Leben mit behinderten Menschen - eine Herausforderung zum Guten

Interview mit dem GroÃhospitalier S.E. Albrecht Freiherr von Boeselager

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 673 klicks

„Supporting and Caring for Persons with Intellectual and Developmental Disabilities (IDD): Ethical Reflections and Practical Considerations“ lautet das Thema des 6. Internationalen Kolloquiums der „International Association of Catholic Bioethicists“ (IACB), das mit der Unterstützung des Malteser Ordens organisiert und vom 9. bis zum 14. Juni 2013 in der Nähe Roms stattfinden wird.

Was ist die IACB?

Großhospitalier S.E. Albrecht Freiherr von Boeselager: Unter dem Dach des Malteser-Ordens haben sich 2005 Bioethiker aus aller Welt zu einer Assoziation zusammengeschlossen. Alle zwei Jahre finden Konferenzen mit Teilnehmern, die ursprünglich zum Großteil aus dem englischsprachigen Raum stammen, statt, um ein bioethisches Thema zu diskutieren. Wichtig ist dabei zu betonen, dass das Kolloquium erstens multidisziplinär ist und zweitens nicht allein der Vorstellung eigener Forschungsergebnisse und ihrer Diskussion dient, sondern vielmehr auf die Verabschiedung eines Konsens-Erklärung zielt. Darin liegt der Unterschied zu den üblichen Kongressen und Kolloquien. Unsere Verfahrensweise hat nämlich den großen Vorteil, dass die gemeinsame Arbeit an dem jeweiligen Thema ergebnisorientiert sein muss. Die Konsens-Erklärung wird gemeinsam erarbeitet und formuliert. Damit ist es gleichzeitig Ausdruck einer katholischen Grundlinie, die allen Teilnehmern trotz ihrer kulturellen und nationalen Unterschiede gemein ist.

Supporting and Caring for Persons with Intellectual and Developmental Disabilities (IDD): Ethical Reflections and Practical Considerations“ lautet das Thema des diesjährigen Kolloquiums. Was bedeutet IDD?

Großhospitalier S.E. Albrecht Freiherr von Boeselager: IDD bezeichnet eine Behinderung, die geistige, soziale und körperliche Fähigkeiten lebenslang einschränkt und vor dem 18. Lebensjahr festgestellt wird. Rund 2 Prozent der Bevölkerung sind von IDD betroffen. Die Erscheinungsbilder sind sehr unterschiedlich, ebenso wie die Schweregrade der Krankheitsbilder. Jeder Fall ist individuell.

Was bedeutet eine IDD-Diagnose konkret für eine Familie?

Großhospitalier S.E. Albrecht Freiherr von Boeselager: Heute stellt ein behindertes Kind oft eine größere Herausforderung als früher dar für eine Familie. Ein Großteil der Behinderungen kann bereits mit Hilfe der Pränataldiagnostik festgestellt werden. Dann erleben die Eltern oft einen erheblichen Druck von vielen Seiten, das Kind abzutreiben. Wenn Eltern sich trotz einer positiven Diagnose für das Kind entscheiden, müssen sie sich häufig für die Entscheidung rechtfertigen. In einigen Ländern gibt es in diesen Fällen sogar Schwierigkeiten mit den zuständigen Krankenversicherungen.

In vielen Fällen sind heutzutage erschwerend beide Elternteile berufstätig. Im Alltag stellt sich deshalb den Eltern das große Problem, wie sie die Versorgung des Kindes bestmöglich organisieren können. Auch im familiären Zusammenleben stellt ein behindertes Kind eine große Herausforderung für alle Betroffenen dar: Manche Familien geraten in eine tiefe Krise; manche wachsen noch enger zusammen.

Deshalb müssen wir uns den Fragen stellen: Was ist notwendig zur Unterstützung der Behinderten und ihrer Familien? Wie ist der Blick unserer Gesellschaft auf unsere behinderten Mitmenschen?

Benedikt XVI. äußerte am 20. August 2011 beim Besuch der Stiftung „Fundación Instituto S. José“ in Madrid passend zu diesem Thema: „Dazu habe ich in meiner Enzyklika über die Hoffnung gesagt: ‚Das Maß der Humanität bestimmt sich ganz wesentlich im Verhältnis zum Leid und zum Leidenden. […] Eine Gesellschaft, die die Leidenden nicht annehmen und nicht im Mit-leiden helfen kann, Leid auch von innen zu teilen und zu tragen, ist eine grausame und inhumane Gesellschaft‘ (Spe salvi, 38). Diese Worte spiegeln eine lange Tradition der Menschlichkeit wider, die aus der Selbsthingabe hervorgeht, die Christus am Kreuz für uns und unsere Erlösung vollbracht hat. Jesus – und auf seinen Spuren seine Schmerzhafte Mutter und die Heiligen – sind die Zeugen, die uns lehren, das Drama der Krankheit und des Leidens zu unserem Wohl und zum Heil der Welt zu leben. Diese Zeugen sprechen zu uns vor allem von der Würde eines jeden Menschenlebens, das ja nach dem Bild Gottes geschaffen wurde.  … Andererseits seid ihr auch Zeugen für das unermeßliche Gut, das das Leben dieser jungen Menschen für diejenigen, die ihnen zur Seite stehen, wie auch für die gesamte Menschheit darstellt. In geheimnisvoller, aber sehr realer Weise weckt die Wirklichkeit ihres Lebens in unseren oft verhärteten Herzen eine Zärtlichkeit, die uns für das Heil öffnet.

Großhospitalier S.E. Albrecht Freiherr von Boeselager: Diese Menschen sind ein Segen, sie sind der Spiegel für die Achtung der Menschenwürde in unserer Gesellschaft, sie sind Menschen, die ohne Schuld in besonderer Weise die Last unserer gefallenen Welt tragen. Behinderte Menschen sind für uns eine Herausforderung zum Guten. Wir stellen fest, dass bei den Pilgerfahrten und Jugendfahrten, die der Malteser Orden organisiert, die jungen Menschen im Kontakt mit den Behinderten ihre eigene Liebesfähigkeit und Persönlichkeit entdecken können. Ein Blick auf einen traurigen Vorfall während des Weltjugendtags in Köln zeigt, dass wir aber auch teilweise innerhalb der Kirche unser Verhalten gegenüber unseren behinderten Mitmenschen überdenken müssen: Für die behinderten Teilnehmer hatte der Veranstalter einen Sonderplatz reserviert, der dann aber von anderen Teilnehmern besetzt wurde. Den Veranstalter traf keine Schuld. Für die Behinderten stellte dieser Vorfall eine Katastrophe dar, denn selbst in der Kirche war kein Platz für sie. Ihre Mitbrüder- und schwestern hatten sich geweigert, den Platz für ihre behinderten Mitmenschen zu räumen.

Weitere Informationen können der folgenden Homepage entnommen werden: www.iacb.eu

Das Interview führte Britta Dörre.