Lernort Weltkirche: Der sozialen Befreiung der Armen verpflichtet

Interview mit Professor Jesús García Gonzalez

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MEXIKO-STADT, 10. April 2008 (ZENIT.org).- Weltkirche als Lerngemeinschaft und die Option für die Armen, das sind die Hauptanliegen von Professor Jesús García Gonzalez, Professor an der Universität Iberoamericana in Mexico-Stadt. Der Priester aus der Erzdiöse Guadalajara feiert in diesem Monat sein goldenes Priesterjubiläum. Viele Jahre war er Berater des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden und der Mexikanischen Bischofskonferenz.

García Gonzales kennt Deutschland von verschiedenen Besuchen. Zuletzt war er bei der Internationalen Tagung Weltmission der Deutschen Bischofskonferenz in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Katholischen Missionsrat (DKMR) eingeladen.

ZENIT sprach mit dem Experten für Menschenrechtsfragen, der in diesem Frühjahr auf Tagungen des Bischöflichen Hilfswerkes Misereor und der evangelisch-lutherischen Initiative „Brot für die Welt“ referierte, über die Entscheidung der lateinamerikanischen Bischöfe, sich vorrangig für die Armen einzusetzen.

ZENIT: Vor rund vierzig Jahren haben die Bischöfe Lateinamerikas bei ihrer Vollversammlung in Medellin eine Entscheidung getroffen, die vieles bewegt hat: die vorrangige Option für die Armen. Ist diese Priorität noch aktuell?

García Gonzalez: Die V. Vollversammlung der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik in Aparecida (Brasilien) im letzten Jahr war in dieser Hinsicht eine sehr schöne Überraschung, weil dort eine Einheit gelang, was die Entschiedenheit aller Bischöfe in ihrem Einsatz für die wachsende umfassende Befreiung der lateinamerikanischen Völker angeht.

Aparecida ist zudem ein Beweis für den Pluralismus in der katholische Kirche, die sich auf ein fundamentales Bekenntnis zu Christus als Erlöser begründet und zusammengeführt wird in einer Pastoral für das Volk und besonders für die Armen.

Ausgehend von dem Bekenntnis der Erlösung in Christus finden wir im 8. Kapitel des Schlussdokumentes die Konsequenzen für die Umsetzung dieses Glaubensgutes in einer solidarischen Praxis des Dienstes an den Armen. Es ist ein konkretes Programm, das die sozialen Belange der Armen umfassend und nachhaltig angeht.

ZENIT: Was sagt Aparecida in diesem Sinn über die Kirche in Lateinamerika?

García Gonzalez: Aparecida zeigt eine Kirche, so wie sie heute in Lateinamerika lebt. Sie verfügt über viele verschiedene Charismen. Ihre jeweilige nationale Geschichte und der sozio-politische Kontext haben ihren theologischen Strömungen ein vielseitiges Gepräge gegeben, das sich natürlich in der Haltung ihrer jeweiligen Hirten widerspiegelt.

Aparecida hat aber auch bei aller Standfestigkeit in gewissen Anliegen zum Ausdruck gebracht, dass eine grundsätzliche Wertschätzung vorhanden ist. Ja, man könnte sogar von einer gewissen gegenseitigen Toleranz sprechen, was die verschiedenen Praxisbezüge angeht.

Lateinamerika ist, was seine Bevölkerung angeht so vielschichtig, das dies unumgänglich ist.

ZENIT: Was muss in Mexiko geschehen, um die in Aparecida erneuerte Option für die Armen durchzuhalten?

García Gonzalez: Was mein Land plagt, ist die wachsende Arbeitslosigkeit, die blockierte Emigration in die USA und die steigenden Lebenshaltungskosten, die viel mit unserer wirtschaftlichen Abhängigkeit von den USA zusammenhängen, deren Wirtschaft ja gerade trudelt.

Auf den schwierigen und gefährlichen Wegen von Mexiko in die USA fanden im letzten Jahr rund 3.000 Mexikaner den Tod. Zuweilen werden sie Opfer der amerikanischen Grenzjäger oder der Widrigkeiten, die der Grenzfluss und die Wüste mit ihren Tücken sowohl im Sommer als auch im Winter bieten.

Daneben hat die Regierung eine zunehmende Bewaffnung der staatlichen Sicherheitskräfte eingeleitet. Eigentlich war diese Truppe für den Kampf gegen den Drogenhandel gedacht. De facto wird sie aber verstärkt eingesetzt, um ganz normale Bürgerproteste, wie beim geplanten Bau eines neuen Flughafens in einem denkmalgeschützten Stadtgebiet in Mexico-Stadt gewaltsam niederzuschlagen.

Die Kirche ist besorgt darüber, wie man friedliche Demonstranten wegen öffentlichen Aufruhrs, wie in diesem Jahr geschehen, zu 65 Jahren Gefängnis verurteilen kann.

Zudem kommt es in der jüngsten Zeit immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen in den Bundesstaaten des Südens. Katholische Würdenträger, die sich für die Rechte der marginalisierten Indios in Oaca eingesetzt haben, wurden bespitzelt. Zuletzt geschehen beim Bischof von Saltillo.

Das bedeutet eine Verletzung der Bürgerrechte, die uns natürlich erschüttert und herausfordert.

ZENIT: Wie schätzen Sie die Zukunft der Befreiungstheologie ein?

García Gonzalez: P. Luis Fernandez, der vor kurzem verstorben ist und zu den Begründern der Basisgemeinden unter der armen Bevölkerung zählt, hat gesagt: „Die Befreiung der Armen ist wichtiger als die Befreiungstheologie.“ Wir setzen in diesem Augenblick auf konkrete Projekte, die in unseren Bistümern der sozialen Befreiung der Armen dienen können.

ZENIT: Weltkirche - als Lerngemeinschaft. Was kann die Kirche in Deutschland von der Kirche in Lateinamerika lernen?

García Gonzalez: Ich denke, dass wir voneinander lernen können. Der große brasilianische Pädagoge Paolo Freire sagte: „Kein Mensch ist Meister des anderen. Wir sind Geschwister. Vielmehr erziehen und befreien wir uns gegenseitig“.

Aber ja, die Kirche in Deutschland kann lernen, eine einfache und arme Kirche zu sein. Ihre Zukunft basiert nicht auf wachsenden oder fallenden Einahmen aus der Kirchensteuer, die von Regierungen und politischen Mächten abhängt.

Die Kirche in Mexiko lebt von den freiwilligen Spenden ihrer Gläubigen, denen sie dient. Vielleicht ist da ein Lernprozess im deutschen Kontext notwendig, um die Verheißungen des Evangeliums neu zu entdecken und wahre Fundamente für eine Zukunft aus diesem Glauben zu haben.

Wir brauchen auch den prophetischen Geist von Bischöfen aus Europa, die Sprecher für eine Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit sind.

[Das Interview führte Angela Reddemann]