Lectio Magistralis von Kard. Piacenza auf einem Kongress der Alleanza Cattolica

Zwanzig Jahre Katechismus der Katholischen Kirche zugunsten einer Neuevangelisierung (Teil I)

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ROM 4. Juli 2012 (ZENIT.org). - Kardinal Mauro Piacenza, der Präsident der Kleruskongregation, hielt am 19. Mai eine Lectio Magistralis zum Thema „Zwanzig Jahre Katechismus der Katholischen Kirche zugunsten einer Neuevangelisierung“ anlässlich eines Kongresses der „Alleanza Cattolica“, „Cristianità“ und der IDIS („Institut für Ausbildung und Sozialinformation“) in Rom. Der Kongress fand zum 20. Jahrestag der Veröffentlichung des Katechismus der Katholischen Kirche statt und stellt das größte Ereignis dar, das die „Alleanza Cattolica“ in ihrer Geschichte organisiert hat. Man möchte damit dem Wunsch Papst Benedikt XVI. entgegenkommen, dem Katechismus eine neue Wertschätzung entgegenzubringen und ihn als Instrument der Neuevangelisierung zu nutzen. ZENIT veröffentlicht exklusiv die „Lectio magistralis“ in deutscher Übersetzung.

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Hochwürdigste Mitbrüder im Bischofsamt,

geschätzter Herr Rektor,

verehrte Herren,

liebe Freunde,

es freut mich, mit diesem Vortrag zu einem Kongress beitragen zu dürfen, der in gewisser Weise das Jahr des Glaubens vorwegnimmt und uns Gelegenheit bietet, die Beweggründe zu vertiefen, die hinter einem der beiden Anlässe stehen, die zu dieser Feier des Glaubens geführt haben: Ich beziehe mich auf das zwanzigste Jahr der Veröffentlichung des Katechismus der Katholischen Kirche – ein Anlass, der aber in Wirklichkeit nicht von seinem Pendant, dem fünfzigsten Jahrestag der Einberufung des Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzils, getrennt werden kann.

In meinem Beitrag werde ich auf drei Aspekte eingehen, die mir in Bezug auf das Thema, das mir zugewiesen wurde, wesentlich erscheinen. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang: Die zwischen dem Katechismus der Katholischen Kirche und dem Zweiten Vatikanischen Konzil bestehende Beziehung, einige Perspektiven in Bezug auf die Rezeption des Katechismus und schließlich die enge Verbindung, die zwischen dem Katechismus und der Neuevangelisierung besteht.

Bevor ich die Thematik zu entfalten beginne, möchte ich vorausschicken, dass ich mir sehr wohl dessen bewusst bin, dass ein Dokument, ganz gleich welcher Art, nicht ausreicht, um radikale Veränderungen und Reformen im Sinne des Evangeliums herbeizuführen.

Schriftliche Dokumente spielen eine wesentliche Rolle und sind auf jedem echten Weg der Bekehrung – und somit auch der Reform – eine Hilfe, indem sie nämlich Argumente hierfür aufzeigen und wertvolle Hinweise geben, doch die Antriebsquelle für eine persönliche und kirchliche Erneuerung ist sicherlich immer, allein und vor allem die Heiligkeit! – Sowohl die objektive Heiligkeit der Kirche, insofern als sie der mystische Leib Christi ist, als auch die persönliche Heiligkeit von jedem einzelnen ihrer Mitglieder.

Wenn dem nicht so wäre, würde auch die schon seit einem Jahrzehnt andauernde Rede von der Neuevangelisierung – offiziell wird der Begriff seit dem Dokument „Novo Millennio ineunte“verwendet – Gefahr laufen, sich als „Slogan“ zu entpuppen, den man propagandistisch immer wieder aufgreift, ohne dass jedoch eine echte Verbindung zur Wirklichkeit, zu den konkreten kulturellen, doktrinären und pastoralen Gegebenheiten, die in den christlichen Gemeinschaften und Teilkirchen herrschen, besteht.

Der Katechismus der Katholischen Kirche und das Zweite Vatikanischen Konzil

Ein grundlegender Aspekt, den man stets berücksichtigen muss, wenn man über den Katechismus der Katholischen Kirche spricht, ist dessen Verbindung mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Der Katechismus hat seine Grundlage „im“Konzil, „vom“Konzil her wächst und entfaltet er sich und schließlich ist er auch eine reife Frucht „des“selben.

Jede andersartige Sichtweise wäre verkürzend und könnte nicht erklären, warum die Kirche sich so viel Mühe gegeben hat, eine „Summe des Glaubens“ zu erarbeiten, die einen solch grundsätzlichen und universalen Charakter besitzt, wie es beim Katechismus der Fall ist!

