Lebt die authentische Freiheit!

Papst Benedikt XVI. an die Jugendlichen in Pennabilli

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PENNABILLI, Dienstag, 21. Juni 2011 (ZENIT.org). – Bei seinem Pastoralbesuch in San Marino am vergangenen Wochenende traf Papst Benedikt XVI. am Nachmittag mit den Jugendlichen zusammen.

Wir veröffentlichen die Ansprache des Papstes in einer eigenen deutschen Übersetzung:

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Liebe Jugendliche!

Ich bin sehr froh, heute inmitten von euch und bei euch zu sein! Ich spüre eure ganze Freude und euren Enthusiasmus, der euer Alter charakterisiert. Euren Bischof, Mons. Luigi Negri, grüße ich und danke ihm für seine herzlichen Willkommensworte. Er ist euer Freund und hat sich zum Dolmetscher der Gedanken und Gefühle von allen gemacht. Einige sehr ernste und wichtige Fragen hat er formuliert. Ich hoffe, dass sich im Lauf dieser meiner Ausführungen auch die Elemente finden lassen, um Antworten auf die Fragen zu erhalten. Ich grüße von Herzen die Priester, die Schwestern, die Animateure, die mit euch den Weg des Glaubens und der Freundschaft gehen; und natürlich eure Eltern, die sich freuen, euch im Guten stark wachsen zu sehen.

Unser Treffen hier in Pennabilli, vor der Kathedrale, dem Herzen der Diözese, und auf diesem Platz erinnert an zahlreiche und verschiedene Begegnungen Jesu, wie die Evangelienberichte erzählen. Heute möchte ich die bekannte Begegnung in Erinnerung rufen, wo der Herr unterwegs war, ein junger Mann auf ihn zulief, vor ihm auf die Knie fiel und ihn fragte: „Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ (Mk 10,17). Heute würden wir es vielleicht anders formulieren, aber der Sinn der Frage ist eigentlich: Was muss ich tun, wie muss ich leben, um wirklich zu leben, um das Leben zu finden? Wir können also sehen, dass in dieser Frage eine weitgreifende und differenzierte menschliche Erfahrung enthalten ist, die sich auf die Suche nach der Bedeutung, des tiefen Sinns des Lebens macht: wie leben, warum leben? Das „ewige Leben“, in der Tat, auf das der junge Mann im Evangelium hinweist, meint nicht nur allein das Leben nach dem Tod, es meint nicht nur die Ankunft im Himmel. Er möchte wissen: Wie muss ich jetzt leben, um schon das Leben zu haben, das dann auch ewig sein kann? Mit dieser Frage manifestiert der junge Mann das Bedürfnis, in der täglichen Existenz Sinn zu finden, die Fülle zu finden, die Wahrheit zu finden. Der Mensch kann nicht ohne die Suche nach der Wahrheit über sich selbst leben – wer bin ich, für was muss ich leben – eine Wahrheit, die anstößt, den Horizont zu öffnen und hinter das zu gehen, was materiell ist, nicht als eine Flucht vor der Realität, sondern um sie auf noch echterer Weise zu leben, reicher im Gefühl und in der Hoffnung, und nicht allein in der Oberflächlichkeit. Ich glaube, dass es auch eure Erfahrung ist, wie ich es den Worten eures Freundes entnommen habe. Die großen Fragen, mit denen wir euch konfrontieren, bleiben immer, leben immer wieder neu auf: Wer sind wir? Von woher kommen wir? Für wen leben wir? Diese Fragen sind Zeichen für die höhere Transzendenz des menschlichen Seins und der Fähigkeit, die wir haben, uns nicht mit der Oberflächlichkeit der Dinge zu begnügen. Und beim Blick in uns selbst in Wahrheit, mit Ernsthaftigkeit und mit Mut erahnen wir die Schönheit, aber auch die Unsicherheit des Lebens, und wir fühlen eine Unzufriedenheit, eine Unruhe, die nichts zu beruhigen vermag. Am Ende zeigen sich alle Versprechen als ungenügend.

