Leiden am Schicksal der Profanität

Für den Philosophen Herbert Schnädelbach gibt es nur die leibliche Wirklichkeit

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Von Alexander Riebel

WÜRZBURG, 29. Mai 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Ein Atheist schleicht sich in die Gemeinschaft der Gläubigen ein. Denn nimmt man das Buch „Religion in der modernen Welt" in einer Buchhandlung zur Hand, fallen gleich die Worte des Autors im Vorwort auf, er sei zwar durch einen seiner Zeitungsartikel in die „Rolle eines ernst zu nehmenden Religionskritikers gedrängt" worden, die auszufüllen er aber gar nicht beabsichtigt hatte. Der gutgläubige Bücherfreund kann also meinen, hier doch etwas irgendwie Profundes zur Religion aus der Feder eines bekannten Philosophen zu bekommen. Das ist allerdings nicht der Fall.

Ganz im Gegenteil. Die Sammlung von Zeitungs- und Magazinartikeln Schnädelbachs ist ein einziger Angriff auf Kirche und Christentum. Unter dem Anschein des Argumentativen entstehen hier viel Polemik, Missverständnisse und Missdeutungen der Theologie und auch der Philosophiegeschichte. Grundsätzlich zweifelt Schnädelbach an der „Wiederkehr der Religion". Er sieht nur Symptome der Glaubensbereitschaft, den Willen zum Glauben, „der sich zur Attitüde des Glaubens bereitfindet". Schnädelbach vermag den Aufbruch gläubiger Jugendlicher etwa bei den Weltjugendtagen nur als distanzierter Beobachter wahrzunehmen. Was sich hier wirklich an Spiritualität ereignet, kann er nicht nachvollziehen. Dass die Moderne eben nun mal durch den „Verlust der Mitte" gekennzeichnet sei, wie er meint, ist kein Argument gegen die Wiedergewinnung des Glaubens. Es sind lauter Trivialitäten, die Schnädelbach vorbringt: dass der Glaube randständig sei, die Kultur pluralisiert, die Ich-Identität aufgespalten, der Glaube sei nur ein Bedürfnis. Überdeutlich ist das Ressentiment des Autors zu spüren, der einfach nur widerspricht und das, was er nicht mag, mit den alten religionskritischen Etiketten versieht. Nicht die Religion ergreife den Menschen, sondern der Mensch die Religion. Das hatten Marx und Feuerbach auch schon gesagt. Ebenso klingt es allzu bekannt, den „Sinn", der in der Glaubenswahrheit gefunden wird, als Fetisch zu bezeichnen.

Konstruierte Verknüpfungen

Den Streit um den Religionsunterricht hat er völlig missverstanden. Die Religionsschüler würden den Unterricht nicht benötigen, weil ihnen „ja mit der Religion Werte nahegebracht" werden. Die Moral aber stehe schon längst auf eigenen Füssen, schließlich gebe es ja auch anständige Atheisten. Schnädelbach sieht überhaupt nicht den Unterschied zwischen einem Handeln nach Werten und gemäß dem Glauben, er meint offenbar, der Religionsunterricht bestehe nur in der Wertevermittlung. Wer derlei Ungereimtheiten denkt, kann auch auf die Idee kommen: „Die Profanität ist unser Schicksal und nicht unser Werk, das wir auch unterlassen können. Darum haben auch religiöse Wiederbelebungsversuche keine Chance". Das ist nun eine eigentümliche und durch nichts zu beweisende Geschichtsphilosophie, dass die Profanität unser Schicksal sei und wir ihr gegenüber hilflos sind. Welche dunklen Mächte nimmt Schnädelbach denn in der Geschichte der Profanisierung an? Er verrät es nicht. Schnädelbach, von Jürgen Habermas als einer der „bedeutendsten philosophischen Köpfe der Gegenwart" bezeichnet, plädiert als Resultat für seine Kritik am Glauben: „Zumindest für den öffentlichen Raum folgt daraus: ,Lieber keine Religion‘".

Einen großen Mangel an Geschichtsgefühl bezeugt auch die Kritik an den antiken Bezügen des Christentums. Warum sollte die Stoa nicht bedeutsam für spätere christliche Denker sein? Dass die Stoa schon vom logos als Naturgesetz der Menschennatur sprach, ist von hoher Bedeutung auch für die spätere Rechtsgeschichte. Es ist aber lächerlich, den Bezug darauf dem Christentum vorzuhalten und dann zu behaupten, Menschenrecht und Menschenwürde existierten im Christentum „nur für Glaubende als von Gott Begnadete, und wer dazugehört, darüber entscheidet die Kirche". Nicht-Christen die Menschenwürde abzusprechen, kann nur als Ausgeburt extremer Profanisierung des Autors selbst angesehen werden. Bei Platon entdeckt Schnädelbach eine Zweiweltenlehre zwischen Diesseits und Jenseits und hält nun wiederum dem Christentum vor, sich auch hier bedient zu haben. Wie leichtfertig Schnädelbach geistesgeschichtliche und spirituelle Verknüpfungen konstruiert, ist erschreckend. Seinen eigenen geistigen Hintergrund legt er an einer Stelle offen, an der er den „platonischen Leib-Seele-Dualismus" kritisiert: „Die Philosophen des 20. Jahrhunderts haben uns endgültig darüber belehrt, dass auch unsere ,Geistigkeit‘ leiblich ist; insofern gibt es für uns keine andere Wirklichkeit als die leibliche". Man kennt das von Nietzsche, der große Leib, die große Gesundheit. Und man muss auch Schnädelbach fragen, was denn seine Schriften für einen „Sinn" haben, wenn der nur eine leibliche Nervenausschwitzung sein soll. Es waren im übrigen nur ganz wenige Philosophen im 20. Jahrhundert, die die Leiblichkeit als letzten Grund hochgehalten haben. Hieraus aber wieder eine Endgültigkeit zu konstruieren wie schon zuvor beim unserem „Schicksal der Profanität", ist reine Suggestion.

Banalität, die sich selbst erledigt

In einem kleinen Nachwort unter dem Titel „Nachschrift 2009" verwahrt sich Schnädelbach gegen den Vorwurf, das Christentum abschaffen zu wollen. Er empfehle nur, sich auf die jüdischen Wurzeln zu besinnen und bereits in den vorherigen Beiträgen hatte er immer wieder das Judentum als die überlegene Religion dargestellt. Ein Rückzieher vom Atheismus ist dieses Nachwort jedoch keinesfalls, mehr der Versuch einer Beschwichtigung. Aber das kann nach mehr als 170 Seiten krauser Vorhaltungen gegenüber den Gläubigen und der Theologie nicht mehr gelingen. Man fragt sich also, wozu dieses Buch. Es passt in das Konzert mit anderen atheistischen Autoren; in seiner Banalität erübrigt sich der Atheismus jedoch von selbst.

[Herbert Schnädelbach: Religion in der modernen Welt. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2009, 189 Seiten, ISBN-13: 978-3596183609, EUR 12,95; © Die Tagespost vom 28. Mai 2009]