"Lasst uns den Frieden, der uns vom Allmächtigen gegeben wurde, bewahren": Moskauer Erklärung ranghoher Religionsvertreter, die den Teilnehmern des G-8-Gipfels in Sankt Petersburg übergeben wird

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MOSKAU, 13. Juli 2006 (ZENIT.org).- Auf Einladung von Patriarch Alexeij II., des geistlichen Oberhaupts der russisch-orthodoxen Kirche, kamen vom 3. bis zum 5. Juli in der russischen Hauptstadt Moskau rund 200 hochrangige Vertreter der großen Religionen aus 40 Nationen zusammen, um darüber nachzudenken, welchen Beitrag die Religion zur Schaffung einer menschlicheren und friedlichen Welt leisten kann.



In einer gemeinsamen Schlusserklärung, die den Vertretern der sieben führenden Industriestaaten und Russlands überreicht wird, die am kommenden Wochenende in Sankt Petersburg tagen werden, bringen die Teilnehmer des Moskauer Gipfels der Weltreligionen ihre gemeinsamen Anliegen zum Ausdruck: umfassender Lebensschutz, Förderung der Familie, Wahrung der Menschenrechte, Stärkung von ethischen Werten, Wirtschaften mit Sinn für das Allgemeinwohl und engagierte Armutsbekämpfung.

All diese Ziele sollten dank eines fruchtbaren Dialogs und einer engen Zusammenarbeit verwirklicht werden. Auf diese Weise könne nach und nach ein "gemeinsames Haus" entstehen, das "auf der Wahrheit gegründet, nach den Regeln der Gerechtigkeit erbaut und durch Liebe und Freiheit belebt wird".

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Wir, die Teilnehmer des Gipfels der Weltreligionen – Führer und Delegierte von christlichen, muslimischen, jüdischen, buddhistischen, hinduistischen und schintoistischen Religionsgemeinschaften aus 49 Ländern –, trafen uns am Vorabend des G8-Gipfels in Moskau. Nachdem wir ausführlich über Fragen gemeinsamen Interesses und gemeinsamer Sorge beraten haben, appellieren wir nun an die Staatsoberhäupter, an unsere religiösen Gemeinschaften und an alle Menschen guten Willens.

Wir glauben, dass die menschliche Person von Natur aus religiös ist. Vom Anbeginn der Menschheitsgeschichte hat Religion bei der Entwicklung von Gedankengut, Kultur, Ethik und der sozialen Ordnung eine entscheidende Rolle gespielt.

Mit der stets wachsenden Bedeutung des Glaubens für die gegenwärtige Gesellschaft wünschen wir, dass Religion auch weiterhin eine sichere Grundlage für Frieden und Dialog unter den Völkern darstellt und nicht als Quelle für Trennung und Konflikt missbraucht wird. Religion verfügt über das Potential, unterschiedliche Völker und Kulturen trotz unserer menschlichen Schwächen miteinander zu verbinden, besonders im heutigen Kontext von Vielfalt und Verschiedenartigkeit.

Das menschliche Leben

Das menschliche Leben ist ein Geschenk des Allmächtigen. Darum ist es unsere heilige Pflicht, es zu bewahren. Das gilt sowohl für die Religionsgemeinschaften als auch für die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft.

Dialog und Partnerschaft unter den Zivilisationen sollten nicht nur Slogans darstellen. Wir müssen eine Weltordnung schaffen, die die Demokratie – als Weg der Harmonisierung unterschiedlicher Interessen und als Teilnahme des Volkes an nationalen und globalen Entscheidungen – und die Achtung moralischer Gefühle, die Lebensweise, die unterschiedlichen gesetzlichen und politischen Systeme und nationale und religiöse Traditionen der einzelnen Völkern miteinander verbindet.

Umfassende, gerechte und dauerhafte Lösungen internationaler Konflikte sollten mittels friedlicher Mittel gefunden werden. Wir lehnen jegliche Doppelmoral im Bereich der internationalen Beziehungen ab. Auf der Welt sollte es viele Bezugspunkte und viele Systeme geben, die den Bedürfnissen aller Individuen und aller Nationen gerecht werden, anstatt lediglich leblose und allzu vereinfachte ideologische Muster einander anzugleichen.

Das menschliche Wesen ist die einzigartige Kreation des Schöpfers, dessen Existenz in die Ewigkeit hineinreicht. Menschen sollten deshalb weder wie ein Gebrauchgegenstand, ein Objekt politischer Manipulation, noch wie ein Element der Produktions- und Konsumkette behandelt werden.

Von der Empfängnis an bis zum natürlichen Tod

Es ist daher notwenig, das menschliche Leben von der Empfängnis an bis zum letzten Atemzug, zum natürlichem Tod, stets als den höchsten Wert zu beteuern. Deshalb muss die Familie heute eine besondere Unterstützung erfahren, da sie das vorzüglichste Umfeld zur Formung von freien, intelligenten und moralischen Personen darstellt. Wir fordern seitens der nationalen und internationalen Gesetze, der Staaten, der verschiedenen öffentlichen Institutionen, der Religionsgemeinschaften und der Massenmedien mehr Unterstützungshilfe für die Familie, ganz besonders bei ihrer Aufgabe der Formung und Erziehung neuer und verantwortlicher Mitglieder der Gesellschaft.