Liebe Freunde, ich lade euch ein, diese gesunde und positive Unruhe wahrzunehmen, keine Furcht zu haben, grundlegende Fragen über den Sinn und den Wert des Lebens zu stellen. Begnügt euch nicht mit Teilantworten, spontanen, die für den Augenblick sicherlich leichter und bequemer sind, die für einige Momente Glück, Begeisterung gewähren und berauschen können, die euch aber nicht zum wahren Lebensglück führen, das dem geschenkt wird, der – wie Jesus sagt – nicht auf Sand, sondern auf solidem Fels baut. Lernt, eure menschlichen Erfahrungen zu reflektieren, sie nicht oberflächlich zu lesen, sondern mit Tiefe: Entdeck mit Erstaunen und Freude, dass euer Herz ein offenes Fenster zum Unendlichen ist! Das ist die Größe des Menschen und auch seine Schwierigkeit. Eine der Illusionen in der Geschichte ist die zu glauben, dass der technisch-wissenschaftliche Fortschritt, auf absolute Art und Weise, Antworten und Lösungen für alle Probleme der Menschheit geben würde. Und wir sehen, dass es nicht so ist. Wirklich, auch wenn es möglich gewesen wäre, nichts und niemand hätten die tiefen Fragen beseitigen können, über die Bedeutung des Lebens und des Todes, über die Bedeutung des Leidens, über dies alles, weil diese Fragen in die menschliche Seele geschrieben sind, in unser Herz, und sie überschreiten den Bereich der Bedürfnisse. Der Mensch bleibt ein Wesen, das, auch in der Zeit des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts – der uns viel gegeben hat - , mehr möchte, mehr als Bequemlichkeit und Wohlstand, er bleibt offen auf die ganze Wahrheit seiner Existenz hin, die sich nicht mit materiellen Dingen begnügen kann, sondern sich auf einen viel weiteren Horizont hin öffnet. Dieses alles erfahrt ihr kontinuierlich jedes Mal, wenn ihr euch fragt: aber warum? Wenn ihr einen Sonnenuntergang beobachtet oder eine Musik euer Herz und euren Geist berührt; wenn ihr erfasst, was zu lieben wirklich bedeutet; wenn ihr ein starkes Gefühl für Gerechtigkeit und Wahrheit erlebt, und auch, wenn ihr das Fehlen von Gerechtigkeit, Wahrheit und Glück erfahrt.

Liebe Jugendliche, die menschliche Erfahrung ist eine Realität, die alle verbindet, aber es kann verschiedene Bedeutungsebenen geben. Hier fällt die Entscheidung, wie ich das eigene Leben gestalte, die Wahl, wem ich es anvertraue, wem ich mich anvertraue. Das Risiko ist immer dieses, eingesperrt zu bleiben in den Dingen der Welt, des Unmittelbaren, des Relativen, des Nützlichen, die Sensibilität für unsere spirituelle Dimension zu verlieren. Dabei handelt es sich durchaus nicht darum, den Gebrauch des Verstandes außer acht zu lassen oder den wissenschaftlichen Fortschritt abzulehnen, im Gegenteil, es handelt sich darum zu verstehen, dass jeder von uns nicht allein mit einer „horizontalen“ Dimension geschaffen ist, sondern auch eine „vertikale“ mit einschließt. Die wissenschaftlichen Daten und die technologischen Instrumente können sie in der Welt des Lebens nicht ersetzen, auf dem Horizont der Bedeutungen und der Freiheit, des Reichtums der Freundschaftsbeziehungen und der Liebe.