Der selige Johannes Paul II. schrieb in der am 11. Oktober 1992 unterzeichneten Apostolischen Konstitution „Fidei depositum“: „Das Konzil hat nach seinem Abschluss nicht aufgehört, das Leben der Kirche anzuregen. […] In diesem Geist habe ich am 25. Januar 1985 eine außerordentliche Versammlung der Bischofssynode aus Anlass des 20. Jahrestages des Konzilsabschlusses einberufen. Ziel dieser Versammlung war es, die Gnaden und geistlichen Früchte des Zweiten Vatikanischen Konzils zu würdigen und seine Lehre zu vertiefen, um es noch besser zu befolgen sowie seine Kenntnis und Anwendung weiter zu fördern. Bei dieser Gelegenheit haben die Synodenväter festgestellt: ,,Sehr einmütig wird ein Katechismus bzw. ein Kompendium der ganzen katholischen Glaubens- und Sittenlehre gewünscht […].“ [D]ieser Katechismus [wird] einen sehr wichtigen Beitrag zum Werk der Erneuerung des gesamten kirchlichen Lebens leisten, wie es vom Zweiten Vatikanischen Konzil gewollt und eingeleitet wurde.“

Ausdrückliche Verweise auf das Zweite Vatikanische Konzil findet man auch im promulgierten Text selbst, und zwar in seiner ersten Ausgabe in französischer Sprache (1992) sowie in jener der „Editio Typica latina“ (1997), – so als ob dadurch an den tiefen Impuls der Erneuerung erinnert werden solle, der vom Konzil auf die ganze Kirche ausgegangen ist.

Vom theologischen Standpunkt aus betrachtet ist zu bedenken, dass die Auferstehung eine neue Dimension des Lebens und der Wirklichkeit erschlossen hat, von der aus eine neue Welt ersteht, die ständig in unsere Welt hineinreicht, sie verwandelt und an sich zieht. All das geschieht ganz konkret im Leben und Zeugnis der Kirche; mehr noch, die Kirche ist selbst Erstlingsfrucht dieser Verwandlung, die nicht wir vollbringen, sondern die Gott vollbringt, und gerade darin besteht die wahre Erneuerung. Die Erstlingsfrucht dieser Erneuerung, dieser neuen Menschheit, die von der Auferstehung des Herrn verwandelt wurde, ist die Kirche. Die Gesellschaft erneuern, bedeutet für uns, die Verbreitung der Kirche zu fördern, und die Kirche erneuern bedeutet, jene „Neuheit“ treu umsetzen, die eine Charakteristik der Kirche selbst ist, und zwar kraft des Willens und des ungeschuldeten Geschenks, das Gott ständig gibt – im Heiligen Geist.

Insofern überrascht es nicht, dass bei jeder offiziellen Vorstellung des Katechismus der Katholischen Kirche ständig auf das Zweite Vatikanische Konzil verwiesen wird, denn Ersterer muss als tiefes und kirchlich vermitteltes Echo des Zweiten aufgefasst werden. Es kann auch gar nicht anders sein, denn allein das Konzil hat der Kirche die Kraft gegeben, den eigenen Glauben in gemeinschaftlicher Weise in einem neuen – im Sinne von erneuerten – Katechismus zum Ausdruck zu bringen.

Das ist alles wahr und es ist auch leicht anzunehmen – unter einer Bedingung: Dass man nämlich tatsächlich das Konzil kennen, lieben und seinen Anweisungen folgen will und nicht etwa der eigenen „Idee vom Konzil“. Bedingung ist also, dass man dem II. Vaticanum gehorchen will und nicht etwa jenem Ereignis, das nie stattgefunden hat und das nur dem Wunschdenken gewisser Leute entspricht.

Die Frage der korrekten Auslegung des Zweiten Vatikanischen Konzils hat auch seine Auswirkungen auf eine korrekte Interpretation der Beziehung zwischen dem Katechismus der Katholischen Kirche und dem Konzil. Diese Auslegung hat Papst Benedikt XVI. in der schon klassischen, am 22. Dezember 2005 gehaltenen Rede, umrissen, indem er sich für eine klare Option zugunsten einer Hermeneutik der Reform innerhalb der Kontinuität des gleichen Subjekts Kirche aussprach und offen darlegte, welch schwerwiegender Schaden entsteht, wenn nach einer so genannten „Hermeneutik des Bruchs“ vorgegangen wird.