In diesem Zusammenhang möchten wir auch unserer Sorge um die Stellung der Frau und der Kinder in vielen Gesellschaften Ausdruck verleihen. Wir betonen die Einzigartigkeit jedes Menschen, die Einzigartigkeit von Mann und Frau, des Kindes und des älteren Menschen wie auch die des Menschen mit Behinderungen, und wir weisen darauf hin, dass sie alle besondere Gaben besitzen. Es ist somit Aufgabe der staatlichen Behörden, der Gesellschaft und der Religionsgemeinschaften, sie vor Gewalt und Ausbeutung zu schützen.

Der Mensch ist die höchste Schöpfung des Allmächtigen. Deshalb stellen die Menschenrechte, genauer gesagt, ihr Schutz und ihre Achtung auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene, ein wichtiges Anliegen für uns dar. Denn unsere Erfahrung zeigt, dass keine Gesellschaft und kein Land von Konflikten und Zusammenbruch verschont bleibt, wenn es an einem ethischen Verständnis unserer Pflichten mangelt.

Freiheit und Recht

Sünde und Untugend zerstören sowohl das Individuum als auch die Gesellschaft. Aus diesem Grund sind wir überzeugt, dass das Recht und die soziale Ordnung danach streben sollten, die Verpflichtung zu Rechten und zur Freiheit wie auch das Bewusstsein für die moralischen Prinzipien, die einem menschlichen Miteinander zugrunde liegen, in fruchtbarer Harmonie miteinander zu verbinden.

Wir verweisen auf die Bedeutung der Religionsfreiheit in der heutigen Welt. Individuen und Gruppen müssen frei von Zwang sein. Niemand darf gezwungen werden, gegen seine religiösen Überzeugungen zu handeln. In diesem Sinn müssen auch die Rechte von religiösen und ethnischen Minderheiten berücksichtigt werden.

Wir verurteilen jegliche Form von Terrorismus und Extremismus wie auch alle Versuche, sie durch die Religion zu rechtfertigen. Es ist daher unsere Pflicht, uns politischer, ethnischer und religiöser Feindschaft entgegenzustellen. Die Aktivitäten pseudoreligiöser Gruppen und Bewegungen, die die Freiheit und Gesundheit der Menschen wie auch das moralische Klima der Gesellschaft zerstören, bewerten wir äußerst missbilligend.

Eine der größten Herausforderungen heutzutage besteht im Missbrauch der Religion als Mittel, um Hass zu schüren oder Verbrechen gegen Einzelpersonen zu rechtfertigen. Dieser Herausforderung kann nur über die Erziehung und moralische Formung wirkungsvoll angegangen werden. Schule, Massenmedien und Predigten religiöser Hirten sollten unseren Zeitgenossen das Wissen um ihre religiösen Traditionen wiedergeben, die sie zu Frieden und Liebe aufrufen.

Ethische Werte

Wir fordern ein Ende aller Beleidigungen religiöser Gefühle und jeglicher Schändung von Texten, Symbolen, Namen und Orten, die von den Gläubigen als heilig verehrt werden. Diejenigen, die heilige Gegenstände missbrauchen, sollten wissen, dass dies die Herzen verwundet und unter den Menschen Unfrieden schürt.

Bildung und soziale Arbeit sind die Mittel, um tragfähige ethische Werte wieder ins Bewusstsein der Menschen zu rufen. Wir glauben, dass uns diese Werte vom Allmächtigen gegeben wurden und dass sie tief in der menschlichen Natur verwurzelt sind. Unsere Religionen teilen sie auf vielerlei Weise.

Wir fühlen uns für die moralische Situation unserer Gesellschaften verantwortlich und möchten diese Verantwortung auf uns nehmen, indem wir mit den Staaten und den zivilen Vereinigungen daran arbeiten, ein Leben zu ermöglichen, in dem ethische Werte das Kapital und die Quelle für Zukunftsfähigkeit darstellen.

Wirtschaft und Ressourcen

Das menschliche Leben ist auch eng mit der Wirtschaft verbunden. Die internationale Wirtschaftsstruktur sollte daher – wie alle anderen Sphären globaler Architektur auch – auf Gerechtigkeit basieren. Alle Wirtschafts- und Geschäftsaktivitäten sollten mit sozialer Verantwortung und ethischen Standards entsprechend ausgeübt werden. Erst dadurch wird die Wirtschaft wahrhaft leistungsfähig, das heißt dem Menschen nutzbringend.