Liebe Jugendliche, gerade in der Öffnung zur ganzen Wahrheit von uns, von uns selbst und der Welt, nehmen wir die Initiative Gottes in unseren Angelegenheiten wahr. Er kommt, um jedem Menschen zu begegnen und lässt ihn sein Geheimnis der Liebe erfahren. Im Herrn Jesus, der gestorben und auferstanden ist für uns und uns den Heiligen Geist geschenkt hat, haben wir wirklich Teil am Leben Gottes selbst, haben wir Teil an der Familie Gottes. In ihm, in Christus, könnt ihr die Antworten auf eure Fragen finden, die euren Weg begleiten, nicht oberflächlich, seicht, sondern mit Jesus gehend, mit Jesus lebend. Die Begegnung mit Christus besteht nicht darin, einer Lehre anzuhängen, einer Philosophie, sondern was er euch vorschlägt ist, sein eigenes Leben zu teilen und so wie er zu leben lernen, zu lernen, was der Mensch ist, wer ich bin. Dem jungen Mann, der ihn fragte, was er machen müsse, um ins ewige Leben eintreten zu können, das heißt, um wirklich leben zu können, antwortet Jesus, indem er ihn einlädt sich von seinen Gütern zu trennen und fügt hinzu:“Komm! Folge mir!“(Mk 10,21). Das Wort von Christus zeigt uns, dass unser Leben Bedeutung hat im Geheimnis Gottes, der die Liebe ist: eine Liebe, die anspruchsvoll ist, tief, die über Oberflächlichkeit hinausgeht! Was wäre unser Leben ohne diese Liebe? Gott sorgt für sein Geschöpf bis zum Ende der Zeiten, wenn er den Plan seiner Erlösung erfüllt. Im auferstandenen Herrn haben wir die Gewissheit unserer Hoffnung. Christus selbst, der in die Tiefe des Todes gegangen und auferstanden ist, ist die Hoffnung in Person, ist das endgültige Wort, in unserer Geschichte verkündet, es ist ein positives Wort.

Fürchtet euch nicht, euch schwierigen Situationen zu stellen, Momente der Krise, Prüfungen des Lebens, weil der Herr euch begleitet, er ist mit euch! Ich ermutige euch, in der Freundschaft mit Ihm zu wachsen durch die häufige Lesung der Evangelien und der ganzen Heiligen Schrift, die gläubige Teilnahme an der Eucharistie, wie eine persönliche Begegnung mit Christus, das Engagement innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft, den Weg mit einem fähigen spirituellen Begleiter. Durch den Heiligen Geist verwandelt könnt ihr versuchen, die authentische Freiheit zu probieren, die eine solche ist, wenn sie sich am Guten orientiert. In diesem Sinn wird unser Leben, beseelt von einer kontinuierlichen Suche des Antlitzes des Herrn und vom aufrichtigen Willen, euch selbst zu geben, für viele Gleichaltrige ein Zeichen sein, ein beredter Hinweis, dass der Wunsch nach der Fülle, der in jedem von euch ist, sich schließlich in der Begegnung mit dem Herrn Jesus realisiert. Lasst es zu, dass das Geheimnis von Christus eure ganze Person erleuchtet. Dann könnt ihr diese Neuheit in die verschieden Bereiche tragen, das die Beziehungen ändern kann, die Institutionen, die Strukturen, um eine gerechtere und solidarischere Welt zu bauen, beseelt von der Suche nach dem Gemeinwohl. Glaubt nicht den individualistischen und egoistischen Logiken! Euch stärke das Zeugnis von vielen jungen Menschen, die die Heiligkeit erreicht haben: Denkt an die kleine heilige Theresia, den heiligen Domenico Savo, die heilige Maria Goretti, den seligen Pier Giorgio Frassati, den seligen Alberto Marvelli – der von hier stammt – und viele andere, die euch unbekannt sind, aber die in ihrer Zeit im Licht und in der Kraft des Evangeliums gelebt und eine Antwort gefunden haben: Wie leben, was muss ich tun, um zu leben?

Am Ende dieses Treffens möchte ich jeden einzelnen von euch der Jungfrau Maria anvertrauen, der Mutter der Kirche. Wie sie, könnt ihr euer Ja aussprechen und erneuern und immer den Herrn mit eurem Leben preisen, weil er euch Worte ewigen Lebens gibt! Mut also, liebe junge Menschen auf eurem Glaubensweg und im christlichen Leben, auch ich bin euch immer nahe und ich begleite euch mit meinem Segen. Danke für eure Aufmerksamkeit!

[Übersetzung aus dem Italienischen von Mag. Maria Raphaela Hölscher © Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana]