Letzter Brief des ermordeten Priesters P. Santoro

Im Dienst der gegenseitigen \"Re-Evangelisierung \" von Ost und West

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ROM, 7. Februar 2006 (Zenit.org).- Wir bringen eine deutsche Übersetzung des letzten Briefes von Pater Andrea Santoro. Er wurde von dessen Vereinigung \"Fenster zum Mittleren Osten\" veröffentlicht und trägt das Datum vom 22. Januar dieses Jahres.



Der 60-jährige Priester der Diözese Rom wurde am Sonntagnachmittag während des Gebets in seiner Pfarrkirche in Trabzon (Türkei) erschossen.

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Meine Lieben!

Ich schreibe aus Rom, wo ich mich vor meiner Rückkehr in die Türkei drei Wochen lang aufgehalten habe. Es waren sehr intensive Tage, die dem Zeugnis-Geben, Treffen, Katechesen, Vorträgen und Gebetszeiten gewidmet waren. Alles war auf die Förderung der Informations- und Wissensvermittlung zwischen dem Mittleren Osten, wie ich ihn aus eigener Erfahrung kenne, und unserer westlichen Welt ausgerichtet, im Einklang mit dem Ziel von \"Fenster zum Mittleren Osten\".

Überall habe ich Interesse und rege Teilnahme erfahren sowie den aufrichtigen Wunsch, zu verstehen und Bande der Gemeinschaft zu knüpfen. Ich habe die Bedeutung und die Möglichkeit erkannt, zwischen diesen beiden Welten einen Austausch von geistigen Gütern herzustellen. Der Mittlere Osten, das große \"Heilige Land\", wo sich Gott dem Menschen auf ganz besondere Weise mitteilen wollte, besitzt – dank des Lichts, das Gott stets ausgegossen hat – seine Reichtümer und die Kraft, unsere westliche Welt zu erleuchten.

Aber der Mittlere Osten hat auch seine Schattenseiten, seine oft tragischen Probleme und \"Lücken\". Deshalb hat er es wiederum nötig, dass das Evangelium, das von dort gekommen ist, wieder ausgesät wird und dass die Gegenwart Christi wieder bekannt gemacht wird. Es ist eine gegenseitige \"Re-Evangelisierung\" und Bereicherung, die diese beiden Welten untereinander austauschen können.

Inzwischen ist die winzige christliche Gemeinde in Trabzon an jedem Sonntagvormittag zusammengekommen, um den Wortgottesdienst zu feiern. Zweimal in der Woche ist die Kirche unter der Verantwortung einer vertrauenswürdigen Person für Muslime geöffnet worden. Ich werde euch wissen lassen, wie das funktioniert.

Ich grüße euch, empfehle euch diese Gedanken an und ermahne euch, den Glauben immer mit dem gegenwärtigen Augenblick in Verbindung zu bringen. Er darf kein abstrakter und allgemeiner Glaube sein, sondern ein Glaube wie in der Zeit der \"Anfänge\", der uns von Generation zu Generation überliefert worden ist. Wie es im Evangelium heißt, besitzt der Sauerteig die geheimnisvolle Fähigkeit, den ganzen Teig zu durchsäuern, wenn er mit ihm in Berührung kommt – den Teig aller Zeiten, aller Orte, aller Generationen.

Darüber hinaus hat Jesus gesagt: \"Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen.\" Wenn uns dieses Licht erleuchtet, dann wird nicht nur jede Situation, selbst die tragischste, erleuchtet werden, sondern zudem werden auch wir, wie Jesus immer gesagt hat, selbst Licht sein. Das zarte Kerzenlicht erleuchtet das Haus, während bei einer ausgelöschten Lampe alles dunkel bleibt. Jesus möge in uns strahlen – mit seinem Wort, mit seinem Geist, mit der Kraft seiner Heiligen. Möge unser Leben jenes Wachs sein, das sich bereitwillig verzehren lässt.

In Liebe,

Pater Andrea

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]