„Leitbild des selbstlosen Dienstes“: Kardinal Kasper über Elisabeth von Thüringen

Predigt beim Festgottesdienst der Erfurter Elisabethwallfahrt

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ERFURT, 17. September 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die Kurienkardinal Walter Kasper am Sonntag aus Anlass der Wallfahrt zum 800. Geburtstag der heiligen Elisabeth von Thüringen auf dem Erfurter Domberg gehalten hat.



„Wie eine auf den Leuchter gestellte, langsam herab brennende Kerze verzehrte sie sich, bis sie nur 24 Jahre alt für das Leben in der Welt erlöschte“, sagte der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen über Elisabeth von Thüringen, die „mit eiserner Konsequenz und mit innerer Gelassenheit und Heiterkeit“ ihren Weg bis zum Ende gegangen sei und heute von evangelischen Christen ebenso verehrt werde wie von katholischen.

Kardinal Kasper bezeichnete diese „wahrhaft ökumenische Heilige“ als ein „Leitbild des selbstlosen Dienstes in Deutschland und in Europa“ und hob hervor, dass sie allen zeige, dass „das Leben töricht ist, das nur um sich selber kreist, dem es nur um weltliches Wohlsein geht, nur um den eigenen Vorteil, nur um weltliche Karriere, nur um Reichtum und Macht“.

* * *

I.

Das Leben der hl. Elisabeth ist der beste Kommentar zum Evangelium vom Teilen und Austeilen (Mk 8,1-10), das wir eben gehört haben. Kurz vor ihrem Tod hat sie uns als ihren Wahlspruch hinterlassen: "Ich habe es euch immer gesagt: Wir müssen die Menschen fröhlich machen".

Ja, sie war kein Mauerblümchen; sie war ein froher und heiterer Mensch. Als Kind liebte sie das Spiel, als Mädchen das Reiten, ihren Gatten, dem sie drei Kinder schenkte, liebte sie leidenschaftlich und innig. Sie war eine außerordentliche Frau, die wusste was sie wollte, die konsequent ihren Weg ging. Es war nicht der Weg des Aufstiegs, der Karriere, des guten Lebens, das ihr, der zum europäischen Hochadel gehörigen ungarischen Königstochter und der Landesfürstin, offen gestanden wäre. Sie ging den Weg des Abstiegs vom Fürstensitz auf der Wartburg hinab zu den Armen, Kranken, Hungernden. Sie pflegte nicht sich, sie pflegte die anderen. Ihre Freude war es, anderen Freude zu machen.

Am Hofe wagte sie den stummen Protest gegen das Unrecht abhängige Bauern auszupressen. Nach dem Tod ihres Gatten empfand man dieses Verhalten am Hofe als provozierende Marotte. Doch Elisabeth empfand es als Befreiung, als sie musste den Hof und das Hofleben verlassen mußte. Nun konnte sie ihre Berufung als Mutter der Armen ganz und ungeteilt leben.

Viele dachten, sie sei wohl nicht mehr richtig im Kopf. Ihr Oheim, der mächtige, in Machtkategorien denkende Bischof von Bamberg, wollte die noch junge Frau von nur 19 Jahren wieder verheiraten; eine ausgezeichnete Partie hatte er sich für sie ausgedacht; sie sollte Gemahlin des soeben ebenfalls verwitweten Kaisers Friedrich II. werden. Was hätte daraus werden können, eine solche Frau als Kaiserin!? Was hätte sie Gutes tun und bewirken können?! Die deutsche Geschichte wäre vielleicht anders gelaufen.

Doch für sie waren das Menschengedanken. Sie entschied sich für ein anderes Ideal, für das, für welches sich zur gleichen Zeit Franziskus von Assisi entschied. Auch er gab den Reichtum eines Kaufmannssohnes auf; selbst seine schönen Kleider warf er seinem Vater vor die Füße. Ähnlich wählte Elisabeth die radikale Armut; sie tat es im Dienst an den Ärmsten der Armen. Mit eiserner Konsequenz und mit innerer Gelassenheit und Heiterkeit ging sie ihren Weg bis zum Ende. Wie eine auf den Leuchter gestellte, langsam herab brennende Kerze verzehrte sie sich, bis sie nur 24 Jahre alt für das Leben in der Welt erlöschte.


II.

Doch Elisabeth ist nicht tot; sie lebt und wirkt bis heute weiter. Ihr Vorbild hat sich in das Gedächtnis der Menschen in Thüringen, Deutschland und ganz Europa eingegraben. Schon vier Jahre nach ihrem Tod wurde sie von Papst Gregor IX. in Perugia heilig gesprochen. Sie ist eine wahrhaft ökumenische Heilige, von evangelischen Christen ebenso verehrt wie von katholischen. Auch Martin Luther, der etwa 300 Jahre später auf der Wartburg lebte, hatte vieles für sie übrig. Sie verbindet uns alle.