Ein Leben, das allein für den finanziellen Gewinn und die Verbesserung des Produktionsprozesses gelebt wird, ist öde und karg. In diesem Bewusstsein rufen wir die Geschäftswelt auf, der Zivilgesellschaft und den Religionsgemeinschaften gegenüber offen und verantwortlich zu sein, und zwar sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene.

Es ist zwingend notwendig, dass die Regierungen und die Wirtschaft als verantwortliche Verwalter der Ressourcen unseres Planeten agieren. Diese Schätze wurden vom Schöpfer allen Generationen zur Verfügung gestellt und sollten zum Vorteil aller genutzt werden. Alle Nationen haben das Recht, ihre Rohstoffe mit den anderen teilend zu nutzen und Technologien zu entwickeln, die deren wirtschaftliche Nutzung und deren Erhalt garantieren.

Armut

Die verantwortliche Verteilung der Reichtümer der Erde, der gerechte internationale Handel und die aktive humanitäre Beteiligung werden helfen, Armut und Hunger zu überwinden, unter denen Milliarden unserer Brüder und Schwestern leiden. Armut und soziale Verwundbarkeit verursachen Massenabwanderungen und dadurch immer mehr Probleme – sowohl in den armen als auch in den reichen Ländern.

Die Anhäufung der Mehrheit des Reichtums der Welt in den Händen einiger weniger, während eine ungeheuere Anzahl von Menschen – besonders Kinder – in erbärmlicher Armut lebt, ist eine globale Tragödie. Dieser Zustand wird die Welt zweifellos weiterhin destabilisieren und den Weltfrieden bedrohen. Wir rufen deshalb alle Nationen dazu auf, zu einem Leben der Mäßigung, Selbstbeherrschung und tätiger Gerechtigkeit zurückzukehren. So wird eine hoffnungsvolle Zukunft für künftige Generationen sichergestellt und Extremisten und Terroristen der Nährboden für ihre Aktivitäten entzogen.

Gegenwärtige Herausforderungen

Die Regierungen, die Religionsgemeinschaften und die Völker der Welt sollten zusammenarbeiten, um sich den Herausforderungen von heute, wie zum Beispiel den Epidemien von Infektionskrankheiten – besonders AIDS –, der Drogenabhängigkeit und der Zunahme an Massenvernichtungswaffen zu stellen.

Kein Land, ganz gleich wie reich und mächtig es auch sein mag, kann mit diesen Bedrohungen allein zurechtkommen. Wir sind alle miteinander verbunden und teilen ein gemeinsames Schicksal. Das erfordert ein abgestimmtes und gemeinschaftliches Handeln aller Mitgliedsstaaten der internationalen Gemeinschaft. Darüber hinaus ist die Verbreitung von Krankheiten keine Angelegenheit, die lediglich Ärzte angeht, und die Verteilung von tödlichen Technologien nicht nur ein Problem derer, die dem Gesetz Geltung verschaffen. Diese Herausforderungen sollten zur gemeinsamen Aufgabe für die gesamte Gesellschaft werden.

Dialog

Der interreligiöse Dialog sollte von den religiösen Hirten und den Experten weitergeführt und durch den Beitrag der "normalen" Gläubigen bereichert werden. Es ist unangebracht – und die Geschichte zeigt, dass es auch gefährlich ist –, dass die Tätigkeiten von Religionsgemeinschaften von politischen Interessen diktiert werden. Des Weiteren missbilligen wir die Versuche, religiöse Traditionen künstlich miteinander zu "verschmelzen", oder sie – ohne die Zustimmung ihrer Anhänger – zu verändern, um sie dem Säkularismus näher zu bringen.

Unsere Gemeinschaften sind bereit, den Dialog mit den Anhängern nichtreligiöser Sichtweisen, mit Politikern, mit allen Strukturen der zivilen Gesellschaft und internationalen Organisationen aufzunehmen. Es ist unsere Hoffnung, dass ein solcher Dialog fortdauert und den Religionen gestattet, zu Einigkeit und Verständnis unter den Nationen beizutragen – um so ein gemeinsames Haus zu schaffen, das auf der Wahrheit gegründet, nach den Regeln der Gerechtigkeit erbaut und durch Liebe und Freiheit belebt wird.

Dieser Dialog sollte auf eine verantwortliche Weise und regelmäßig geführt werden, allen Themen gegenüber offen und ohne jedwede ideologische Vorurteile.

Wir glauben, dass die Zeit reif ist für eine besser koordinierte Partnerschaft der Religionsvertreter mit den Vereinten Nationen.

An dieser Stelle wollen wir auch einen besonderen Aufruf an alle Gläubigen richten. Wir bitten sie auf das Dringlichste, einander ohne Ansehen ihrer religiösen, nationalen oder sonstigen Unterschiede zu achten und anzunehmen.

Lasst uns einander und allen Menschen, die guten Willens sind, helfen, für die ganze Menschheitsfamilie eine bessere Zukunft zu errichten.

Bewahren wir den Frieden, der uns vom Allmächtigen gegeben wurde!

Moskau
5. Juli 2006

ZENIT-Übersetzung des englischen Originals]