Les Misérables von Victor Hugo neu verfilmt

Filmrezension: Die Elenden

Berlin, (ZENIT.orgtextezumfilm) Dr. José García | 1287 klicks

Victor Hugos „Die Elenden“ („Les Misérables”, 1862) gehört nicht nur zu den bekanntesten Romanen des 19. Jahrhunderts, sondern auch zu den meistverfilmten Stoffen der Weltliteratur. Ob 1935 mit Charles Laughton und Fredric March oder etwa 1982 („Der Galeerensträfling“) mit Lino Ventura als Jean Valjean sowie 1998 (Regie: Bille August) mit Liam Neeson und Geoffrey Rusch, die Liste der Spielfilme nach Hugos melodramatischem Roman über die im Elend lebenden Arbeitermassen im Paris des 19. Jahrhunderts ist lang. Im Jahre 1980 kam in Paris ein Musical auf die Bühne, das in der sogenannten revidierten, englischsprachigen Fassung (Premiere 1985 in London) Geschichte schrieb. Laut der offiziellen Homepage (www.lesmis.com) haben das Musical mehr als 60 Millionen Zuschauer in 42 Ländern gesehen. „Les Misérables“ wurde mit 96 internationalen Preisen ausgezeichnet. Nun hat Tom Hooper nach seinem mit vier Oscars ausgezeichneten „The King’s Speech“ (siehe Filmarchiv) das Musical von Claude-Michel Schönberg (Musik) und Alain Boublil (Libretto) auf die Kinoleinwand gebracht.

Die Handlung orientiert sich weitestgehend am Victor Hugo-Roman: Nach der Schrifttafel mit der Jahresangabe „1815“ erscheinen Hunderte angekettete Sträflinge, die ein gekentertes Segelschiff aus dem Meer ziehen. Die Kamera fährt auf das eingefallene Gesicht des Jean Valjean (Hugh Jackman), dem vom Polizisten Javert (Russell Crowe) seine Entlassung auf Bewährung mitgeteilt wird, nicht ohne dass Valjean vorher noch seine übermenschliche Kraft unter Beweis stellen soll. Von allen gemieden, wird Valejean vom Bischof Myriel (Colm Wilkinson) freundlich aufgenommen. Der verbitterte Valjean stiehlt jedoch die silbernen Kerzenleuchter aus der Kirche. Als Polizisten ihn vorführen, behauptet der Bischof, er habe sie ihm geschenkt. Die großzügige Geste bringt den ehemaligen Galeerensträfling zum Nachdenken. Acht Jahre später ist Valjean als Monsieur Madeleine ein geachteter Fabrikant und Bürgermeister in Montreuil-sur-Mer. Aus seiner Fabrik wird Fantine (Anne Hathaway) entlassen. Da sie für ihre uneheliche Tochter Geld braucht, verkauft sie im Rotlichtmilieu zunächst ihre Zähne und Haare, dann sich selbst. Valjean kann die inzwischen schwerkranke Fantine in ein Krankenhaus bringen und ihr versprechen, dass er ihre Tochter Cosette als seine eigene Tochter aufziehen wird. Weil aber Valjean seine Bewährungsauflagen nicht befolgt hatte, wird er noch von Javert gesucht. Dem ehemaligen Sträfling gelingt die Flucht nach Paris, wo er mit der kleinen Cosette zunächst in einem Kloster Zuflucht sucht. Im Jahre 1832 herrscht Unruhe im unter bitterer Armut leidenden Volk. Eine Gruppe Studenten probt den Aufstand. Die inzwischen erwachsene Cosette (Amanda Seyfried) verliebt sich in Marius (Eddie Redmaine), einen der Studentenführer. Als es zum Kampf kommt, hat Valjean Gelegenheit, Javert zu töten, verschont ihn jedoch. Stattdessen bringt er den schwer verletzten Marius durch die Kanalisation in Sicherheit nach einem ergreifenden Gebet („Gott, lass ihn leben, lass mich sterben“). Es kommt zu einer erneuten Konfrontation zwischen Valjean und Javert. Obwohl er Valjean hätte verhaften können, lässt Javert ihn entkommen. Weil er aber dadurch seine unverrückbaren Gerechtigkeitsprinzipien kompromittiert hat, springt Javert von einer Brücke in den Tod. Marius und Cosette können heiraten. Ihnen gelingt es, den inzwischen wieder untergetauchten und gealterten Valjean ausfindig zu machen. Sie kommen rechtzeitig, um ihm beim Sterben beizustehen.

Trotz einiger Szenen, die an eine Theaterbühne denken lassen, nutzt die Kamera von Danny Cohen insgesamt die Möglichkeiten des Filmes voll aus, sei es durch Großaufnahmen der Schauspieler, um ihre Gefühle auszudrucken, sei es um Massenszenen in Totalen zu inszenieren, so beispielsweise die Sequenz des Trauerzuges vom wegen seiner Sympathie für die Armen populären General Lamarque, als Studenten die Revolte proben und sich den Armeetruppen eine Straßenschlacht liefern. Kostüme, Masken und das gesamte Produktionsdesign sind selbstverständlich hervorragend. Auch das Schauspielerensemble beeindruckt von den prominenten Darstellern bis hin zu den weniger bekannten Schauspielern, unter denen die Präsenz und die Stimmgewalt von Samantha Barks sowie die schelmische Unbekümmertheit des zu den Drehzeiten erst 12-jährigen Daniel Huttlestone in ihren tragischen Rollen als Éponine beziehungsweise Gavroche besonders in Erinnerung bleiben.

Laut der Produktion sangen die Schauspieler sämtliche Songs live ein, was auch Regisseur Tom Hooper in Interviews gerne betont. Gelingt es Anne Hathaway, im bekannten „I Dreamed A Dream“ den Zuschauer zu rühren, so besticht etwa auch das Ensemblelied „One Day More“, das mit filmischen Mitteln aus ganz verschiedenen Perspektiven seh- und hörbar wird. Allerdings überzeugen stimmlich nicht alle Akteure – so geht Russell Crows Baritonstimme leicht unter, die außerdem in den ersten Partien eigentümlich hoch erscheint.

Auch als Musical-Verfilmung bleibt „Les Misérables“ ein herzerweichendes Melodram. Victor Hugo war ja ein Romantiker. Deshalb wirkt das Ende, als die im Kampf Gefallenen noch einmal „Das Lied des Volkes“ auf einer riesigen Barrikade anstimmen, zwar etwas kitschig. Dies drückt freilich den Glauben nicht nur an die Gerechtigkeit, sondern auch an ein Jenseits aus – nicht umsonst hilft Valjean nicht nur Fantine, sondern auch der Bischof, die Schwelle zu überschreiten.