„Liebe im Dienst einer humanen Entwicklung weltweit“

Erzbischof Robert Zollitsch würdigt neue Enzyklika „Caritas in veritate“

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BONN, 7. Juli 2009 (ZENIT.org/DBK.de).- Die heute im Vatikan vorgestellte Enzyklika Caritas in veritate von Papst Benedikt XVI. hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz als entscheidenden Beitrag zur aktuellen Globalisierungs- und Gerechtigkeitsdebatte bezeichnet.

„Nicht zuletzt der Zeitpunkt der Veröffentlichung – einen Tag vor Beginn des G8-Gipfels in L’Aquila – macht die Dringlichkeit des Anliegens deutlich. Der Papst ruft nicht nur die Verantwortlichen der wichtigsten Industrienationen der Welt auf, den aktuellen Herausforderungen mutig zu begegnen und dabei die notwendigen ethischen Grundlagen nicht zu vergessen, sondern ermutigt alle Menschen guten Willens, sich als Gestalter, nicht als Opfer derzeitiger Entwicklungen zu sehen. Umdenken ist bei allen gefordert!“, so Erzbischof Zollitsch.

Die Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI. wurde am 29. Juni 2009 unterschrieben. Sie ist das dritte Lehrschreiben in diesem Pontifikat. Bereits 2007 veröffentlichte Benedikt XVI. seine Enzyklika „Spe Salvi“ über die christliche Hoffnung und zuvor 2006 die Enzyklika „Deus Caritas est“ über die christliche Liebe.

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Die seit mehr als zwei Jahren mit Spannung erwartete erste Sozialenzyklika und nach Deus caritas est und Spe salvi die insgesamt dritte Enzyklika von Papst Benedikt XVI. wurde heute in Rom veröffentlicht. Unterzeichnet hat sie Papst Benedikt am 29. Juni 2009, dem Hochfest der Apostel Petrus und Paulus. Sie war bereits für das Jahr 2007 – zum 40. Jahrestag der Enzyklika Papst Paul VI. Populorum progressio – angekündigt und erscheint nun, zwei Jahre später. Mit der vorliegenden Enzyklika trägt der Papst zugleich der krisenhaften Entwicklung auf den internationalen Finanzmärkten und in der Realwirtschaft Rechnung wie er auch dem im Zweiten Vatikanischen Konzil erteilten bleibenden Auftrag gerecht wird, nach den jeweiligen „Zeichen der Zeit“ zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten.

Die Enzyklika Caritas in veritate steht ganz in der Tradition der Soziallehre der katholischen Kirche. Den entscheidenden Anknüpfungspunkt für die aktuelle Frage nach den Herausforderungen, die die fortschreitende Globalisierung für die Kirche bedeutet, stellt die erste Entwicklungsenzyklika Populorum progressio aus dem Jahr 1967 dar. In ihr wurde erstmalig die soziale Frage als eine weltweite behandelt und die Fragen der Entwicklung der Völker beleuchtet. Da bereits 20 Jahre später Papst Johannes Paul II. eine weitere Entwicklungsenzyklika Sollicitudo rei socialis veröffentlichte, bekräftigt Papst Benedikt nun mit seiner neuen, der dritten Entwicklungsenzyklika, dass „die Enzyklika Populorum progressio (es) verdient, als die Rerum novarum unserer Zeit angesehen zu werden“ (8). 1 Rerum novarum war die erste Sozialenzyklika. Papst Leo XIII. veröffentlichte sie im Jahre 1891.
Bevor ich eine Würdigung der Enzyklika vornehme, möchte ich Ihnen kursorisch einen Einblick in die Inhalte geben:

Der Titel der Enzyklika, der immer aus den ersten Worten des lateinischen Textes besteht, nimmt ein Wort aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Ephesus auf, in dem von der „Wahrheit in der Liebe“ (Eph 4,15) die Rede ist. Umgekehrt macht der Papst deutlich, dass auch die Liebe „ihrerseits im Licht der Wahrheit verstanden, bestätigt und praktiziert werden [muss].“ Benedikt richtet sein spezielles Augenmerk darauf, dass in der im gesellschaftlichen Leben verwirklichten Liebe die Wahrheit sich als glaubwürdig erweist. „Nur in der Wahrheit erstrahlt die Liebe und kann glaubwürdig gelebt werden“ (3), ohne diesen Zusammenhang droht die Liebe in „Sentimentalität“ oder „Fideismus“ abzugleiten.

