"Leben manchmal seltsamer und schöner als Dichtung"

Australischer Kardinal: China zunehmend offen für Religion

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SYDNEY, 31. Oktober 2009 (ZENIT.org).- Der Erzbischof von Sydney, Kardinal George Pell, hat bei einer Versammlung vor katholischen Auslandschinesen der Volksrepublik China zunehmende Offenheit für Religion bescheinigt. „Einige Amtsträger sehen im Katholizismus eine Kraft für die politische Einheit", sagte der australische Oberhirte vor dem Vierten Weltweiten Pastoral- und Evangelisierungskongress von Überseechinesen (WOCPEC) in Sydney. Die Versammlung beschäftigte sich in diesem Jahr mit der Evangelisierung von Menschen mit chinesischen Vorfahren. Kardinal Pell hielt dort die Predigt während der Eröffnungsmesse, in der er die Entwicklung im chinesischen Christentum aufzeigte.

Er stellte fest, dass gemäß einiger Schätzungen die Gesamtzahl der Christen in der Volksrepublik inzwischen auf 130 Millionen angewachsen sei, der eine Zahl von 21 Millionen laut offizieller Angaben der Regierung aus dem Jahr 2006 gegenüber stehe. "Die öffentliche Meinung über Religion unterscheidet sich von der aus den schrecklichen Tagen der Roten Armee und der Maoistischen Feindseligkeit", betonte der australische Kardinal. Eine Umfrage habe ergeben, dass ein Drittel der Chinesen glaube, Religion sei wichtig. Dabei bezog er sich auf Erkenntnisse aus dem Buch „Gott ist zurück - wie das globale Wiederaufleben des Glaubens die Welt verändert" von John Micklethwait und Adrian Wooldridge.

Pell zufolge haben Zukunftsforschungen China prognostiziert, im Jahr 2050 größte christliche und muslimische Nation weltweit zu sein. Die Zukunft des Land sei zwar ungewiss, aber wenn gegenwärtige Trends sich fortsetzten, dann könnten derartige Vorhersagen für 2075 oder 2100 sinnvoll sein. „Auf jeden Fall", fügte der Kardinal hinzu, „erkennen viele Leute in der chinesischen Führung, dass gemeinschaftlich akzeptierte moralische Grundlagen zum Aufbau einer harmonischen Gesellschaft nötig sind." Seit Oktober 2007 würdige die chinesische Verfassung den Beitrag Gläubiger an der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Landes.

Im Jahr 2002 bereits stellte der regimenahe Wirtschaftsprofessor Zhao Xiao in seinem Aufsatz „Marktwirtschaften mit Kirchen und Marktwirtschaften ohne Kirchen" fest, dass die USA wegen ihrer christlichen Bekenntnisse zu kommerziellem Erfolg gelangt seien, nicht so sehr aufgrund natürlicher Ressourcen, des Finanzsystems oder der Technologie. Marktwirtschaft bestrafe zwar dieser Analyse zufolge die Trägheit, aber nicht, andere zu anzulügen oder zu verletzen. Gemäß der Überzeugung des Wirtschaftsexperten, sei eine moralische Grundlage nötig, um die Wirtschaft zu unterstüzen und zu regulieren. „Nur durch den Glauben kann der Markt eine Seele haben", zitierte Kardinal Pell den Chinesen.

„Offensichtlich sieht eine Mehrheit des chinesischen Politbüros das Christentum, besonders den Katholizismus, eindeutig als mit der Modernität kompatibel an und betrachtet den Glauben daher als herausragende Kraft für das Gute, für sozialen Zusammenhalt und politische Einheit." Am 18. Dezember 2007 nahmen Pell zufolge alle 23 Mitglieder des Politbüros nach öffentlicher Ankündigung an einem Tagesseminar über den christlichen Glauben teil.

Den China-Korrespondenten Francesco Sisci zitierend, sagte der australische Kardinal: „Ein offiziell atheistisches Regime möchte mit Hilfe der Religion eine Lücke füllen, die die diskreditierte kommunistische Ideologie angeblich beseitigt hat, und bittet die katholische Kirche, den alten Feind des Kommunismus, die beste und modernste Form sozialen Zusammenhalts anzubieten." Das Leben sei manchmal seltsamer und schöner als Dichtung, kommentierte der Kardinal. (mk)