Noch heute, 800 Jahre später, verbreitet sie einen einzigartigen Charme. Sie wird verehrt als Mutter der Armen, als Vorbild und Patronin der Caritas. Unzählige Mädchen und Frauen tragen ihren Namen, unzählige karitativ-soziale Einrichtungen sind nach ihr benannt. Sie ist leuchtendes Vorbild und Leitbild vieler Frauen, die sich im Dienst an anderen verzehren. Und was wäre, wenn wir diese Elisabethenfrauen, dieses Heer freiwilliger Helferinnen und Helfern nicht hätten?! Wo kämen wir hin, wenn nur noch Eigeninteresse und Karriere bestimmend wären und wenn dieses Leitbild des selbstlosen Dienstes in Deutschland und in Europa ersterben würde. Danken wir darum heute den vielen Helferinnen und Helfern der Caritas und der Diakonie, die sich Elisabeth zum Vorbild nehmen.


III.

Aber machen wir es uns nicht zu leicht. Heilige sind fast immer anders als wir sie uns vorstellen. Heilige liegen quer. Heilige sind immer eine Provokation. Die Elisabeth des Rosenwunders ist nicht die ganze Elisabeth. Es gibt auch die andere Elisabeth. Denn sie ist nicht einfach die Heilige des sozialen Engagements. Sie war eine große Beterin, kannte uns normalerweise unbekannte mystische Erfahrungen. Wie Franziskus wollten sie dem armen Jesus nachfolgen, wie er herabgestiegen und wie er arm werden mit und für andere. In den Armen wollte sie Jesus Christus dienen. Man kann sie nur verstehen, wenn man das Wort Jesu kennt: "Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan" (Mt 25,40).

Wir dürfen alle diese Aspekte nicht verdrängen. Gerade weil sie vielen von uns fremd sind, tun sie uns gut. Sie haben gerade uns Heutigen etwas Notwendiges zu sagen. Elisabeth straft alle die Lügen, die meinen, mit dem Christentum schnell fertig sein zu können. Sie zeigt, dass Christentum und Christsein nicht in dem aufgeht, was man empirisch an ihm wahrnehmen kann. Ein authentisches, nicht verbürgerlichtes Christentum ist damals wie eine immer wieder neu eine faszinierende Überraschung. Elisabeth lebte das Neue und immer wieder Überraschende des Evangeliums. Weltlich gesehen war sie eine Närrin; "aller Welt Törin" nannte sie ihr Schwager bevor sie fluchtartig die Wartburg verließ. Sie passte nicht in die dortige Welt, und sie passt auch nicht in das normale Schema unsere Welt. Heute wie damals erscheint das Leben nach dem Evangelium vielen als eine Marotte.

Doch Elisabeth dreht den Spieß um. Sie zeigt uns, dass ungekehrt das Leben töricht ist, das nur um sich selber kreist, dem es nur um weltliches Wohlsein geht, nur um den eigenen Vorteil, nur um weltliche Karriere, nur um Reichtum und Macht. Elisabeth zeigt uns die Alternative, eine andere und bessere Möglichkeit um Freiheit und Freude zu erlangen. Sie sagt uns, dass Thüringen, dass Deutschland und dass Europa diese andere Ordnung der Werte nicht vergessen dürfen, wenn sie nicht ihre tiefsten Wurzeln und ihre höchste Bestimmung vergessen und versäumen wollen.

Elisabeth zeigt uns die wahre Freiheit, die sich im Schenken, im Teilen und Austeilen äußert; sie erschließt die wahre Freude, die von Innen kommt. Sie zeigt uns, was Frauen vermögen und was Frauengröße sein kann. Sie zeigt uns, wie fruchtbar das Leben nach dem Evangelium noch Jahrhunderte später sein kann. Denn "allein die Liebe bleibt" (1 Kor 13,8). Letztlich ist es der Charme der Liebe, welcher die Welt verwandelt; letztlich ist es die Tat der Liebe, die glücklich macht.

Diese Liebe können wir nicht "machen". Sie ist Gabe und Geschenk von oben. Elisabeth war ein außerordentliches Bild der Gnade, auf die wir alle angewiesen sind. Sie war ein Liebling Gottes und so auch Liebling der Menschen.

Danken wir deshalb, dass uns diese wahrhaft große Frau geschenkt wurde. Danken wir, dass sie uns als ein leuchtendes Fanal geschenkt wurde, dass sie uns sagt, wovon und wofür es sich zu leben lohnt, dass sie uns als ein leuchtendes Beispiel wahren Glücks und wahrer Freude geschenkt ist. Wir Heutige brauchen nichts nötiger als diese Elisabeth. Amen.

[Vom Bistum Erfurt veröffentlichtes Original]