Lauter alte und viele neue Hüte

Eine ungewöhnliche religiöse Sammlung

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ROM, 16. Januar 2012 (ZENIT.org). – Für  den Besitzer der größten Sammlung mit religiösen Kopfbedeckungen der Welt, Dieter Philippi, könnte es bald einen großen neuen Schritt für seine Sammlung geben. Nach der Veröffentlichung seines 712- seitigen Buches im Jahr 2009 über die breitgefächerte Auswahl religiöser Kopfbedeckungen der katholischen Kirche, der griechisch-orthodoxen Kirche, der Kopten, der Syrer, vieler anderer christlichen Kirchen und über den Kopfschmuck anderer Religionen kam ein bedeutender Moment im Mai 2011: Dieter Philippi überreichte Papst Benedikt XVI. im Rahmen der Mittwochsaudienz eine für ihn persönlich handgefertigte Tiara. ZENIT sprach mit Herrn Philippi über dieses Ereignis, seine Sammlung und neue Gespräche über eine geplante Ausstellung in Rom.

[Das Interview führte Jan Bentz]

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ZENIT: Herr Philippi, können Sie uns einmal kurz schildern, wie und warum Sie diese etwas ungewöhnliche Sammlung begonnen haben?

Dieter Philippi: Das ist schon einige Jahre her. Als ich im Herbst 1998 in Rom spazieren ging, sah ich im Schaufenster der Firma Gammarelli in der Nähe des Pantheons ein rotes Kardinalsbirett und dachte mir, dieses wäre doch einmal ein etwas anderes Mitbringsel als die normalen Souvenirs, die man in den Straßen Roms erwerben kann. Ich habe mir also ein Herz gefasst und die Schneiderei betreten, allerdings schon mit der dumpfen Befürchtung, dass diese Art der Bekleidung vielleicht nicht an Laien verkauft werde. Die Sorge war unbegründet. Ich konnte das Birett für 45.000 Lire erstehen. Ich erinnere mich noch genau: es war Hutgröße 59. Dies war das erste Stück meiner Sammlung. Nach diesem Objekt folgten noch zwei weitere Birette, ein schwarzes für einen Priester und ein violettfarbenes für einen Bischof. Ich dachte mir nun, dass die Sammlung ohne die „Zucchetti“, also die Scheitelkäppchen, ja nicht komplett wäre. Und das wichtigste, nämlich das weiße Käppchen des Papstes, fehlte auch noch. Ein griechischer Freund hat mir dann noch angeboten, zwei Stücke aus der griechisch-orthodoxen Kirche zu schenken… Heute umfasst die Sammlung über 550 Objekte. Das Ganze war also ein „step-by-step“-Prozess, bis mich das Sammlerfieber packte und ich begann, mich auch für die Kopfbedeckungen anderer Religionen zu interessieren. So kam eins zum anderen.

ZENIT: Wie haben Sie die meisten Stücke bekommen? Haben Sie sie gekauft, stammen sie aus Erbschaften oder Schenkungen?

Dieter Phillipi: Es gab genau diese zwei Wege: den kommerziellen Weg, wie z.B. in Rom, St. Petersburg oder Athen, wo man sie im Geschäft kaufen kann. Das ist der einfachste Weg. Ungefähr die Hälfte der Stücke habe ich auf diese Weise erworben. Für die andere Hälfte war es leider nicht so einfach, denn die Kirchen, wie z.B. die armenisch apostolische Kirche, verkaufen keine Kopfbedeckungen. Jedes Stück wird speziell für jemanden hergestellt. Ich musste mich also direkt mit den Schneidern in den Patriarchaten oder Klöstern in Verbindung setzen. Das funktioniert aber nur, wenn man Fürsprecher hat. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Bei den Armeniern hat mir der Primas der armenischen Kirche in Deutschland geholfen und mir seinen Veghar überlassen. Auch ein koptischer Bischof hat mir seine eigene Kopfbedeckung geschenkt, mit dem Kommentar, sich bei seinem nächsten Besuch in Kairo Ersatz zu kaufen.  Es gibt auch Stücke aus der syrisch-orthodoxen Kirche, die mir geschenkt wurden. Dies sind also tatsächlich die beiden Wege, auf denen ich zu den verschiedenen Stücken kam.

ZENIT: Welchen Wert hat die Sammlung insgesamt?

