Licht im Verborgenen; ein Geheimnis wird gelüftet

Lux in Arcana ist eine Romreise wert

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ROM, 30. März 2012 (ZENIT.org). - Anlässlich des 400. Jahrestags der Gründung des Vatikanischen Geheimarchivs ist in den Kapitolinischen Museen teilweise erstmalig eine Auswahl an Archivdokumenten ausgestellt.

Die in Zusammenarbeit mit der Stadt Rom, "Assessorato alle Politiche Culturali e Centro Storico - Sovraintendenza ai Beni Culturali und Zètema Progetto Cultura" gemeinsam entwickelte Ausstellung zeigt insgesamt 100 Pergamente, Codices, Register, Handschriften und Akten aus dem insgesamt 85 Kilometer Regalreihen umfassenden Bestand des Vatikanischen Geheimarchivs.

Das Geheimarchiv, das nur zu wissenschaftlichen Recherchen konsultiert werden kann, gibt dem Besucher anhand ausgwählter Exponate die Möglichkeit, sich einen Überblick über die Geschichte, die Struktur, die Funktion und die im Vatikanischen Geheimarchiv aufbewahrten Dokumente zu verschaffen. 

Die Exponate aus der Zeit vom 8. Jahrhundert bis in die Neuzeit umfassen mehr als tausend Jahre Geschichte. Entsprechend umfassend ist die inhaltliche Vielfalt der im Vatikanischen Geheimarchiv aufbewahrten Dokumente; in der Ausstellung sind, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, der Brief der Mitglieder des englische Parlaments an Klemens VII. zur der Ehefrage Heinrichs VIII., die Prozessakten Galileo Galileis, ein Schreiben von Wolfgang Amadeus Mozart sowie einige Dokumente aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu sehen.

Neben historischen Fragen spürt die Ausstellung auch technischen Gesichtspunkten nach: Besonderes Augenmerk wird auf die unterschiedlichen Siegel und die in den Codices verwendeten Tuschearten gelegt.

Multimediale Komponenten runden das Bild ab und lassen den Besucher noch tiefer in die Welt des Archivs eintauchen.

Weitere Informationen über Ausstellung kann hier finden. [bd]

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Von Elizabeth Lev*

Wenn man vom Vatikanischen Geheimarchiv spricht, bilden sich in den Köpfen der Menschen alle möglichen geheimnisumwobenen Assoziationen. Einige denken an Verschwörung, andere an tief verborgene Geheimnisse und Eröffnungen über das Universum. Andere sehen darin Geschichte, die auf verlockende Weise auf Pergamentfetzen und in mit Leder eingebundenen Bänden aufbewahrt, manchmal verstohlen aus ein paar Zeilen verblasster Tinte hervortritt.

Zum ersten Mal in seiner 400-jährigen Geschichte befinden sich die Schätze des Vatikanischen Archivs in einer fesselnden Sammlung in den Kapitolinischen Museen ausgestellt. Die Ausstellung trägt den romantisch klingenden Titel „Lux in Arcana“ („Licht im Verborgenen“). „Licht“ weist in diesem Zusammenhang auf jene Wahrheit und Wirklichkeit hin, die die Dinge, die durch die Distanz von Jahrhunderten verborgen sind, ans Licht holt und Unkenntnis oder schleierhafte Angelegenheiten aufklärt. Schauplatz ist der Welt erstes Museum, dessen Gründer Papst Sixtus IV. ist und das sich neben Roms Rathaus und an dem Ort befindet, an dem der Vertrag der Europäischen Gemeinschaft unterzeichnet und ratifiziert worden ist. Das alles weist auf den Zusammenstoß von zwei Welten hin, der säkularen und der heiligen, aber auch auf den gemeinsamen Schatz an Wissen und Erfahrung, über den der Westen aufgrund des aufgezeichneten Wortes verfügt.

Für diese außerordentliche Ausstellung wurden aus den 85 Kilometer langen Regalen und 650 Archivfonds des Vatikanischen Geheimarchivs, also von Aktenbeständen, die in die Millionenzahl gehen, 100 Dokumente ausgewählt, was eine einmalige Gelegenheit darstellt, um Geschichte, so wie sich abgespielt hat, aus der Nähe zu betrachten.

Im ersten Raum trifft man schon gleich auf ein buntes Arrangement. Hier befinden sich 24 auf Papier, Seide, Rinde und Pergament gedruckte Dokumente aus Afrika, Asien, Europa und Amerika, welche die Kreativität und den großen Einfallsreichtum des Menschen sowie dessen Wunsch, sich mitzuteilen, dartun.

Jedes einzelne Objekt ist eine Schatztruhe, in der es für alle Geschmäcker etwas zu finden gibt. Ein Dokument von Kaiser Otto I., das auf violettem Pergament mit goldenen Lettern abgefasst ist, ein Brief aus dem Jahre 1603, der in der Landessprache (Quechua) von Papst Klemens VIII. an die peruanische Stadt Cuzco erging oder ein auf Seide abgefasster Brief der Kaiserin Helena von China vermitteln dem Besucher den Eindruck, in einen epistolarischen Feinschmeckerladen versetzt worden zu sein.