Die Enzyklika umfasst sechs große Kapitel. Die vorangestellte Einleitung legt das theologische und sozialethische Fundament für das Folgende: Die „Liebe“ wird als der Hauptweg der Soziallehre der Kirche definiert, was durch den engen Zusammenhang, den der Papst zwischen Liebe und Gerechtigkeit herstellt – womit er ein Motiv aus Deus caritas est aufgreift –, sowie durch den Verweis auf das Gemeinwohl als entscheidendes Kriterium, näher erläutert wird. Ausdrücklich erwähnt wird dabei der institutionelle bzw. politische Weg der Nächstenliebe. Der Bezug auf die Liebe impliziert mithin durchaus auch strukturethische Aspekte (7). Dem so von der Liebe inspirierten Handeln des Menschen kommt höchste Bedeutung zu: Es „trägt … zum Aufbau jener universellen Stadt Gottes bei, auf die sich die Geschichte der Menschheitsfamilie zu bewegt.“ (7) Engagement für das Gemeinwohl der gesamten Menschheitsfamilie macht die „Stadt des Menschen […] zu einer vorausdeutenden Antizipation der grenzenlosen Stadt Gottes“.

Im 1. Kapitel nimmt Benedikt eine Relecture von Populorum progressio vor: zur integralen menschlichen Entwicklung jedes und aller Menschen trägt die Kirche umfassend, also durch die Bezeugung, das Feiern und Bewirken der Liebe bei.

Im 2. Kapitel skizziert der Papst sehr differenziert „die Entwicklung des Menschen in unserer Zeit“. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Krise spricht er nicht nur von den wirtschaftlichen Aspekten, sondern behandelt unter anderem Fragen der weltweiten Armut, der Finanzmarktkrise, des Umweltschutzes und der Migration. Bei der Suche nach Lösungen bedarf es „einer tiefgreifenden kulturellen Erneuerung und der Wiederentdeckung von Grundwerten“.

Das 3. Kapitel greift dieses Anliegen unter den Stichworten von „Brüderlichkeit, wirtschaftlicher Entwicklung und Zivilgesellschaft“ auf. Die Gesamtgesellschaft und nicht nur der Staat wird in die Verantwortung genommen, speziell, wenn es um den Markt und das Bemühen um Gerechtigkeit geht. Die in der letzten Sozialenzyklika Johannes Pauls II. klare, prinzipiell positive Stellungnahme zum Markt erfährt hier noch einmal eine deutliche Verstärkung, wenngleich auch hervorgehoben wird, dass es Ziele gibt, die die Möglichkeiten des Marktes übersteigen (vgl. 35). Auch in der positiven Würdigung der unternehmerischen Initiative schließt Benedikt an seinen Vorgänger an.

Das 4. Kapitel handelt sodann von der „Entwicklung der Völker, von Rechten und Pflichten, und von der Umwelt“. Die Wirtschaft wird verpflichtet auf eine „menschenfreundliche Ethik“ (45), als deren eine zentrale Dimension auch die „verantwortungsvolle Steuerung über die Natur“ (50) genannt wird. Der Umgang mit der natürlichen Umwelt „stellt für uns eine Verantwortung gegenüber den Armen, den künftigen Generationen und der ganzen Menschheit dar“ (48). Damit wird unmissverständlich deutlich: Der globale Frieden hat auch eine ökologische Dimension! Hier kommt der Kirche eine besondere Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung zu, wobei es insbesondere darum geht, „den Menschen gegen seine Selbstzerstörung [zu]schützen“ (51).

