Leo Scheffcyks „Katholische Glaubenswelt“ erstmals auf Italienisch – inklusive Interview mit Benedikt XVI.

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ROM, 23. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Seit heute, dem 23. Oktober, ist in den italienischen Buchhandlungen zum ersten Mal das Werk von Leo Kardinal Scheffcyk (1920-2005) „Katholische Glaubenswelt. Wahrheit und Gestalt“ (deutsch: Aschaffenburg 1977) erhältlich. Der italienischen Ausgabe ist ein Interview beigefügt, das Johannes Nebel im November 2006 mit Papst Benedikt XVI. führte (vgl. Abschnitt „Dokumente“ der heutigen ZENIT-Ausgabe). Nebel (Jahrgang 1967) ist für die Verwaltung des umfangreichen Nachlasses von Kardinal Scheffczyk und den Aufbau des Leo-Scheffczyk-Zentrums in Bregenz verantwortlich. Die Übersetzung von „Katholische Glaubenswelt“ ist Teil eines größeren Projekts, das das Denken eines des größten Theologen des 20. Jahrhunderts auch dem italienischen Sprachraum erschließen will.



Am 29. Juni 1947 wurde Leo Scheffczyk in Freising zum Priester für das Erzbistum Breslau geweiht und war zunächst von 1947 bis 1948 als Kaplan tätig. Von 1948 bis 1951 wirkte er dann als Subregens am Priesterseminar an der Philosophisch-Theologische Hochschule in Königstein im Taunus. 1950 promovierte Scheffczyk. Er dozierte zunächst von 1952 bis 1959 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Königstein (Taunus). Nach seiner Habilitation an der Ludwig-Maximilians-Universität München 1957 wirkte er dort außerdem als Privatdozent bis 1959. In diesem Jahr wurde er als Ordinarius im Fach Dogmatik an die Katholisch-Theologische Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen berufen. 1965 nahm er den Ruf an die Universität München an, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1985 als Professor für Dogmatik forschte und lehrte.

Scheffczyk ist Autor von über 80 Büchern und rund 1.200 Veröffentlichungen. Aufgrund seiner theologischen Qualifikationen wurde er 1970 zum Berater der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz ernannt, eine Aufgabe, die er bis 1985 wahrnahm. 1976 wurde er zum Päpstlichen Ehrenprälaten ernannt. Von 1983 bis 2001 arbeite er außerdem als Konsultor des Päpstlichen Rates für die Familie.

Am 21. Februar 2001 wurde Leo Scheffczyk von Papst Johannes Paul II. zum Kardinaldiakon ernannt. Scheffczyk verzichtete aufgrund seines Alters darauf, zum Bischof geweiht zu werden. Der Kardinal starb am 8. Dezember 2005 in München.

„Katholische Glaubenswelt. Wahrheit und Gestalt“ gehört zu den wichtigsten Veröffentlichungen des weltweit bekannten Theologen. Scheffczyk beschreibt darin die Identität des katholischen Denkens. In einer Zeit, die von einem verallgemeinerten und wenig differenzierten Christentum sowie von einer eher wagen Tendenz zum Christlichen geprägt war; in einer Zeit der nachkonzilaren Revolutionsstimmung, in der viele seiner Kollegen darauf bedacht waren, das Wort „katholisch“ bewusst zu vermeiden, nahm es sich Scheffczyk vor, eine umfassende und konkrete Sicht des Katholischen im Ausgang von seiner Gestalt und Struktur zu erarbeiten.

Der radikalisierenden Tendenz hin zu einem Pluralismus der Gleichgültigkeit und Indifferenz setzte der Kardinal das Bild einer organischen und klar ersichtlichen Einheit entgegen, in dem Dynamik und Ordnung, Spannung und Harmonie, Geheimnis und Realitätsverbundenheit miteinander verbunden werden. Heilsrealismus, das personale Gegenüber in Gott und Christus sowie das Mysterium als Charakteristikum der katholischen Glaubensverfassung sind dabei die wesentlichen Grundprinzipien. Der Theologe beabsichtigte, die Schönheit der katholischen Glaubenswelt zu zeigen, eine Schönheit, die heute oftmals vergessen und verschüttet ist, die jedoch gerade für den Menschen des 21. Jahrhunderts von Interesse und Anziehungskraft sein kann.

„Im Unterschied zum Christlichen ist das Katholische das Konkrete“, schreibt Scheffczyk. „Im Katholischen wird das christliche zur greifbaren Realität, verdichtet es sich zu einer geprägten Form. Während das Christentum, die Christlichkeit und die Christenheit Abstracta sind, die ihre Existenz mehr in Gedanken, in Ideen oder in Programmen haben, begegnet uns das Katholische als konkrete Gestalt, wobei freilich auch dieser Gestalt jeweils eine Theorie zugrunde liegt“ („Katholische Glaubenswelt. Wahrheit und Gestalt“, 9).

