Lebenslanges Lernen in der Nachfolge des Herrn: Joseph Ratzinger und das Vermächtnis des heiligen Benedikt von Nursia

Von Abt Engelbert Baumeister OSB

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ROM, 16. April 2006 (ZENIT.org).- Lehren und lernen – beides hat das Leben Joseph Ratzingers geprägt. "Ich wusste mich zum Gelehrtenleben berufen", schrieb der ehemalige Dogmatikprofessor in seinen Lebenserinnerungen. Heute ist sein "Schülerkreis" größer denn je: Zehntausende hören ihm jede Woche in Rom zu, Millionen lesen seine Ansprachen und Predigten. Nach der Wahl zum Papst hat er den Namen eines Heiligen gewählt, der unzähligen Christen zum Lehrer für ihr geistliches Leben geworden ist: Benedikt von Nursia hat mit seiner Klosterregel eine Schule für den Dienst des Herrn eingerichtet.



Die Regel des heiligen Benedikt wird in den Benediktinerklöstern das Jahr hindurch dreimal in Abschnitten vorgelesen, um die Mönche und Nonnen daraus in ihrem Dienst vor Gott zu bestärken. Auch die Gäste in unseren Klöstern greifen während ihrer Einkehrtage gerne zu diesem Buch und suchen sich wegweisende Worte. Kürzlich sagte mir ein Bischof, der sich für seine stillen Exerzitien öfter in ein Benediktinerkloster zurückzieht, dass er dann immer versucht, die ganze Regel Benedikts zu lesen und aus ihr zu schöpfen. Joseph Kardinal Ratzinger hat solche Aufenthalte auch sehr geschätzt.

Kurz vor seiner Wahl zum Papst und der Annahme des Namens Benedikt hat er am ersten April 2005 im Kloster Subiaco einen sehr beachteten Vortrag gehalten über "Europa in der Krise der Kulturen". Abschließend sagte er dort: "Wir brauchen Menschen wie Benedikt von Nursia, der in einer Zeit der Auflösung und des Verfalls sich in die äußerste Einsamkeit versenkte, aus der er aber nach vielen Läuterungen herausgeführt wurde, um aufzusteigen zum Licht. Er kehrte zurück und gründete Montecassino, die Stadt auf dem Berge, die trotz vieler Zerstörungen die Kräfte vereinte, aus denen sich eine neue Welt formte. So wurde Benedikt wie Abraham zum Vater vieler Völker."

Zur 1 500. Wiederkehr der Geburt des heiligen Benedikt (geb. 480) sagt Papst Johannes Paul II. im Apostolischen Schreiben "Sanctorum altrix" vom 11. Juli 1980: "Die Liebe zu Gott drängte ihn, sich mit anderen Männern zusammenzutun und als ihr Vater mit ihnen eine Schule für den Dienst des Herrn einzurichten. So bildeten er und seine Schüler im Gebrauch der Instrumente der guten Werke, verbunden mit weisem Pflichtbewusstsein, ein kleines christliches Gemeinwesen. In ihm herrschten, nach einem Wort Pauls VI., meines Vorgängers seligen Angedenkens, Liebe, Gehorsam, Unschuld, ein nicht den Dingen verhafteter Geist und die Kunst, sie richtig zu gebrauchen, der Primat des Geistigen und der Friede, kurz: das Evangelium. Indem er also das Gute vollbrachte, das sich in der kirchlichen Überlieferung des Ostens und des Westens vorfand, gelangte der Heilige aus Nursia zu einer ganzheitlichen Sicht des Menschen, dessen personale Würde er allen als unverletzlich einschärfte."

Von den Ursprungsstätten benediktinischen Lernens und Lehrens und von unseren Klöstern darf und soll auch heute ein Impuls ausgehen, dass wir im Leben und in der Regel des heiligen Benedikt Orientierung suchen und finden. Sein ganzes Lebensprogramm fasst Benedikt gleichsam in den letzten Sätzen des Prologs zu seiner Regel zusammen in den Worten: "Wir wollen also eine Schule für den Dienst des Herrn einrichten" (Prolog 45). Damit weist er hin auf den Sinn monastischen Lebens als lebenslanges Lernen in der Nachfolge Christi. Die Schule ist hier eine Gemeinschaft Gleichgesinnter, die bereit sind zu lernen; der Lehrer in dieser Schule ist Christus selbst.

