Leo der Große und die Darstellung der Person Jesu

Vierte Fastenpredigt von Pater Raniero Cantalamessa OFMCap

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 374 klicks

P. Raniero Cantalamessa OFMCap beschäftigt sich in seiner vierten Fastenpredigt mit Leo dem Großen und der Darstellung der Person Jesu. Seine Predigt, die den Titel „Leo der Große und der Glaube an Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch“ trägt, ist in vier Abschnitte gegliedert: erstens „Orient und Abendland, einig über Christus“, zweitens „Der Jesus der Geschichte und der Christus des Dogmas werden wieder eins“, drittens „Über die Formel hinaus“ und viertens „Jesus von Nazareth, eine ‚Person‘“.

Pater Cantalamessa legt zu Beginn seines ersten Abschnitts, „Orient und Abendland, einig über Christus“, die verschiedenen Wege und Methoden dar, um sich der Person Jesu zu nähern: den typologischen Weg, den historischen Weg oder den von den unterschiedlichen kulturellen Umfeldern des Neuen Testaments ausgehenden Weg. „Umgekehrt kann man auch von den Fragen und Problemen des heutigen Menschen oder sogar von der eigenen persönlichen Christuserfahrung ausgehen, um von diesem Startpunkt aus zur Bibel zu gelangen.“

Als Weg, sich dem Mysterium Christi anzunähern, wird das christologische Dogma genannt. Darunter versteht Pater Cantalamessa „jene grundlegenden Wahrheiten über Christus, die von den ersten ökumenischen Konzilen festgelegt worden sind, vor allem vom Konzil von Chalzedon… Jesus Christus ist wahrer Mensch, wahrer Gott und ein und dieselbe Person.“

Der heilige Leo der Große habe nicht nur die Vereinigung der griechischen und lateinischen Auffassung gefördert, sondern auch die „von Tertullian geerbte und zwischenzeitlich von Augustinus aufgegriffene Formel“ seiner Zeit angepasst: „Punkt eins: Die Person des Gottmenschen ist identisch mit dem ewigen Wort… Punkt zwei: Die göttliche und die menschliche Natur koexistieren in dieser einen Person, die Christus ist, ohne sich zu vermischen oder zu verbinden; beide behalten ihre jeweils eigenen natürlichen Eigenschaften (‚salva proprietate utriusque naturae‘)… Punkt drei: Die Einheit der Person rechtfertigt den Gebrauch der idiomatischen Kommunikation, so dass wir zum Beispiel sagen können, dass Gottes Sohn gekreuzigt und beerdigt wurde, und dass der Menschensohn vom Himmel kam.“

Die gesamte christliche Heilslehre, so Pater Cantalamessa, sei auf dem Kern der Definition von Chalzedon gegründet. „Nur wenn Christus ein Mensch wie wir ist, gehört uns an, was er tut; und nur wenn er zugleich auch Gott ist, hat das, was er tut, einen universalen und uneingeschränkten Wert...“. Darüber seien sich Abendland und Orient einig.

Im zweiten Abschnitt seiner Predigt widmet sich Pater Cantalamessa dem Thema „Der Jesus der Geschichte und der Christus des Dogmas werden wieder eins“.

In den letzten zwei Jahrhunderten sei eine heftige Diskussion geführt worden. „Angefangen bei Strauss hat sich unter Neutestamentlern fast wie ein Schlachtruf das Prinzip etabliert, man müsse die Gestalt Jesu von den Schlingen des Dogmas befreien, wenn man den historischen Jesus, den einzig wahren, wiederentdecken will.“ Pater Cantalamessa führt weiter aus: „Die rationalistische Grundlage dieser These wird klar ausgesprochen. Der Christus des Dogmas erfüllt nicht die Voraussetzungen der wissenschaftlichen Ratio… Um den wahren, geschichtlichen Jesus zu erkennen, muss man vom nachösterlichen Glauben an ihn absehen. In diesem Klima konnten phantasievolle Rekonstruktionen der Gestalt Jesu florieren...“.

