Liebe auf "andere Weise"?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 274 klicks

Ich Habe Ihre Antwort an Zvjezdana unter der Überschrift: „Ist es nicht sinnlos heutzutage in ein geschlossenes Kloster einzutreten?“ gelesen. Ich bin nicht zufrieden. Das Ordensleben haben Sie zu sehr unter den Nenner der Liebe gestellt und somit es überbetont. Sie wollten sage, dass dies das Leben der Liebe auf andere Weise sei? Und es ist mir doch nicht ganz klar, was für ein Unterschied zwischen unserer weltlichen Berufung und der des Ordensstandes besteht? Sie haben einige Aspekte gebracht, doch möchte ich, dass das besser zum Ausdruck kommt. Es sieht so aus, als wäre das Ordensleben weit über dem weltlichen. 

Zweitens, was mich nicht befriedigt: Sie haben nicht erklärt, wozu überhaupt kontemplative Orden in der Katholischen Kirche? Haben sich das nicht Menschen ausgedacht, und dann das gleiche als „Willen Gottes“ proklamiert? In der heutigen Zeit ist es wirklich nicht leicht, die Notwendigkeit der kontemplativen Menschen zu erkennen, die nichts Aktives tun. Wie beteiligen sie sich an der Entwicklung der Welt? Worin besteht eigentlich ihre echte Aktivität, außer ihrer persönlichen egoistischen Heiligung?

Danke für die Antwort.

Marijana

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Du sagst, dass ich das Ordensleben zu sehr unter den Nenner der „Liebe“ gestellt habe, und damit habe ich es „überbetont“. Dir ist dieses „Leben der Liebe“ nicht klar, es wird nicht auf die gleiche Art gelebt, wie es in der Ehe gelebt wird, sondern „auf andere Weise“? Aus meiner Antwort geht klar hervor, dass es in der Kirche zwei Lebensstände oder zwei Arten zu leben gibt: „weltliches“ Leben und das Leben der evangelischen „Räte“, das wir konkret als Leben in Keuschheit, Armut und Gehorsam bezeichnen. Wie im ehelichen Leben, so auch im Leben der evangelischen Räte soll man die Prinzipien der christlichen Vollkommenheit verwirklichen. Das bedeutet, man soll „nach der Liebe“, „aus Liebe“, „für die Liebe“ leben. Es handelt sich also um zwei verschiedene Arten der Verwirklichung der christlichen Liebe. Damit ist das Ordensleben wirklich „Liebe auf eine andere Weise“ als im weltlichen Stand. Für jetzt betone ich einen Unterschied: im ehelichen Stand wird die Liebe auch auf dem leiblichen Plan gelebt als etwas Wesentliches, während im Ordensleben, in Hinsicht auf den leiblichen Aspekt der Liebe, der freigewählte, bereitwillig gewählte Verzicht „um des Reiches Gottes willen“, ein Leben lang, gelebt wird. Darin besteht das Entsagen, aber auch die neue Fruchtbarkeit „auf andere Weise“. Ich möchte das noch erklären.

Also, eine Art der „Liebe“ leben weltliche Menschen in der Ehe. Sie folgen Christus nach durch ihre Ehe, ihre Profession, ihren Dienst, ihre Beschäftigung und ihre Pflichten. Sie verwirklichen die Liebe im christlichen Sinne nicht, und sie folgen nicht Christus nach, wenn sie das nicht im Glauben und in der Hoffnung verwirklichen, wenn sie sich nicht an der Quelle der Sakramente stärken, vor allem der Eucharistie und der Versöhnung, wenn sie sich nicht bemühen, die Ziele der Gemeinschaft, in der sie leben, zu verwirklichen: der Familiengemeinschaft, der engeren und der breiteren Gemeinschaft der Gesellschaft und der Kirche. Unsere Brüder in den weltlichen Berufen sind der Welt gegenüber orientiert, sie arbeiten und leben für den Ausbau der Welt. Ich befürchte, du wirst gleich meinen, dass das „weniger wert“ ist. Keinesfalls! Die zweite göttliche Person – Jesus Christus – durch seine Fleischwerdung, seinen Tod und seine Auferstehung hat zu dieser Welt sein endgültiges JA gesagt. Die Welt ist weder verflucht noch abgestossen, sondern gerettet und angenommen, in Christus eingegliedert, verchristlicht. Die Menschen in den weltlichen Berufen verwirklichen zusammen mit Christus die Werte dieser Welt. Diese Werte sind gut und heilig, weil sie der gleiche Herr Jesus Christus angenommen und endgültig bestätigt hat. Damit ist der Christ berufen, am Ausbau und an der Entwicklung dieser Welt zu arbeiten „wie die Hefe“ im Teig, wie die „Seele im Leib“, wie das „Innere und Wesentliche“ in diesem Äußeren und Materiellen (vgl. AA 2; GS 34).

Eine andere Art der „Liebe“ leben die Menschen im Stand der evangelischen Räte. Sie folgen Christus auf „neue Weise“ nach. Diese neue Art, die seit Christus existiert, besteht in der Verwirklichung der unmittelbaren Liebe Gottes dem Menschen gegenüber. Was will ich sagen? Nun, in den weltlichen Berufen wird die Liebe Gottes der Welt gegenüber an „der Materie dieser Welt“ erfahren. Damit ist die „Übernatürlichkeit“ der gleichen Liebe vom Schleier der Materie und von der Sorge um das Materielle verhült. Der Stand der evangelischen Räte offenbart diese Liebe „klarer“ und „mehr“.Und gerade deshalb muss es in der Kirche einen „symbolischen“ Zustand geben,  der auf diese weltlichen Werte verzichtet. Durch diesen Verzicht wird bezeugt, dass die gleichen weltlichen Werte an sich nicht in der Lage sind, „übernatürliche Gemeinschaft“ zwischen Gott und dem Menschen zu erzwingen. Dieser „symbolische Zustand“ ist gerade der Stand der „Räte“ oder das Ordensleben, das Leben der Liebe in bereitwilliger Keuschheit, Armut und im Gehorsam.