In pädagogisch klugen Schritten bereitet Benedikt uns, die Schüler in der Nachfolge Christi, auf sein Lernprogramm im gelebten Alltag vor. Was jeder Lehrende in Kirche und Welt von seinen Schülern und Hörern erwartet, nämlich dass sie ihm Gehör schenken, dazu ermutigt Benedikt mit den ersten Worten des Prologs: "Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters!" (Prolog 1). Es ist wie ein Weckruf, mit dem er anklopft und einlädt, sich mit hörender Aufmerksamkeit auf das Leben einzulassen und auf einen Meister zu hören, der es verdient, dass man ihm das Ohr leiht.

So viele andere Stimmen und Meinungen wollen uns täglich in ihren Bann ziehen, so dass es wichtig ist, den richtigen Ruf herauszuhören und "mit dem Ohr des Herzens als Zuspruch des gütigen Vaters anzunehmen" (Prolog 1). Dann will er den Hörer ganz persönlich erreichen, um ihn aus der Masse herauszuholen: "An dich also richtet sich mein Wort, wer immer du bist" (Prolog 3). So stiftet Benedikt eine Beziehung vom Lehrenden zum Lernenden, spricht ihn auf die ihm eigene Freiheit der Entscheidung an, in der er die Verantwortung und Zielrichtung für sein Leben bedenken und abwägen kann. Er ermutigt, dies im Lichte Gottes zu tun: "Öffnen wir die Augen dem göttlichen Licht" (Prolog 9).

So ist die Rolle des Abtes als Lehrer für Benedikt sehr wichtig. Er sieht diese Aufgabe aber in einer großen Einheit mit der Rolle eines Vaters, eines Arztes und eines Hirten für die Gemeinschaft. Auch der "Lehrstoff" steht in Verbindung mit seinem ganzen Leben: "...er mache alles Gute und Heilige mehr durch sein Leben als durch sein Reden sichtbar" (RB 2, 12).

Benedikt will als Lehrer seinen Schüler nicht an sich binden und vereinnahmen, sondern er weist ihn hin auf den gemeinsamen Meister: "Der Herr sucht in der Volksmenge einen Arbeiter für sich und sagt: Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?" (Prolog 14 - 15). Der Lehrende ist zwar dem Lernenden ein Stück weit voraus, aber gemeinsam erleben sie: "Seht, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg des Lebens." (Prolog 20).

Diese programmatischen Gedanken Benedikts vom "Hören und Lernen – in der Schule des Herrn" finden in den meisten Vorträgen, Artikeln und Büchern über Benedikt und seine Regel eine besondere Beachtung und Auslegung, weil sie auch ganz aktuell in unsere heutigen Lebenssituationen in Schule, Kirche und Gesellschaft hineinpassen. Sie schenken wertvolle Hilfen für das christliche Leben und auch Leitlinien für die Ausübung eines kirchlichen Amtes. Alles, was Benedikt im zweiten Kapitel über den Dienst und das Vorbild des Abtes sagt, hat in den Leitungsfunktionen in Kirche, Schule und Gesellschaft auch seine aktuelle Gültigkeit: "Er muss wissen, welch schwierige und mühevolle Aufgabe er auf sich nimmt: Menschen zu führen und der Eigenart vieler zu dienen. Muss er doch dem einen mit gewinnenden, dem anderen mit tadelnden, dem dritten mit überzeugenden Worten begegnen" (RB 2, 31).

Viele Benediktinerklöster versuchen in ihren Schulen in jungen Menschen das Verständnis zu wecken für die zeitlosen Ratschläge, die Benedikt für alle Lernenden und Lehrenden gibt. So lautet zum Beispiel für das Gymnasium der Benediktiner in Rohr/Bayern das Motto für dieses Schuljahr: "In der Schule des heiligen Benedikt". Der Schulleiter schreibt dazu im Vorwort der Hauszeitschrift "Rohrspatz": "Dieses Schulmotto hat wahrlich keine Begeisterungsstürme ausgelöst und wurde lange vor der Wahl von Kardinal Joseph Ratzinger zum Papst Benedikt festgelegt. Es entstand vielmehr vor dem Hintergrund vielfältigster persönlicher Ereignisse und Erlebnisse des Schulalltags in Verbindung zur Grundeinstellung unserer Schule und des Kollegiums. Beim Lesen der Regel des heiligen Benedikt kann man sich gut in dessen Gedankenwelt hineinversetzen, der mit dem Wort 'Schule' etwas Positives verband, auch wenn die 'schola' der Spätantike sicher etwas grundlegend anderes war als die staatlich anerkannte Ersatzschule, als welche unser Gymnasium heute firmiert. 'Schola' bedeutete soviel wie Muse, Erwerb von umfassender Bildung.

