Latein lebt

Ein Professor spricht über eine Konferenz über die päpstlichen Dokumente zur Unterstützung der Amtssprache der Kirche

| 1153 klicks

Von Salvatore Cernuzio

ROM, 10. Februar 2012 (ZENIT.org). - Am 22. Februar 1962 unterschrieb Papst Johannes XXIII. die Apostolische Konstitution „Veterum Sapientia“ über das Studium und den Gebrauch der lateinischen Sprache. Unter anderem hoffte er damit, dass ein „Academicum Latinitatis Institutum“ (Akademisches Institut für die lateinische Sprache) gegründet werde.

Dieses Institut wurde später durch Papst Paul VI. mit dem Apostolischen Schreiben „Studia Latinitatis“ vom 22. Februar 1964 ins Leben gerufen. Paul VI. beauftragte die Salesianer damit, dem Institut „zur Blüte zu verhelfen“.

Ein halbes Jahrhundert später organisiert das Pontificium Institutum Altioris Latinitatis jetzt eine Konferenz, die am 23. Februar unter dem Titel „Veterum Sapientia: Geschichte, Kultur und Aktualität“ stattfinden wird. Der Kongress wird einige wichtige Episoden in der Geschichte des Instituts analysieren und die Herausforderungen behandeln, denen das Studium klassischer Sprachen in der heutigen Welt ausgesetzt ist.

ZENIT sprach mit Pater Roberto Spataro, Dozent an der Fakultät für Christliche und Klassische Literatur der Päpstlichen Universität der Salesianer, über diesen bevorstehenden Kongress.

ZENIT: Professor Spataro, wie ist die Idee zu dieser Konferenz entstanden und welche Ziele setzt sie sich?

P. Spataro: Der Kongress findet zum 50. Jahrestag der Verkündung der „Veterum Sapientia“ statt, eines feierlichen Dokuments, das leider viel zu schnell und zu Unrecht vergessen wurde. Wir wollen dieses Dokument neu lesen und aufzeigen, wie aktuell die darin enthaltenen Vorstellungen sind, dass die großen ethischen, geistigen und religiösen Werte, die die antike Welt entwickelt und das Christentum vervollkommnet haben und welche die Basis der modernen Zivilisation bilden, in der Kirche und vor allem unter den Priestern bekannt gemacht werden müssen.

ZENIT: Viele glauben, Latein sei eine „tote Sprache“. Wie stehen Sie dazu?

P. Spataro: Das ist ein wirklich unglücklicher Ausdruck. Ich frage mich, wie man eine Sprache als tot bezeichnen kann, in der Seneca, der heilige Augustin, Thomas von Aquin und Generationen von Wissenschaftlern, von Galvani, dem Erfinder der Elektrizität, bis Gauß, dem „Fürsten der Mathematiker“ geschrieben haben.

Wie kann man eine Sprache für „tot“ halten, die heute von so vielen Menschen erlernt wird und die so erhabene und edle Gedanken nährt? Ganz abgesehen davon, dass es die Sprache des Heiligen Stuhls ist und dass die lateinische Liturgie eine stetig wachsende Zahl von Gläubigen anzieht, viele von ihnen junge Leute.

ZENIT: Aber in letzter Zeit hat es doch wirklich so ausgesehen, als sterbe Latein aus: Seminaristen mussten die Sprache nicht mehr erlernen und auch in der Liturgie wurde sie nicht mehr verwendet. Wie geht Ihr Institut mit dieser Situation um?

P. Spataro: In den letzten Jahren hat es innerhalb der katholischen Kirche Versuche gegeben, das Interesse am Studium der lateinischen Sprache neu zu beleben. Dazu zählt die Gründung neuer religiöser Gemeinden und Laienbewegungen, die sehr wohl verstanden haben, dass die Tradition und das Leben der Kirche selber ein wertvolles Erbe an liturgischen, kanonischen, dogmatischen und theologischen Ausdrücken besitzt, deren Inhalt nur in der Originalsprache verständlich ist und das ist Latein. Deshalb will unser Institut einer wachsenden Anzahl von Klerikern und Laien die Fähigkeit beibringen, sich diesem Erbe zu nähern, damit die Kirche Zugang zu allen Menschen hat, die die Art lieben, in der Wahrheit, Schönheit und Harmonie in dieser Sprache verbunden sind.

ZENIT: Es sieht so aus, als betreffe dieses wiedererwachende Interesse an der lateinischen Sprache viele Länder der Welt. Stimmt das?

P. Spataro: Klar stimmt das! Ein bedeutender deutscher Universitätsprofessor sagte mir vor einiger Zeit, in Deutschland gebe es mehr als 800.000 Schüler und Studenten, die Latein lernen. Und in unser Institut kommen Studenten aus China, die das Bedürfnis haben, die europäische Zivilisation und ihre kulturellen Ursprünge zu verstehen, zu denen Latein ihnen Zugang verschafft.

ZENIT: Wo liegen die Ursachen für dieses neue Interesse?

P. Spataro: Durch Gespräche mit Lehrkräften und Studenten aus aller Welt bin ich zu der Auffassung gekommen, dass das Interesse an Latein aus dem Wunsch herrührt, sich Zugang zu einer „res publica literarum“, einer Geisteswelt von höchstem Niveau zu verschaffen. Die heutige Krise der ethischen und menschlichen Werte ist mindestens so bedenklich wie die Finanz- und Wirtschaftskrise. Junge Leute in den verschiedensten Ländern der Welt studieren die Werke der lateinischen Literatur, von Cicero bis Erasmus von Rotterdam, und sind enttäuscht von den „schlechten Lehrern“ der modernen Zeit. Sie wollen für sich ein reines, wahrhaftiges Denken erlangen. Das Studium der lateinischen Sprache macht es möglich, diese „Unschuld des Geistes“ zurückzugewinnen.

ZENIT: Sogar auf den italienischen Mittelschulen kehrt man zum Lateinunterricht zurück.

P. Spataro: Latein ist eine Sprache, die sehr angenehm zu lernen ist, vorausgesetzt, dass man die Methode aufgibt, die immer noch auf den Schulen vorherrscht; eine Methode, die sich mit der deutschen Philologie des 19. Jahrhunderts durchgesetzt hat. Wenn man die Sprache hingegen mit den Methoden der großen Humanisten unterrichtet – zum Beispiel so, wie sie seit Jahrhunderten auf den Schulen der Jesuiten gelehrt wird, oder mit der „Naturmethode“, die in 150 Stunden gelehrt wird – dann kann ein Student ohne zu viel Mühe und vor allem ohne sich zu langweilen schnell die Klassiker lesen. Wir brauchen eine neue Generation von Lehrern, die diese Methode kennen und mit Begeisterung anwenden, denn sie wirkt Wunder!

ZENIT: Gibt es Beispiele für den Erfolg dieser Methode?

P. Spataro: Sicher! Ein Beispiel ist die Akademie „Vivarium Novum“, ein Institut, mit dem unsere Fakultät eine Zeitlang zusammengearbeitet hat und das in Rom wirkt. Junge Menschen aus aller Welt besuchen es für ein oder zwei Jahre, um Latein oder Altgriechisch zu lernen. Sie kommen an, ohne auch nur ein Wort in den Sprachen Caesars und Platos zu verstehen und nach wenigen Monaten sprechen sie fließend Latein. Bis zum Ende des Kurses erreichen sie eine hervorragende Kenntnis der humanistischen Zivilisation, das heißt, der wahren Werte der Menschheit, die von der „Veterum Sapientia“, der Weisheit der Alten, kommen.

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]