Dieter Philippi: Das ist schwer zu sagen, ich müsste schätzen. Es kamen ja auch einige Stücke dazu, die mir geschenkt wurden. Ich würde den Gesamtwert auf 150.000 Euro beziffern.


ZENIT: Die Übergabe der Tiara an Papst Benedikt am 25. Mai 2011 war gewissermaßen ein Höhepunkt im Leben Ihrer Sammlung. Wie hat der Papst denn reagiert, als er das Stück in Empfang nahm?

Dieter Philippi: Es war so, dass ich erst einmal um die Audienz bitten musste und das war die erste Frage; das Ganze habe ich eigentlich eher pessimistisch gesehen. Der Vatikan hätte Bedenken haben können, dass er eine falsche Botschaft in die Welt sendet, wenn der Papst nun eine Papstkrone annimmt, wie es auch mit dem „Camauro“ geschehen war, den er einmal an einem kalten Wintertag getragen hat. Ich war also eher zurückhaltend. Das Stück ließ ich aber dennoch mit sehr viel Aufwand herstellen. Vier Handwerker in Bulgarien haben über einen längeren Zeitraum mit viel Liebe die Kunstperlen und -steine eingearbeitet und das Papstwappen auf die Infuln, die herabhängenden Bänder gestickt.  Der Vatikan hat glücklicherweise dann doch entschieden, dieses Geschenk anzunehmen. Daraufhin kamen geteilte Reaktionen, sehr positive Zuschriften erreichten mich, aber auch Kritik. Es ist also durchaus ein kontroverses Thema. Der Papst hat sich aber sichtlich gefreut, wenn es auch eine recht kurze Übergabe war. Er hob die Schönheit der Tiara besonders hervor. An seinen Worten und seinem Gesichtsausdruck konnte man die Wertschätzung für die Besonderheit des Geschenkes ablesen.

ZENIT: Papst Benedikt XVI. legt offensichtlich sehr viel Wert auf Schönheit, sei es in der Liturgie oder bei anderen Funktionen. Das sieht man z.B. an den Messgewändern. Würden Sie da zustimmen?

Dieter Philippi: Ich denke auch, dass zwischen dem neuen Zeremonienmeister Guido Marino und dem Papst gutes Einvernehmen herrscht. Einige Dinge, die von Paul VI. oder Johannes Paul II. abgeschafft wurden, werden wieder eingeführt. Der Katholizismus soll in seiner Ausdrucksform geprägt und verbessert werden. Mir fiel bei meinen Besuch in Rom besonders auf, dass viele Priester, gerade aus dem angelsächsischen Bereich, selbstverständlich die Soutane, die Greca und den Cappello Romano tragen. Gerade die jungen Priester „verkleiden“ sich also nicht als Laien, sondern sind ganz bewusst katholisch gekleidet und tun dies gerne. Sie möchten als Priester immer und überall erkannt werden.

ZENIT: Hat denn Ihrer Meinung nach die Schönheit einen Platz in der Glaubensverkündung und in der Darstellung der katholischen Kirche vor der Welt?

Dieter Philippi: Ich würde zumindest sagen, dass die Schönheit ein Teil der Ganzheit des Glaubens ist. Natürlich gibt es Menschen, die sagen; Was hat denn ein hochwertiges Gewand, eine schöne Mitra oder ein wertvoller Kelch mit dem Glauben zu tun. Es entspricht aber meinem Empfinden, dass doch die meisten Menschen verstehen, dass zur katholischen Kirche auch die Schönheit gehört. Das spricht also für eine schöne Ausstattung mit wertvollen Gewändern und einer entsprechenden Zeremonie. Es bringt nichts, wenn Dinge abgeschafft werden, nur um dem Zeitgeist zu genügen. Ich denke, man möchte sich auch wieder auf die Traditionen besinnen. Ich habe in dem Zusammenhang einmal einen guten Vergleich gehört: Ein Mann schenkt seiner Frau oder Angebeteten ein teures Schmuck- oder wertvolles Kleidungsstück, um sie seiner Liebe, Achtung und Wertschätzung zu versichern. Warum sollte man dann auch nicht Gott mit schönen Gewändern oder hochwertigen Ausstattungsstücken Ehre erweisen dürfen? Mit dem Verschenken von Pretiosen drückt der Mensch seine Hochachtung, Verehrung und Wertschätzung aus. Auch gegenüber Gott.