Im Prolog seiner Regel schreibt Benedikt: 'Wir wollen also eine Schule für den Dienst des Herrn einrichten. Bei dieser Gründung hoffen wir, nichts Hartes und nichts Schweres festzulegen. Sollte es jedoch aus wohlüberlegtem Grund etwas strenger zugehen, um Fehler zu bessern und die Liebe zu bewahren, dann lass dich nicht von Angst verwirren' (Prolog 45 - 48). Schule des Lebens heißt hier, tauglich für das Zusammenleben zu machen, tauglich zu machen, die Schwächen und die Stärken der Mitmenschen zu erkennen und darauf einzugehen, und nicht, dass die Schule zweckorientiert, auf späteres maximales Lebenseinkommen ausgerichtet sein sollte. Um unser Schulmotto zu verwirklichen, müssen wir uns der 'Regula' ganz allmählich nähern. So soll etwa an die Stelle des täglichen Schulgebets ein kurzer Absatz aus der Regel des heiligen Benedikt die Schülerinnen und Schüler zum Nachdenken und Erschließen des Gehörten bewegen. Nur durch ständigen Umgang machen wir uns dies zu Eigen. Es nützt jedoch nicht, wenn nur unsere Schüler ihr Wissen in diesem Bereich vermehren, denn um es zu leben, müssen auch die Lehrer und die Eltern diese Schule des heiligen Benedikt durchlaufen. 'Nur zu dem, was man selbst übt, kann man andere führen' (Edith Stein)."

Solche Worte eines Schulleiters zum Jahresmotto und als Ermutigung für Lehrer und Schüler können hier stellvertretend stehen für alle Schulen und Hochschulen, die, getragen von Schülern des heiligen Benedikt, heute in der ganzen Welt das große Erbe dieses "Vaters des abendländischen Mönchtums" und "Patron Europas" wachhalten und in unsere Zeit übersetzen. Die Verbundenheit mit ihren Schulen erfordert von den betreffenden Klöstern heute große – vor allem auch wirtschaftliche – Anstrengungen. Aber die Zeichen der Anerkennung und des Dankes der früheren Schüler ermutigen weiterhin zum Einsatz aller Kräfte für die Weitergabe dieser Werte in der "Schule des Herrn".

Aus den Worten von Joseph Kardinal Ratzinger bei einer Predigt im Kloster Ettal am 28. April 1980 geht dieses gemeinsame Lehren und Lernen noch umfassender hervor: "'Dominici schola servitii' hat Benedikt die Abtei genannt: Schule auf den Dienst des Herrn hin, Schule auf das künftige Leben hin, Schule der wahren Freiheit. Als Stätte, die Wissen vermittelt im Sinn heutigen Bildungswollens, muss diese Abtei doch zutiefst dieses Größere bleiben – Schule auf den Herrn hin, Schule auf das Eigentliche hin; ein Ort, in dem versucht wird, das kommende Leben jetzt zu leben."

In seinem Buch "Die Schule der Mönche, Inspirationen für unseren Alltag" schreibt Peter Seewald, der mit Kardinal Joseph Ratzinger und nun mit Papst Benedikt XVI. regen Kontakt hatte und Gespräche geführt hat, im Vorwort: "Die Schule der Mönche hat viele Klassen. Ich habe nur einige wenige besucht und versucht, die vergessenen Werkzeuge der geistlichen Kunst, wie Benedikt von Nursia seine Anleitungen nannte, möglichst verständlich wiederzugeben (…). Nicht zuletzt habe ich Joseph Kardinal Ratzinger viel zu verdanken, der mir in langen Gesprächen einen Grundeinblick in die Lehre des Christentums vermittelt hat und damit erst die Voraussetzung schuf, die Schule der Mönche besuchen zu können."

[© Die Tagespost vom 08.04.2006]