In den Ausstellungsvitrinen trifft man auf berühmte Persönlichkeiten: den Botschafter von Abraham Lincoln, Bernini mit seinen Rechnungen, Michelangelo bei seiner Arbeit an der Petersbasilika und Wolfgang Amadeus Mozart bei seinem kurzen, aber denkwürdigen Aufenthalt in Rom: alle werden hier hier Revue passieren.

Sowohl die Einberufung von Kirchenkonzilen als auch päpstliche Bullen, die bis ins zehnte Jahrhundert zurückliegen, unter anderem der im Zuge des Investiturstreits geführte Kampf zwischen dem heiligen Papst Gregor VII. und Kaiser Heinrich IV., sind dokumentarisch belegt.

In der Nähe von mehreren Dokumenten kommt es ständig zu großen Ansammlungen von Schaulustigen. Im ersten Fall handelt es sich um ein riesiges, fast ein Meter langes Pergament. Von den Mitgliedern des Parlaments von England an Papst Klemens VII. adressiert, betrifft es die „Geheime Angelegenheit“ Heinrichs VIII. und dessen mit Blick auf eine Heirat von Anne Boleyn erwünschte Annullierung seiner Ehe mit Königin Katharina.

Einen weiteren Besuchermagnet stellen die Prozessakten im Fall Galileo Galilei dar. Schade, dass, wie bei den meisten Ausstellungen über den ehrgeizigen Gelehrten aus Florenz, das didaktische Begleitmaterial eher das Klischee vom „verfolgten Wissenschaftler“ wachruft.

Auf besondere Weise ist die Sektion für Kreuzfahrten, Ketzer und Ritter eingerichtet worden. Ein Videogerät projiziert Flammen auf die im Raum befindlichen Wände, zweifellos, um auf die dem Vernehmen nach ständige Bedrohung durch den Scheiterhaufen hinzudeuten, die während des Pontifikats des „Papa Rex“ bestand. Hier trifft man auf die Exkommunikationsbulle Martin Luthers, der daraufhin erklärte, dass er „sowohl den Zorn als auch die Gunst Roms verachte“. Die 60 Meter lange Rolle, auf der der Templerprozess mit seinen 231 Zeugenaussagen festgehalten ist, verschlagen einem, genauso wie die Liste der häretischen Lehrmeinungen des Giordano Bruno, die Sprache.

Der nächste Ausstellungsraum ist dem schönen Geschlecht reserviert. Dort findet man den hoffnungsfrohen Brief, den Bernadette von Lourdes an Papst Pius IX. geschrieben hat und in dem sie ihre Vision von Unseren Lieben Frau beschreibt. Gegenüber im Raum befindet sich das von Marie Antoinette einige Wochen vor ihrer Exekution in Verzweiflung aufgesetzte Schriftstück. Stars und Heilige geben sich in diesem wunderbaren Raum ein Stelldichein.

Die Ausstellung widmet sich aber nicht allein den Ausstellungsstücken selbst, sondern erklärt auch, wie mühsam es war, die Dokumente zu erhalten. Im dritten Stockwerk erfährt man von den verschiedenen Gefahren, die Manuskripte bedrohen und diese beschädigen können: Insekten, Wasser, Nagetiere, Feuer und Schimmel bedrohen ständig das überaus empfindsame geschriebene Wort, doch im Archiv hat man tapfer gekämpft, um diese Werke der Nachwelt zu erhalten. Man kann auch den Alltag im Archivleben betrachten, so wie er sich oben im Lesezimmer, als auch unten, neben den Regalen, darstellt. Die Ausstellung wirft ein Licht auf alle Aspekte des Archivs, seine Schätze, sein Aufsichtspersonal und seine Studenten.

Das Vatikanische Archiv wurde im Jahre 1612 von Papst Paul V. (Borghese) gegründet und öffnete 1881 unter Papst Leo XIII. für Experten seine Pforten. Jetzt aber, 400 Jahre später, dürfen alle Besucher erfahren, wie aufregend Geschichte ist und wie verlockend das Wissen, wenn sie die verschiedenen enzyklopädischen Dokumentensammlungen in dieser Ausstellung betrachten.

Die Ausstellung „Lux in Arcana“ wird noch bis zum 9. September 2012 andauern. Lassen Sie sich dies nicht entgehen! Ja, kommen Sie hierfür nach Rom!

*Elizabeth Lev unterrichtet christliche Kunst und Architektur auf dem italienischen Campus der Duquesne University und am katholischen Studien Programm von St. Thomas. Ihr Buch „The Tigress of Forlì: Renaissance Italy's Most Courageous and Notorious Countess, Caterina Riario Sforza de' Medici“ wurde vergangenen Herbst von Harcourt, Mifflin Houghton Press veröffentlicht [Rezension auf ZENIT]. Sie kann unter lizlev@zenit.org erreicht werden.

[Übersetzung des englischen Originals von P. Thomas Fox LC]