Leserbrief

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Zu unserem Artikel zum Thema Organspende erreichte uns folgender Leserbrief:

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Danke für die Veröffentlichung der mutigen Erklärung von Bischof Algermissen zur Unhaltbarkeit des Hirntod-Konzeptes der Transplantationsmedizin.

Beim sogenannten „Hirntod" kommt es zudem leicht zu Fehldiagnosen. „Durch Absenkung der Körpertemperatur und 3-4 Grad Celsius und ausreichende Gaben von Schilddrüsenhormonen könnte die Mehrheit der „Hirntoten" ins Leben zurückkehren", erklärte Prof. Dr. med. Cicero Coimbra am 19.02.2009 vor der päpstlichen Akademie für das Leben.

Der für die Feststellung des „Hirntodes" vorgeschriebene „Apnoetest",  bei dem die Atmung längere Zeit gestoppt wird, ist laut Prof. Coimbra grausam und ohne Aussagekraft. Während beim gesunden Menschen nach diesem Test die Atmung wieder anspringt, könne das Atemzentrum selbst im Zustand einer reversiblen und heilbaren ischämischen Penumbra, auf diesen Test nicht reagieren. Der „Test“ führe zu einer Erstickungsqual für den (handlungsunfähigen) Patienten und schädige nun dessen Gehirn tatsächlich irreversibel.

Der Begriff Hirntod ist letztlich eine Täuschung und Vernebelung. Die Universität Harvard hat deshalb ursprünglich den zutreffenderen Ausdruck „irreversibles Koma" verwendet. Schließlich braucht die Transplantationsmedizin ja auch lebensfähige Organe für lebende Menschen.

Prof. Dr. med. Linus S. Geisler, Direktor  a.D. des St. Barbara-Hospitals in Gladbeck stellte klar (in Wissenswelten Schwerpunkt Medizin-Bioethik): „Die klassischen Zeichen des Todes lassen sich bei Hirntoten nicht feststellen: Blässe, Kälte, Körperstarre, Bewegungslosigkeit. Hirntote sind Menschen, bei denen 97 Prozent ihres Körpers leben... Herz-Kreislauf, Nieren; Verdauung und Stoffwechsel funktionieren“.

Die namhaften Transplantationsärzte Franklin Miller vom National Institute of Health und Robert Truog von der Harvard University weisen darauf hin, dass nach den Feststellungen der Wissenschaft auch beim sogenannten „Hirntod" noch wesentliche Teile der integrativen Funktion des Gehirns wirksam sind. Sie plädieren deshalb dafür,  die fiktive „dead donor rule" („Tote Spender-Regel") aufzugeben und ehrlich von „justified killing" (Gerechtfertigter Tötung) zu sprechen. (Hastings-Center-Report 38, no.6 2008: Rethinking the Ethics of Vital Organ Donations).

Die Organentnahme bei Sterbenden steht  im Widerspruch zum 5. Gebot und ebenso zu Artikel 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, der den Schutz des Lebens garantiert. Der Staat ist nur dann berechtigt, auf eine Strafbarkeit einer zum Tode führenden Organentnahme zu verzichten, wenn eine ausdrückliche und tragfähige Zustimmung eines aufgeklärten Spenders und ein wirklich irreversibler Sterbeprozess vorliegen. Ethisch und religiös kann wohl nur ein Handeln aus Liebe eine Organspende rechtfertigen.

Die Organentnahme bei sogenannten Hirntoten ist ein Eingriff in den Sterbeprozess eines noch lebenden Menschen. Wer sich über Nahtod-Erfahrungen informiert hat, weiß, dass ein solcher Eingriff nicht nur den Körper, sondern den ganzen Menschen als geistbegabtes Wesen im Innersten betrifft.

Der Schwerpunkt der Diskussion muss sich daher darauf richten, ob und unter welchen Umständen eine Organentnahme bei medizinisch, ethisch und religiös vertretbar erscheint.

Voraussetzungen wären mindestens:

1. Eine wirklich umfassende Aufklärung über den Eingriff in den Sterbeprozess (nicht nur eine Aufklärung durch Personenkreise, die persönlich, wissenschaftlich oder finanziell an der Transplantation interessiert sind).

2. Eine bewusste und freiwillige Zustimmung des Organspenders selbst.

3. Keine Organspende aus finanziellen Gründen, sondern letztlich nur aus Liebe und Mitmenschlichkeit.

Jesus sagte: „Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde." ( Joh 15,13).

In diesem Sinne gebührt wohl all den  Menschen höchster Respekt, die sich - als Lebend Spendende oder als Sterbende - freiwillig für eine Organspende bereitstellen, um lebensgefährdend erkrankten Mitmenschen zu einem besseren oder längeren Leben zu verhelfen.

Norbert Stillfried, 81377 München

[Leserbriefe stellen nicht die Meinung der Redaktion dar. Kürzungen vorbehalten.]