Lectio Magistralis von Kard. Piacenza auf einem Kongress der Alleanza Cattolica

Zwanzig Jahre Katechismus der Katholischen Kirche zugunsten einer Neuevangelisierung (Teil II)

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ROM 5. Juli 2012 (ZENIT.org). - Kardinal Mauro Piacenza, der Präsident der Kleruskongregation, hielt am 19. Mai eine Lectio Magistralis zum Thema „Zwanzig Jahre Katechismus der Katholischen Kirche zugunsten einer Neuevangelisierung“ anlässlich eines Kongresses der „Alleanza Cattolica“, „Cristianità“ und der IDIS („Institut für Ausbildung und Sozialinformation“) in Rom. Der Kongress fand zum 20. Jahrestag der Veröffentlichung des Katechismus der Katholischen Kirche statt und stellt das größte Ereignis dar, das die „Alleanza Cattolica“ in ihrer Geschichte organisiert hat. Man möchte damit dem Wunsch Papst Benedikt XVI. entgegenkommen, dem Katechismus eine neue Wertschätzung entgegenzubringen und ihn als Instrument der Neuevangelisierung zu nutzen. ZENIT veröffentlicht exklusiv die „Lectio magistralis“ in deutscher Übersetzung.

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Es bleibt jedoch noch viel zu tun, um zu einer korrekten Beziehung zwischen Theologie und Katechismus zu gelangen und in diesem Sinne Fortschritte zu machen. Wir sind uns dessen klar bewusst, dass es nicht Aufgabe der Theologie ist, die offenbarte Wahrheit einfach zu wiederholen. Sie soll vielmehr die Erkenntnis der offenbarten Wahrheit vertiefen. Im Bereich der Theologie scheint man sich jedoch nicht genug darum gekümmert zu haben, jenen kostbaren Dienst und Beitrag zur Unterstützung der Argumente zu leisten, welche die doktrinären Aussagen untermauern. Wahrscheinlich wäre die Theologie viel fruchtbarer, wenn sie in Bezug auf die wesentlichen Wahrheiten unseres Glaubens die eigenen Kräfte in einer weniger zentrifugalen und fast schmerzhaft marginalen Weise einsetzen würde.
Die von der Kongregation für die Glaubenslehre herausgegebene Instruktion über die kirchliche Berufung des Theologen, welche die Unterschrift des damaligen Präfekten, Kardinal Joseph Ratzinger, trägt  (24.05.1990), erinnert in klarer Weise an die unersetzliche Rolle der Theologie in der Kirche und es wäre wirklich wünschenswert, dass, vor allem an den Theologischen Fakultäten, ausgesuchte Lehrstühle über den Katechismus der Katholischen Kirche, an denen man seine Entstehungsgeschichte, seine Rezeption, seine Entwicklung und vor allem seinen fruchtbaren Einsatz in der Pastoral studieren könnte, eingerichtet würden.

Wie Papst Benedikt vergangene Karwoche bei seiner Predigt im Rahmen der Chrisam-Messe gesagt hat: „All unsere Verkündigung muss Maß nehmen an dem Wort Jesu Christi: „Meine Lehre ist nicht meine Lehre“ (Joh 7,16). Wir verkündigen nicht private Theorien und Meinungen, sondern den Glauben der Kirche, deren Diener wir sind. Aber das darf natürlich nicht heißen, dass ich nicht mit meinem ganzen Ich hinter dieser Lehre und in ihr stehen würde.“ Vor allem diese letzte Passage – der Papst meinte, es sei seine Pflicht, dies klar zu betonen – zeigt, welche Position jeder Christ in Bezug auf die Lehre, die im Katechismus der Katholischen Kirche dargeboten ist, einnehmen sollte – und a fortiori gilt das dann auch für jeden Priester, Theologen und Bischof.

Dass man Diener der kirchlichen Lehre ist und sich völlig in sie hineinversetzt hat, gehört zu jener christlichen und priesterlichen Identität, die letztendlich auch thematisch den Grundtenor und Kern des Priester-Jahres, das wir von 2009-2010 gefeiert haben, stellte.
Der Prozess der offiziellen Rezeption des Katechismus der Katholischen Kirche ist vielleicht langwieriger als jener der realen Rezeption, wie diese sich vor allem auf der Ebene der Gemeinschaften, religiösen Familien, Vereinigungen, Bewegungen usw. abzeichnet. Das Jahr des Glaubens, das aus Anlass der Jahrestage des Konzils und des Katechismus einberufen wurde, hat auch folgenden Zweck: Eine noch intensivere und breitgefächerte Rezeption des Katechismus in seiner Eigenschaft als Werkzeug sicherer Lehre und einer korrekten Auslegung des Zweiten Vatikanischen Konzils zu gewähren.

