Libanon: „Wir verlassen uns alleine auf Gott, der uns Kraft und Hoffnung gibt“

Interview mit P. Fady Tabet LMM, Programmdirektor von Radio „Voice of Charity“ in Jounieh

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JOUNIEH, 12. Mai 2008 (ZENIT.org).- Die Situation im Libanon scheint zu eskalieren, bürgerkriegsähnliche Szenen spielen sich auf den Straßen im Westen der Hauptstadt Beirut ab. P. Fady Tabet, Programmdirektor des einzigen christlichen Radiosenders im Libanon und ganzen Nahen Osten, gibt in diesem ZENIT-Interview Einblick in die Lage des Landes.



ZENIT: Können Sie uns die derzeitige Situation im Libanon ein wenig schildern?

P. Fady Tabet: Die Situation im Libanon ist beängstigend und schwierig. Sie ist instabil, und niemand weiß, was passieren wird. Aber wir wissen, dass niemand – keine Gruppe – im Libanon alleine leben kann. Das Geheimnis des Libanons ist das Zusammenleben verschiedener Religionsgruppen.

Tatsächlich ist der „Libanon eine Berufung“, so wie es Papst Johannes Paul II. gesagt hat. Nur wenn wir zusammenhalten, können wir von einem Libanon der Zukunft sprechen, einem Land, von dem wir alle träumen.

Die Unruhen begannen nach einer Verlautbarung der Regierung, die die von der Hizbollah besetzten Ämter in öffentlichen Institutionen betraf. Der Chef der Hizbollah, Hasan Nasrallah, antwortete in einer Rede auf diese Verlautbarung. Die Hizbollah ist die einzige Partei im Libanon, die noch im Besitz von Waffen ist. Im Jahr 2000 [Abzug der israelischen Besatzung aus dem Süden des Landes, Anm. d. Red.] begannen die Probleme um diesen Waffenbesitz, und sie dauern bis heute an.

ZENIT: Wie wird sich die Situation wohl entwickeln?

P. Fady Tabet: Wir hoffen, dass die Unruhen bald aufhören. In manchen Teilen West-Beiruts ist es ruhiger geworden, in anderen sind die Kämpfe intensiver geworden.

Das Problem ist, dass die Lage sehr leicht eskaliert. Die Menschen benötigen nur einen kleinen Grund, und es entflammt sofort. Unser Volk ist in Parteien und Farben geteilt. Eine Lösung kann nur dann erreicht werden, wenn alle an einem Tisch zusammenkommen und verhandeln.

Es gibt Schmerz und Verletzungen, und sie werden immer tiefer. Je länger es dauert, desto größer werden die Verwundungen und desto schwieriger wird es auch, die Wunden zu schließen.

ZENIT: Welche Rolle spielen in dieser Situation die Medien?


P. Fady Tabet: Klarerweise spielen die Medien eine sehr große Rolle und tragen eine entsprechende Verantwortung. Es ist traurig, dass sie zu den Verletzungen beitragen und in ihrer Berichterstattung nicht objektiv sind.

Journalisten lernen in ihrer Ausbildung, Abstand von persönlichen Interessen zu nehmen und objektiv zu berichten. Doch im Libanon befinden sich alle Medien im Besitz von Parteien. Jedes Medium spiegelt die Meinung jener politischen Partei wider, zu der es gehört. Das führt dazu, dass jeder die Wahrheit für sich beansprucht.

Mir persönlich tut das sehr weh, und es ist ein nicht zu unterschätzendes Problem.

ZENIT: Wo steht die Kirche, und wo stehen die Christen?


P. Fady Tabet: Aufgabe der Christen ist es, die Situation wahrzunehmen und sie zu verstehen. Sie sollen sich nicht den Parteien anschließen, sondern sich bewusst sein, wie prekär die Lage ist – vor allem zwischen West- und Ostbeirut. Die Christen sollen ihre Berufung wachsam leben; sie sollten sich darum bemühen, Ruhe in die aufgeheizte Atmosphäre zu bringen.

Die Kirche ist eine Mutter, die Hoffnung und Frieden ausstrahlt. In ihrem Schoß bietet sie all ihren Kindern einen Platz. Ihre Offenheit für diese Kinder zeichnet sie aus; niemand ist von ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen.

ZENIT: Was tut Radio „Voice of Charity“ inmitten dieser schwierigen Situation für die Menschen, um ihnen zu helfen?

P. Fady Tabet: Wir haben am Dienstag den dritten Gedenktag an die Bombardierung unseres Senders begangen. Gemeinsam mit unseren Mitarbeitern und vielen Hörern haben wir einen Gottesdienst mit dem Thema „Hoffnung“ gefeiert.

Außerdem feiern wir in diesen Tagen zu Pfingsten das 25. Jubiläum der Gründung unseres Senders. Wir wollten heute den Medienpreis 2008 von Radio Charity an zwei libanesische Journalisten verleihen, mussten die Feierlichkeiten aber aus Sicherheitsgründen verschieben.

Wir haben während dieser Tage Gebetszeiten, in denen wir gemeinsam mit den Hörern beten. Wir verlassen uns alleine auf Gott, der uns Kraft und Hoffnung gibt. Die Menschen finden nur im Gebet Ruhe. Daraus schöpfen sie neuen Mut, nicht aufzugeben und die Hoffnung nicht zu verlieren.

ZENIT: Was ist gegenwärtig Ihr größtes Anliegen?

P. Fady Tabet: Ich möchte einen Appell an die Libanesen richten: Schauen wir gemeinsam nicht in das Glas, das halbvoll ist, um darüber zu klagen, dass es nicht voll ist. Sehen wir das Positive! Streben wir nach der Einheit unseres Landes, und schauen wir auf das Schöne, das es gibt.

Wir können nur dann in unserem Land weiterleben, wenn wir zusammenkommen. Ohne den anderen können wir nicht mehr weitermachen.

[Radio Voice of Charity ist ein Partnerradio der Weltfamilie von „Radio Maria“; das Interview führte Juliana Abado]