Dies ist nicht der Ort, um sich in eine Debatte zu verwickeln, die so vielschichtig diskutiert wird und in der sich so unterschiedliche Stimmen zu Wort melden, dass unvermeidlich Spannungen entstehen.

Dennoch sehe ich es als meine Pflicht an, festzustellen, dass die „Gedankenregie“ des Heiligen Vaters (wie ich sie bezeichnen würde) langsam aber sicher ihre Früchte bringt. Bei immer mehr Anlässen spricht man vom Zweiten Vatikanischen Konzil, immer mehr Menschen, Studien und sogar Lehrstühle befassen sich mit ihm und wünschen dies auf die wissenschaftlichste Art und Weise zu tun. Vor allem aber möchte man dies frei von ideologischen Zwängen, die an kulturelle und soziale Umfelder gebunden sind, tun. Man will eine immer größere Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, der Geschichte, den Texten und deren Aufnahme erzielen, was für eine korrekte Hermeneutik wesentlich ist.

Schon der selige Johannes Paul II. hat über den Katechismus gesagt, dass er „eine Darlegung des Glaubens der Kirche und der katholischen Lehre [ist], wie sie von der Heiligen Schrift, der apostolischen Überlieferung und vom Lehramt der Kirche bezeugt oder erleuchtet wird. Ich erkenne ihn als gültiges und legitimes Werkzeug im Dienst der kirchlichen Gemeinschaft an, ferner als sichere Norm für die Lehre des Glaubens. Ich bitte daher die Hirten der Kirche und die Gläubigen, diesen Katechismus im Geist der Gemeinschaft anzunehmen und ihn sorgfältig bei der Erfüllung ihrer Sendung zu benutzen, wenn sie das Evangelium verkünden und zu einem Leben nach dem Evangelium aufrufen.“ (Apost. Konst. „Fidei depositum“).

Die Rezeption des Katechismus der Katholischen Kirche

Wir sind damit am zweiten Punkt dieses Vortrags angelangt. Hier möchte ich einige Pfade aufzeigen, die das Phänomen der Aufnahme des Katechismus auslegen und beschreiben.

Wie erwähnt wurde, kann man die Rezeption des Katechismus nicht völlig von der korrekten Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils unterscheiden und noch heute herrscht ein „seltsamer Bruch“ in jenen vor, die vom Konzil schwärmen aber andererseits dem Katechismus ablehnend gegenüberstehen, eben weil sie darin einen regelrechten Verrat an der Lehre des Konzils zu erkennen glauben.

Zugegebenermaßen handelt es sich – auch wenn die Kommunikationsmittel ständig diese Stimmen hörbar machen – zahlenmäßig um kleine Minderheiten, die eher ihre Standpunkte häufig wiederholen, als dass sie kreativ wären. Oft sind sie unfähig, dort, wo sich die Kirche als ein Leib entwickelt, jene Kräfte zu entdecken, die der Geist auf verschiedene Arten und Weisen und zu verschiedenen Zeiten weckt.

In den weitaus meisten Fällen hingegen wurde der Katechismus in allen Teilkirchen der Welt als ein Geschenk für die Hirten und die Gläubigen aufgenommen, als sicherer Bezugspunkt für die Erarbeitung regionaler (nationaler und diözesaner) Katechismen – was er in Wirklichkeit auch ist –und als Beitrag, der den Schwerpunkt des Glaubens der Kirche definiert.

Wir dürfen nicht vergessen, dass vor zwanzig Jahren das Umfeld ein anderes war, als es heute der Fall ist. Aufgrund der Schnelligkeit des durch die Unmittelbarkeit der Kommunikation verursachten soziokulturellen Wandels stellen zwanzig Jahre einen ausreichende Zeitspanne dar, um sagen zu können, dass das kulturelle Klima sich gründlich gewandelt hat. In diesem Sinne ist die Veröffentlichung des Katechismus ein Beweis für die Stärke der Kirche und den Mut des seligen Johannes Pauls II.!

Ebenfalls sehr beachtlich war in diesen Jahren die Rezeption des päpstlichen Lehramtes, das unaufhörlich auf ihn verwiesen hat, – so wie es das auch in Bezug auf die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils tat, wobei es diese Texte bisweilen mithilfe des Katechismus als einem sicheren Werkzeug der Auslegung erklärte. Ähnlich weitreichend fiel diese Rezeption in den lehramtlichen Dokumenten der Kurie  sowie im ordentlichen Lehramt der Hirten aus.

[Teil II folgt am Donnerstag, dem 5. Juli]

[Übersetzung des italienischen Originals von P. Thomas Fox]