Leserbrief zum Thema PID

Diskussion um PID hat Finger in die große Wunde gelegt

| 1528 klicks

Zum Thema Zulassung der Präimplantantionsdiagnostik (PID) des Deutschen Bundestags erreichte uns folgender Leserbrief*:

Auch wenn jetzt im Bundestag die Selektion gewonnen hat - denn alleiniger Zweck der PID ist es, zu selektieren - so hat doch auch die Vernunft ein Stück weit gewonnen. Wie ist dieser Widerspruch zu verstehen?

Immer wieder haben Abgeordnete die PID mit Abtreibung verglichen – meist um PID im Vergleich als harmloser, also insgesamt akzeptierbar hinzustellen. Peter Hintze, dessen Gesetzesentwurf nun siegreich war, sagte: Wenn der Gesetzgeber sogar die Abtreibung von Föten straffrei lasse, dann müsse er auch die Auswahl mittels PID in der Petrischale zulassen. Hintze hat insoweit recht, als kein Mensch leugnen kann, dass bei Abtreibung sichtbar ein Kind mit Armen, Kopf und Beinen getötet wird, während wir gegenüber dem Embryo in der Petrischale noch vorschützen können, wir wüssten nicht recht, ob es sich schon um ein Kind handele oder nicht. Tatsächlich wäre PID insoweit das kleinere Übel.

Hintze, im Zivilberuf immerhin evangelischer Pfarrer, unterliegt allerdings einem dramatischen Irrtum: Er rechtfertigt ein Unrecht durch das andere. Natürlich ist die Massenvernichtung des menschlichen Nachwuchses, die als Hinterlassenschaft der 70er Jahre unter dem Label „Schwangerschaftsabbruch“ durchgeführt wird, unvergleichlich katastrophaler. Doch - sollten unsere Parlamentarier nicht besser ihre Gesetze an der Verfassung ausrichten als an den großen Menschheitskatastrophen?

Mehr als 43 Prozent seiner Abgeordneten-Kollegen haben gegen PID gestimmt. Quer durch alle Lager! Mit wohlerwogenen Argumenten. Sie haben sich nicht täuschen lassen von dem angeblichen Anspruch unglücklicher Paare auf ein gesundes Kind. Sie haben sich auch nicht täuschen lassen von der geringen Zahl von etwa 200 Paaren im Jahr. Sondern sie haben erkannt, dass es um das Menschenrecht auf Leben jedes einzelnen – letztlich von uns allen - geht. Wann haben wir je solche geistige Klarheit erlebt? 260 Abgeordnete weigerten sich, den Staat als utopischen Glücksproduzenten anzusehen, der bereit sein muss, als Preis für die Selektion das Menschenrecht auf Leben hinzugeben.

Obwohl noch einmal die menschliche Eigenmacht den Sieg davon getragen hat, hat die Auseinandersetzung um PID doch auch unversehens fühlbar gemacht, wie weit dieses Land vom Frieden entfernt ist: Wie sehr es mitten im Demozid der Abtreibung steckt, an dem es zu zerbrechen droht. PID, ein zahlenmäßig verschwindend kleines Phänomen, hat zum Erstaunen vieler den Finger in die große Wunde gelegt.

K. Simpfendörfer

*[Inhalte der Leserbriefe geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Kürzungen vorbehalten.]