Es ist vielleicht an der Zeit, mit hinreichender Deutlichkeit zu sagen, dass diejenigen sich gründlich irren, die behaupten, „der Katechismus habe das Konzil verraten“ oder „der Katechismus sei ein Schritt hinter das Konzil“. Hinter solchen Slogans verbirgt sich, nicht einmal allzu schwer erkennbar, ein Verständnismangel nicht nur für das Konzil selbst, sondern auch für das Wesen der ganzen Kirche als Leib Christi. Behauptungen dieser Art kommen vor allem aus Umfeldern, in denen man sich zu jener Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruchs bekennt, die vom Heiligen Vater ganz klar als für schwere Verwirrung im Volk Gottes verantwortlich ausgewiesen worden ist.

Darüber hinaus meine ich, dass solche Haltungen extrem schädlich sind und dem Konzil einen Bärendienst erweisen, sei es, weil sie leider Gottes zu widersetzlichen Reaktionen führen, die auch das Risiko des Bruchs mit sich bringen, sei es weil sie hauptsächlich mit ideologischen Verbrämungen den nüchternen Zugang zu den Texten des Konzils verbauen und somit die vergleichende Gegenüberstellung mit der ständigen Tradition und der kirchlichen Lehre sowie die Rezeption der grundlegenden Konzilstexte im nachfolgenden Lehramt, wie sich dieses unter dem Diener Gottes Paul VI. und vor allem unter dem seligen Johannes Paul II. ergeben hat, aufhalten.

Es ist viel geleistet worden, doch bleibt noch viel zu tun, damit der Katechismus der Katholischen Kirche auf rechte Weise rezipiert wird. Je mehr wir uns für seine Rezeption einsetzen und verwenden, umso mehr hat unser Engagement letztlich mit der Neuevangelisierung zu tun.

Der Katechismus der Katholischen Kirche und die Neuevangelisierung

In der oben zitierten Predigt, die Benedikt XVI. während der Chrisam-Messe hielt, sagte er: „Das Jahr des Glaubens, das Gedenken an die Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren soll uns ein Anlass sein, mit neuem Eifer und neuer Freude die Botschaft des Glaubens zu verkündigen. Die finden wir natürlich grundlegend und zuallererst in der Heiligen Schrift, die wir nicht genug lesen und bedenken können. Aber dabei machen wir alle die Erfahrung, dass wir Hilfe brauchen, um sie recht in die Gegenwart zu übertragen; dass sie uns wirklich ins Herz trifft. Diese Hilfe finden wir zuallererst im Wort der lehrenden Kirche: Die Texte des II. Vaticanums und der Katechismus der Katholischen Kirche sind die wesentlichen Instrumente, die uns unverfälscht zeigen, was die Kirche vom Wort Gottes her glaubt. Und natürlich gehört der ganze, noch längst nicht ausgeschöpfte Schatz der Dokumente dazu, die uns Papst Johannes Paul II. geschenkt hat.“

Der Papst selbst also erkennt die ununterbrochene Kontinuität des Lehramtes an, die zwischen den Texten des II. Vaticanums und dem Katechismus besteht und lädt die Kirche ein, den bei weitem noch nicht hinreichend ausgebeuteten Schatz an Dokumenten – ein mehr als zwanzigjähriger Bestand, den uns der selige Johannes Paul II. hinterlassen hat –, nutzbar zu machen.

Wenn man vom Zitat des Papstes ausgeht, kann man zwei Aspekte hervorheben, die sich auf die Beziehung zwischen Katechismus und Neuevangelisierung auswirken.

Den Ersten entnehmen wir den eigenen Worten Benedikts XVI., der feststellt: „[D]abei machen wir alle die Erfahrung, dass wir Hilfe brauchen, um sie recht in die Gegenwart zu übertragen; dass sie uns wirklich ins Herz trifft.“

Das Werk der Evangelisierung ist also nicht einfach ein menschliches „Tun“. Vielmehr bedarf es dabei in jedem Fall einer übernatürlichen Hilfe, die sich durch die Vermittlung von Zweitursachen ergibt (unter ihnen auch der Katechismus), die in die Lage versetzen, den rechten Glauben weiterzugeben. Jene Weitergabe muss „in der Gegenwart“ stattfinden, das heißt im Heute des täglichen Lebens und in diesem Sinne ist Evangelisierung stets neu, denn sie ist selbst eine stets neuerliche Verkündigung des Evangeliums in der Gegenwart. Zugleich erneuert sie, denn sie „macht denjenigen neu“, der die Verkündigung annimmt.