Doch habe sich der Wind geändert. Pater Cantalamessa betont: „Man kann nicht mehr in gutem Glauben ‚Untersuchungen über Jesus‘ veröffentlichen, die den Anspruch der historischen Wissenschaftlichkeit erheben, aber ohne den Glauben an Jesus auskommen wollen, diesen sogar a priori ausschließen.“ Er zitiert die Forschungsergebnisse des Engländers James D.G. Dunn, um den beiden fälschlichen Annahmen zu widersprechen: „erstens, dass man den geschichtlichen Jesus nur verstehen könne, wenn man vom nachösterlichen Glauben absieht; zweitens, dass man die Tradition von allen späteren Interpretationen befreien und zur ‚Urschicht‘, zur ‚ersten Fassung‘ einer bestimmten Perikope der Evangelien gelangen müsse, um zu erfahren, was der geschichtliche Jesus wirklich gesagt und getan hat.“

Pater Cantalamessa führt aus: „Der ersten Annahme hält Dunn entgegen, dass der Glaube an Jesus schon vor der Auferstehung einsetzte... . Gegen die zweite Annahme argumentiert Dunn, dass selbst wenn die Traditionen der Evangelien eine Zeitlang mündlich weitergegeben wurden, die Gelehrten der Vergangenheit doch diese Traditionen mit einer literarischen Methode bewerteten, so wie man es heute macht, wenn man von Ausgabe zu Ausgabe zum Urtext eines Werkes gelangen will.“

Pater Cantalamessa wirft die Frage auf: „Ist die Formel von Leo dem Großen und des Konzils von Chalzedon eine konsequente Weiterentwicklung des neutestamentarischen Glaubens, oder stellt sie einen Bruch mit ihm dar?“

Im dritten Teil der Predigt „Über die Formel hinaus“ fragt Pater Cantalemessa: „Wenn wir keine klare Vorstellung darüber haben, wer Jesus Christus ist, welche Kraft kann unsere Evangelisierung dann entfalten? … Unsere Aufgabe besteht also darin, die Dogmen immer wieder aufs Neue zu wecken und ihnen neues Leben zu geben.“

In den Evangelien werde stets ein „Jesus der Erinnerung“ geschildert. „Die Geschichtsforschung kann feststellen, dass die Dinge bezüglich Jesus von Nazareth so stehen, wie seine Jünger durch die Evangelien berichten; ihn selbst jedoch sieht sie nicht. Dasselbe geschieht auch mit dem Dogma.“ Die Möglichkeit der „unvermittelten“ Kenntnis Christi bestehe im Heiligen Geist. „Er ist der einzige ‚unvermittelte Mittler‘ zwischen uns und Jesus.“

Im vierten Abschnitt „Jesus von Nazareth, eine ‚Person‘“ erklärt Pater Cantalamessa: „Wenn wir sagen, dass Christus ‚eine Person‘ ist, dann beinhaltet das auch, dass er auferstanden ist, dass er lebt, dass er vor mir steht, dass ich Du zu ihm sagen kann… Wir können Jesus zum Freund haben, denn da er auferstanden ist, lebt er, ist mir nahe, und ich kann mit ihm eine Beziehung von Lebendem zu Lebendem, von Gegenwärtigem zu Gegenwärtigem aufbauen. Diese Begegnung findet nicht im leiblichen Sinn statt und auch nicht in der Phantasie, sondern im Geist, und das ist viel inniger und wirklicher als der eine und die andere…

Die Verwirklichung dieser Art von Beziehung zu Jesus sehe ich nicht so sehr in den Heiligen, in denen die Beziehung zum Meister, zum Hirten, zum Erlöser, zum Bräutigam überwiegt, sondern vielmehr in jenen Juden, die auf eine Weise, die nicht selten an Saulus erinnert, heute zum Glauben an den Messias gelangen. Der Name Jesu verwandelt sich schlagartig von einer düsteren Drohung in den geliebtesten aller Namen. Ein Freund. Es ist, als ob das Fehlen der zweitausendjährigen Diskussionen um Christus ihnen einen Vorteil gäbe. Ihr Jesus ist niemals eine ideologische Gestalt, sondern eine Person aus Fleisch und Blut…

In seinem irdischen Leben hat Jesus, obwohl er alle Menschen gleichermaßen liebte, nur mit einigen wenigen eine Beziehung echter Freundschaft gehabt – mit Lazarus und seinen Schwestern mehr noch als mit Johannes, dem ‚Jünger, den er liebte‘. Doch nun, seit er auferstanden und nicht mehr den Einschränkungen des Leibes unterworfen ist, bietet er jedem Mann und jeder Frau die Möglichkeit an, ihn zum Freund zu haben, im vollsten Sinn des Wortes.“