So wie die Sakramente, besonders die Eucharistie, liturgisch-sichtbare Zeichen der liebenden Vereinigung zwischen Gott und dem Menschen sind – und diese Vereinigung ist bereits in Jesus Christus verwirklicht worden, und sie wird sich bei seiner letzten Wiederkunft auf eine unwiderrufliche Weise offenbaren – so ist auch der Stand der „Räte“ moralisch sichtbares Zeichen dieser anwesenden Vereinigung in Liebe zwischen Gott und dem Menschen. Dieselbe Vereinigung wird sich im zukünftigen Leben vollkommen offenbaren. Demnach, der Stand der evangelischen Räte oder das Ordensleben ist so zu verstehen: es hat zur Aufgabe, in der Kirche und in der Welt symbolisch – wie im Zeichen – bereits jetzt, zu verwirklichen, und für das zukünftige Leben  im voraus die Vollkommenheit des erlösten Menschen oder die Vollkommenheit des Heiles in Jesus Christus zu zeigen. Andere Erklärungen genügen nicht.

Es existieren demgemäß zwei Wege in der Nachfolge Christi, zwei Arten der Verwirklichung der Liebe, zwei Lebensstände. Die eine Art wird im Leben der weltlichen Berufe verwirklicht, die andere Art verwirklicht sich im Leben der evangelischen Räte. Aber, es ist wichtig, hier zu betonen, dass die eine Art die andere bedingt. Wie „bedingt“? – fragst du. Durch den weltlichen Stand werden die Werte dieser Welt bestätigt, dieser Stand nimmt die Welt und alles, was ihr wert ist an, weil sie Gott in Jesus Christus angenommen und sich ihr unmittelbar in

Vollkommenheit und definitiv hingegeban hat. Und gerade unter diesem Aspekt der „Hingabe Gottes an die Welt“, verlangt der weltliche Stand den Stand der Räte. Warum?  Deshalb, weil der Stand der Räte diese „unmittelbare Hingabe Gottes an die Menschen“ symbolisch wie im Zeichen durchlebt und im voraus bezeichnet. Aber, es gilt auch umgekehrt: weil das Leben der Räte symbolisch wie im Zeichen die übernatürliche Liebe Gottes zur Welt durchlebt und im voraus bezeichnet, wird die Existenz des weltlichen Standes verlangt, der zur Aufgabe hat, die weltlichen Werte zu bestätigen und zu verwirklichen, die Gott in seiner Hingabe in Jesus, dem Träger des Heiles, endgültig angenommen und bestätigt hat.

Die Kirche braucht also beide Lebensstände. Beide sind auf die „christliche Vollkommenheit“ hin gerichtet, beide verwirklichen die Berufung zur „Vollkommenen Liebe“, aber ihre Art ist wirklich nicht gleich.

Außerdem, fragst du mich, „wozu in der Kirche kontemplative Menschen“? Haben sich das nicht die „Menschen“ ausgedacht, und dann diese Lebensform als den „Willen Gottes“ proklamiert? Sie tun nichts „Aktives“, sondern kümmern sich nur um ihre „egoistische Heiligung“… Meine Antwort ist kurz: aus dem Sinn der menschlichen Arbeit selbst geht hervor, dass es in der Kirche kontemplative Orden geben muss, weil sie „Symbol“ oder „Zeichen“ des echten Sinnes der menschlichen Arbeit sind. Unsere Arbeit, nämlich, hat zwei Aspekte: unsichtbaren oder inneren und den sichtbaren oder äußeren, d.h. die Arbeit als Verehrung Gottes und die Arbeit „für den Menschen“. Deshalb muss symbolisch wirksam durchgelebt werden, was die Arbeit eigentlich in ihrem tiefsten Sinne ist, d.h. Gottesdienst und Ehre Gottes. Gerade diesen inneren Aspekt der Arbeit – mehr als die übrigen Ordensleute – vollziehen und verwirklichen die kontemplativen Ordensleute, kontemplative Schwestern hinter den Gittern, in denen du und viele Christen keinen Wert erkennen können. Sie vollziehen also die Arbeit von einer „anderen Art“. Es ist nicht wichtig, was das für eine Arbeit von außen ist: Küche, Haushalt, Gebet von sieben Stunden am Tag… Auf jeden Fall, ist das schöpferische und freie Gestaltung der Welt von innen her, im höchsten Sinn des Wortes, in der Ankündigung der Ewigkeit, für die wir alle bestimmt sind, und der wir alle – ob wir es wollen oder nicht – entgegengehen. Es wird dir klar sein, dass dieses „Aktivsein“ nicht mit den Statistiken gemessen werden kann, sondern das wird im Glauben und in der Hoffnung gelebt. Es wird dir aus dem Gesagten klar sein, dass das eine ausgezeicnete Arbeit an der „Entwiklung der Welt“ ist, das ist die „vergeistlichung der Welt“. Es wird dir klar sein, dass das kontemplative Leben alles andere ist als „egoistische Art der Heiligung“. Das ist, so kommt es uns vor, der größte Altruismus, dem wir auf dem Globus begegnen: „Liebe auf andere Weise“ für den Menschen und für die Welt, aber ohne irgendeinen äußeren Trost oder äußeren sichtbaren Erfolg.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 280-282)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.