Das Gespräch mit Papst Benedikt XVI., das der italienischen Ausgabe beigefügt ist und in Deutschland in der Samstagsausgabe der Tageszeitung „Die Welt“ veröffentlicht wurde, gewährt Einblick in das persönliche freundschaftliche Verhältnis zwischen den um sieben Jahre jüngeren Theologen Ratzinger und Scheffczyk, die sich bereits im Seminar in Freising kennen gelernt hatten. Gleichzeitig gestattet das Interview dem Leser, den Weg einer theologischen „Hermeneutik der Kontinuität“ zu erkennen.

Scheffczyk gehörte zu den (wenigen) Theologen, die einerseits die Wende des Konzils befürworteten und anderseits den Sinn für den Glauben nicht verabschiedete. Wie der jüngere Kollege Joseph Ratzinger nahm Scheffczyk die Gefahr wahr, dass viele einen Bruch zwischen dem „vorkonziliaren“ und „nachkonziliaren“ Leben der Kirche herausstellen oder provozieren wollten. Für den jungen Ratzinger, der, wie Benedikt XVI. bekundet, angesichts der wirren Zeit beinahe ein wenig zu „ängstlich“ gewesen ist, wurde Leo Scheffczyk gleichsam zu einem „Eisbrecher“ zu Gunsten einer wahren Auseinandersetzung.

„Die Zeit war damals verworren und unruhig, und der Lehrstand der Kirche war nicht mehr ganz klar“, so Benedikt XVI. im Interview-Vorwort zum Buch. „Es wurden Thesen in die Luft gesetzt, von denen man sich einbildete, sie seien jetzt möglich, obwohl sie in Wirklichkeit mit dem Dogma nicht übereinstimmten. In diesen Umständen waren die Diskussionen in der Glaubenskommission anspruchsvoll und schwierig. Dabei ist mir aber aufgefallen, dass Leo Scheffczyk, der ganz stille und eher schüchterne Mensch, eigentlich immer der Erste war, der ganz klar Position ergriffen hat. Ich selbst war da fast zu ängstlich, als dass ich mich getraut hätte, gleich so direkt ,drauflos‘ zu gehen.“

Voller Zuneigung erinnert Benedikt XVI. an den „sprachlich feinsinnigen“ jungen Theologen Scheffczyk. Ihm und seinen Studienkollegen sei aufgefallen, „wie er mit bedachten Bildern und wirklich gewählten Formulierungen umging – ganz anders als heute, wo man sich nicht mehr so sehr um die Sprache müht.“. Diese Kunst des Predigers sei mit theologischer Tiefe Hand in Hand gegangen: „Seine Theologie war immer kenntnisreich und auch spirituell durchdrungen“, so der Papst.

„Wir erkannten, dass wir gemeinsam darum ringen, dass der Glaube der Kirche im Heute lebt und ins Heute hinein ausgesprochen und verstehbar wird, aber andererseits in seiner tiefen Identität bleibt.“

Im Jahr 2001 kam dann der Augenblick, als Papst Johannes Paul II. seinen Präfekten der Glaubenskongregation fragte, „ob es in Deutschland einen Theologen gebe, der über 80 Jahre alt ist und es wert wäre, zum Kardinal ernannt zu werden“. Und so schlug Kardinal Ratzinger Leo Scheffczyk für die Kardinalswürde vor: „Ich hatte mit Papst Johannes Paul II. schon öfter über Scheffczyk gesprochen; er kannte ihn auch persönlich, und von ihm weiß ich, dass der Name ‚Scheffczyk‘ ein polnischer Name ist und ‚kleiner Schuster‘ bedeutet.“

Benedikt XVI. würdigt schließlich die große Persönlichkeit des Theologen und dessen Menschlichkeit: „Leo Scheffczyk war ein stiller Mensch, das wissen wir alle. Er war von einer eher schüchternen Art, sodass er sich auch ziemlich gewundert hat, als ihm der Purpur zugeteilt wurde. In dieser Stille und Diskretion, wie sie ihm eigen war, war er ein ganz frommer Mensch, der wirklich ein spirituelles Leben aus dem Glauben führte, und vor Gott und mit Gott, vor Christus und mit dem Herrn sowie unter den Augen der Mutter Gottes gelebt und seine Theologie entwickelt hat.“

Der Mut von Kardinal Scheffczyks zur Standhaftigkeit war nach Worten Benedikts XVI. „verwurzelt in seinem tiefen Glauben und seiner tiefen inneren Verbindung mit dem Herrn sowie in seiner Liebe zur Kirche“.