Außerdem meint der Heilige Vater mit gewisser prophetischer Vorahnung, dass all das notwendig ist, damit „sie uns wirklich ins Herz trifft“, und bestätigt dabei, dass der Christ gerade bei der Verkündigung des Evangeliums erlebt, wie sein Herz getroffen ist und er somit gemäß dem Prinzip der Übereinstimmung des eigenen Lebens mit der geglaubten Wahrheit, den Ruf zur Erneuerung verspürt.

Vor diesem Hintergrund dürfen wir hoffen, dass wir die Neuevangelisierung nicht entsprechend mehr oder weniger erfolgreichen menschlichen Strategien auszuführen haben oder dass sie nur ein Werk ist, das wir in zukünftigen Jahren vollbringen müssen. Ganz im Gegenteil! Sie wird in dem Maße verwirklicht, in dem der ganze Leib der Kirche den eigenen Glauben bekennt und durch dieses Glaubensbekenntnis von neuem selbst evangelisiert wird. Die Neuevangelisierung wird kein Werk sein, das von Hirten und Gläubigen bewerkstelligt wird. Vielmehr wird sie mit dem Werk der Verkündigung des Evangeliums selbst zusammenfallen, einer Verkündigung, die in dem Moment, in dem sie stattfindet, denjenigen, der sie vollbringt, erneuert. Und zugleich wird sie dabei Samenkorn der Hoffnung für denjenigen sein, der sie beachtet und aufnimmt.
Vergleichsweise könnte man sagen – erlauben Sie mir diesen Exkurs aufgrund meines Dienstes in der Kongregation für den Klerus –, dass die Neuevangelisierung ein wenig so aussieht, wie die Ausübung des Dienstes vonseiten der Priester: Dieser Dienst ist nicht von ihrer Person, von der ihnen eigenen Identität und Mission zu unterscheiden. Vielmehr fällt er damit zusammen und gerade in der Ausübung des Dienstes bekennen die Priester ihren Glauben, nehmen wahr, wie er sich erneuert und in eine Kraft verwandelt, die die Evangelisierung vorantreibt.

Der zweite Aspekt – und hier tritt nun ganz klar der Katechismus mit seinem ganzen doktrinären Gewicht in Erscheinung – ergibt sich aus der Beziehung zwischen der Verkündigung Christi, den man im eigenen Leben als Heiland und Erlöser anerkennt, und der Annahme dessen, was er uns über sich selbst, den Vater, die Kirche und den Menschen offenbart hat.

Mit anderen Worten ist es nicht möglich, Christus anzunehmen, ohne das anzunehmen, was er uns über Gott mitgeteilt hat. Eine Neuevangelisierung, die sich von den Glaubenswahrheiten und der Lehre trennt, ist nicht möglich, denn gerade diese sind ihr Inhalt und diese stellt sie ins Licht.

In diesem Sinne ist die Kenntnis des Katechismus der Katholischen Kirche, seine Verbreitung und fortschreitende Vermittlung im Netz des kirchlichen Geflechts schon ein Werk, das als Neuevangelisierung bezeichnet werden kann, denn so etwas wird unmöglich seine Wirkung auf die neu zu evangelisierende Zivilgesellschaft verfehlen, da die eigene innere Kraft immer eine ausstrahlende Wirkung hat.

Die Einteilung des Katechismus in vier Teile: Glaube im Bekenntnis, gefeierter Glaube, gelebter Glaube und Glaube im Gebet, übernimmt in treuer Weise die Einteilung des Römischen Katechismus ad parrocos, welcher nach dem Konzil von Trient erarbeitet worden war und bietet diese von neuem dar. Dieser Einteilung kann man vier fundamentale Leitlinien entlehnen, die man auch auf die Neuevangelisierung anzuwenden vermag.

Die vier oben genannten Bezugnahmen zum Glauben stellen also ebenso viele Pfade dar, deren Begehung für den Erfolg der Neuevangelisierung entscheidend ist. Wie es in den für das Jahr des Glaubens von der Kongregation für die Glaubenslehre gegebenen Hinweisen heißt, bedeutet eine Erneuerung des Glaubens, den man bekennt sicherlich auch Gelegenheiten zu finden, während derer man sich öffentlich zu diesem Glauben bekennt. Dabei soll natürlich die stets notwendige kulturelle Vertiefung, durch die das Denken fortschreitend erzogen wird, auch nicht vergessen werden. Durch die Lösung der Gedanken von der Verstrickung mit der Welt beginnt der Geist, die Vernunft fortschreitend im Sinne einer Glaubenshaltung einzusetzen und die wertvollen Hinweise des Lehrschreibens vom seligen Johannes Paul II., Fides et ratio, in konkrete Erfahrung umzusetzen.