ZENIT: Sie haben in Ihrer Sammlung auch Stücke aus anderen Religionen. Nun kann man sich vorstellen, dass es bereits in der katholischen Kirche Schwierigkeiten geben könnte, festzustellen, welche Kopfbedeckungen genau für welche Zwecke bzw. Ämter genutzt wurden und werden. Wie machen Sie das denn bei den Stücken aus anderen Religionen? Konsultieren Sie Geschichtsbücher oder kennen Sie Gelehrte in diesem Bereich?

Dieter Philippi: Es ist genauso, wie Sie es sagen: Es bleibt oft bei Fragen. Mir passierte es, dass ich drei Personen gefragt habe, die alle mit der entsprechenden Religion verbunden waren und tatsächlich drei verschiedene Antworten bekommen habe. Das hat mich manchmal doch etwas erstaunt. Ich habe vor kurzem im Vatikan selber einmal nachgefragt und musste feststellen, dass oft der Vatikan selber nicht in der Lage ist, genaue Auskunft zu geben, vor allem bei Detailfragen. Zum Beispiel könnte man nach der Kopfbedeckung des Generalpriors des „Instituts Christus König und Hohepriester“, Msgr. Gilles Wach, fragen. Ich glaube nicht, dass alle im Vatikan beantworten könnten, dass er ein himmelblaues Birett trägt, das Blau als Hommage an das Königsblau der Muttergottes. Das ist bei anderen Religionen auch so. Ich habe oft sehr widersprüchliche Antworten bekommen. Exakte Ausführungsbestimmungen, wie es sich vielleicht gerade die Deutschen wünschen würden, gibt es leider nicht. Diese Tatsache macht es einerseits müßig und schwierig, andererseits aber auch sehr spannend… Vor allem unterscheiden sich die Antworten über Sinn und Symbolik der entsprechenden Kopfbedeckung. Fragt man nach den Hintergründen, warum ein Hut diese oder jene Form hat, bekommt man teilweise die unterschiedlichsten Antworten.

ZENIT: Das zeigt vor allem auch, dass die Tradition lebendig ist. Nach welchem Stück fahnden Sie im Moment?

Dieter Philippi: Gut, dass Sie da fragen. Als ich am 27. Oktober letzten Jahres den Tag der Reflexion, des Dialogs und des Gebets für Frieden und Gerechtigkeit auf der Welt in Assisi mit Spannung im Fernsehen verfolgte, habe ich doch noch drei Kopfbedeckungen entdeckt, die ich noch gar nicht kannte. Eine davon ist von einem taoistischen Priester, einem Professor aus Hong Kong. Der hatte einen interessanten Hut auf, da bin ich jetzt gerade auf der Suche. Bisher habe ich zwei Professoren kontaktiert, aber noch konnte mir keiner meine beiden Fragen beantworten: Wie heißt der Hut? Und: Was hat es mit einem Metallplättchen auf sich, dass sich auf der Vorderseite des Hutes befindet? Beide Professoren konnten mir keine Auskunft geben, obwohl beide ein Buch über den Taoismus geschrieben haben. Somit braucht man immer viel Geduld und Zeit.

ZENIT: Eine abschließende Frage: Es gibt Neuigkeiten über eine mögliche Ausstellung in Rom. Können Sie uns schon etwas verraten?

Dieter Philippi: Ich hatte bereits im Vorwort meines Buches etwas darüber erwähnt. Im Moment lagern die Stücke privat bei mir, was auf lange Frist nicht besonders sinnvoll ist. Schon seit längerem war eine Ausstellung geplant, damit die Stücke dauerhaft besichtigt werden können. Das Vorwort meines Buches wurde von geneigter Stelle in Rom sehr wohlwollend zur Kenntnis genommen. Man will mit mir darüber sprechen, ob sich denn etwas organisieren ließe, ob Rom vielleicht geeignete Räumlichkeiten für eine Ausstellung bieten könnte. Wenn das möglich ist, werde ich gerne einwilligen, aber Genaueres wird erst in den Gesprächen im Februar beschlossen werden können.

Buchtipp: Sammlung Philippi: Kopfbedeckungen in Glaube, Religion und Spiritualität, 711 Seiten, Verlag: St. Benno; 2009