aufmerksamkeit zuwenden und dabei nach der historisch-kritischen Methode vorgehen, wobei Ratzinger für die Fertigstellung jedoch auch die für die Tradition offene kanonische Methode anwandte. Laut dem 2. Vatikanum soll die Heilige Schrift zur Seele der gesamten Theologie werden. Ratzinger bediente sich mit großer Klarheit einer Methode, die den Glaubensinhalt stets mit dem Leben in Beziehung setzte. Dies ist von unschätzbarem Wert. Wir in Afrika brauchen diese „ratio formationis“ sehr dringend. Diese sollte in aller Tiefe durchdacht und inkulturiert und kontextualisiert werden. Ratzinger liefert uns lediglich die Prinzipien, die Methoden. Er hat sie in die Praxis umgesetzt und dabei eine so gehaltvolle Frucht hervorgebracht, an der wir uns alle nähren wollen. Ich halte es für lohnend, dies als Quelle der Inspiration zu betrachten, um unsere „ratio formationis“ für Seminare, Universitäten und auch für die konkrete Pastoral zu schaffen. Dies wird von unendlichem Nutzen sein.

Von welchen Themen werden die Erörterungen des Symposiums im Wesentlichen bestimmt sein?

Msgr. Barthélemy Adoukonou: Die Symposien werden in zwei Etappen abgehalten werden. Es beginnt mit einer dreitätigen Lektüre der Trilogie, zu der etwa 40 Teilnehmer erwartet werden. Für die folgenden drei Tage ist ein Theologiesymposium zu verschiedenen Themen vorgesehen. Daran werden voraussichtlich mehr als 100 und nicht ausschließlich aus Benin stammende Personen mitwirken.  

Einige der zu erörternden Fragen sind beispielsweise: die Frage der Hermeneutik, das Gebet Jesu und die Christologie Ratzingers, seine christozentrische Spiritualität, seine Ekklesiologie, die ihn den Menschen Afrikas so nahe bringt. Die afrikanische Kirche fand über die Ekklesiologie Eingang in den Bereich der Theologie, denn im Rahmen der ersten Synode für Afrika wurde die Entscheidung eines Aufbaus und der Unterstützung der gesamten Kirche bei ihrem Aufbau als Familie Gottes getroffen. Diese Familie Gottes lebt in der Annahme eines brüderlichen Leibes des aus der Auferstehung hervorgegangenen Christus. Dieser Leib ist jener Ort, an dem sich die meiner Meinung nach für Ratzinger typische Ekklesiologie manifestiert: Ersatz und Gemeinschaft. Jesus ist ein Nachfahre Abrahams und hat mit Gott ein Bündnis geschlossen (Genesis, 22). Gott schenkte einen Sohn, einen Nachfahren, Jesus: Dies ist das einzige Bündnis, das eine Zusammenfassung aller anderen darstellt, und in Jesus verwirklicht sich dieser Ersatz des Gottessohnes, des eingeborenen Sohnes, mit dem Sohn Abrahams, Isaak. Er ist es, der die Vergrößerung der Menschheit und deren Erlösung annimmt. Ich halte die Ekklesiologie Ratzingers für sehr wichtig, denn mit dem Gedanken der Familie, des Leibes Christi, kommen wir ihm sehr nahe.

Darüber hinaus werden wir uns, ausgehend von seiner Rede vor dem Bundestag in Berlin, auch mit dem Bereich Theologie und Politik beschäftigen. Weitere Themen sind Theologie und Ökonomie, d.h., der Kern von “Caritas in veritate” und die Unentgeltlichkeit, d.h., die Frage, wie eine auf Unentgeltlichkeit beruhende Wirtschaft realisierbar ist. Ferner wird die Pastoraltheologie Erörterung finden.

(Der zweite und letzte Teil erscheint am Donnerstag, dem 19. September 2013)