Wie im zweiten Teil des Katechismus dargestellt, beinhaltet der gefeierte Glaube eine klare, an alle Gemeinschaften, die die Sakramente feiern, gerichtete Einladung, den Sinn für das Heilige wiederzuentdecken. Manche liturgische Feiern werden zu oberflächlich, ja bisweilen sogar auf banale Weise zelebriert, was zu einer inneren Abwendung vom Ritus geführt hat. Und mit dem Verlust der Mysteriendimension gingen auch zugleich der ureigene Sinn und die Bedeutung dieser Handlungen verloren. Man begeht einen eklatanten Fehler, wenn man meint, dass eine Kürzung der Dimension des Heiligen und der Anbetung die Riten besser verstehbar machen würde. Die Seele des Einzelnen, die Kraft des gefeierten Sakraments und die Gnade, die dieses schenkt, treten in einen geheimnisvollen Austausch, der durch den Heiligen Geist und sicher nicht durch unsere „besonders aktiv gestalteten“ Messfeiern zustande kommt. In dem Maße, in dem man in den Teilkirchen und den einzelnen Gemeinschaften sich wieder tiefer dessen bewusst wird, dass zur Feier des Glaubens die Anbetung gehört, wird auch die Neuevangelisierung einen kräftigen Impuls empfangen, denn wo der Glaube entsprechend den liturgischen Normen der Kirche und in Kontinuität mit ihrer ununterbrochenen Tradition gefeiert wird, kommt man mit dem in Berührung, was die größte Anziehungskraft besitzt und so gefeierter Glaube trägt in sich selbst evangelisierende Kraft.

Wir wissen sehr wohl, dass die Verkündigung der Wahrheit einhergehen muss mit der Kraft des Zeugnisses. Seit seinen Anfängen gehörte zum Christentum diese tiefe Einheit zwischen der verkündeten Wahrheit und der gelebten Liebe. In rechter Weise verstanden, stellt der dritte Teil des Katechismus eine große Stütze dar, um zu einer Verlebendigung des Glaubens aufzurufen. Gelebter Glaube trägt in sich eine große evangelisierende Kraft, denn ohne Worte übt er ein unbesiegbares Lehramt aus. Vergessen wir nicht, dass, um die Wahrheit zum Schweigen zu bringen, es in der Geschichte in nicht wenigen Fällen nötig war, nicht nur jene aus dem Verkehr zu ziehen, die die Wahrheit verkündeten, sondern auch jene, die sie lebten. Wie viele Märtyrer, die den Glauben bezeugt haben und bezeugen, hat es doch in nicht zu sehr entfernter Vergangenheit und in der Gegenwart gegeben! Die untrennbare Einheit zwischen dem Glauben, den man bekennt, feiert und lebt, wird also der vorrangigste dynamische Faktor der Neuevangelisierung sein. Wenn die Kirche in authentischerer und treuerer Weise glaubt, feiert und lebt, wird sie ihre Kraft zur Evangelisierung erneuern.

Hiermit komme ich nun zum Abschluss.

Schließlich ist, wie vom Katechismus der Katholischen Kirche vorgeschlagen, das Gebet Dreh- und Angelpunkt sowie Quelle der Neuevangelisierung. Ganz gleich, wie sehr wir uns anstrengen, es wird nichts geschehen, wenn nicht alles vom Gebet ausgeht und zum Gebet zurückkehrt: dorthin, wo wir als Einzelne und als Gemeinschaft vor Gottes Angesicht stehen, aufmerksam auf sein Wort und auf seinen Willen hören, für Kirche und Welt.

Nur das Gebet birgt die authentische Kraft zur Reform. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass derjenige, der nicht betet, Charismen zur Reform empfängt. Vielmehr wird er sie sich selbst anmaßen. Inwieweit sich in der Kirche eine authentische Reform ergibt, hängt vom Geist des Gebets ab. Ebenso hängt es vom Gebet ab, inwieweit eine Neuevangelisierung stattfindet, von jenem Gebet, das jeder von uns in der eigenen Existenz entdeckt, im Hören auf die Stimme des Herrn, in geistlicher Verbundenheit mit Petrus und den Aposteln, im Obergemach versammelt mit Maria, der Mutter der Kirche!

[Teil I finden Sie hier]

[Übersetzung des italienischen Originals von P. Thomas Fox]