Das 5. Kapitel widmet sich der Zusammenarbeit der Menschheitsfamilie: Es geht um „Integration im Zeichen der Solidarität und nicht der Verdrängung“ (53). Die klassischen Sozialprinzipien Solidarität und Subsidiarität werden in ihrer wechselseitigen Verwiesenheit für eine nachhaltige Entwicklung der Menschheitsfamilie entfaltet. Dabei wird für den spezifischen Beitrag des Christentums zum Aufbau der sozialen Gemeinschaft besonderer Raum gefordert. Zugleich erkennt die Enzyklika an, dass andere Kulturen und Religionen, die Brüderlichkeit und Frieden lehren, ebenfalls einen Beitrag zur ganzheitlichen Entwicklung des Menschen leisten können.

Auf der Basis der Erkenntnis, dass die „Entwicklung des Menschen verkommt, wenn er sich anmaßt, sein eigener und einziger Hervorbringer zu sein“ (68), entfaltet das letzte Kapitel höchst komplexe Gedanken zur Bedeutung der Technik für die Entwicklung der Völker. Dabei wird deutlich: Technik, als Ausdruck menschlicher Freiheit und Autonomie durchaus positiv gewertet, bedarf immer eines dementsprechenden verantworteten Umgangs und Einsatzes.

Der Schluss der Enzyklika lenkt den Blick wieder auf den grundlegenden Gedanken einer wahren, integralen, christlichen und damit zugleich humanen Entwicklung des einzelnen und aller Menschen. Solche Entwicklung braucht Christen, die sich bei allem Engagement für Gerechtigkeit und Gemeinwohl weltweit bewusst bleiben, dass echte Entwicklung letztlich nicht Menschenwerk, sondern Geschenk Gottes ist.

Würdigung:


Die Sozialenzyklika Caritas in veritate ist ein großartiges Werk, das allen Menschen guten Willens zentrale Voraussetzungen einer menschengerechten und -würdigen Entwicklung – und damit auch der Globalisierung – vor Augen hält. Es beeindruckt, wie es Papst Benedikt XVI. gelingt, die Dynamik und Kraft der Liebe, die er bereits in den Mittelpunkt seiner Antrittsenzyklika „Deus Caritas est“ stellte, nun mit Blick auf die unterschiedlichen Aspekte, Forderungen und Erscheinungsweisen im sozialen Bereich zu entfalten. Dabei legt er eine höchst eindrucksvolle, in der gegenwärtigen Krise hochaktuelle und vielschichtige soziale Verkündigung vor, die dem klaren Grundgedanken folgt: Es geht um die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, die nur im Kontext der Gemeinschaft, für die es Verantwortung zu übernehmen gilt, ganz zur Entfaltung kommt und die dem Potential einer wahrhaften, wahrheits- und vernunftgeleiteten Liebe entstammt: „Caritas in Veritate“.

Die stringente Ausrichtung auf den Menschen und seine humane Entwicklung als Fokus des gesellschaftlichen und besonders auch des wirtschaftlichen Lebens unterscheidet die Enzyklika wohltuend von Ausarbeitungen, die eine partikuläre Orientierung an wirtschaftsethischen Einzelfragen oder einseitig an der Welt der Wirtschaft aufweisen und die der Zentralität des Menschen nicht in vollem Umfang gerecht werden. Einer Zentralität, die einerseits der Vernunft zugänglich ist und zugleich dem Glauben entspricht, dass der Mensch Abbild Gottes ist und eine entsprechende Beachtung verlangt. Auf diesem Hintergrund erörtert der Papst praktisch das gesamte Spektrum drängender Problemstellungen unter den Bedingungen einer Krise der globalisierten Weltwirtschaft und -gesellschaft, die die Aktualität der Thematik verdeutlichen. Niemals kommt dabei die Perspektive des einzelnen Menschen und seiner Moral und Verantwortung zu kurz, übrigens auch nicht in Bezug auf sein persönliches und familiäres Leben. Ebenso wenig die nur scheinbar wirtschaftsfernen, in Wirklichkeit sehr ökonomierelevanten Aspekte eines Machbarkeitswahns im kulturellen Leben, im wissenschaftlichen Fortschritt und insbesondere im Lebensschutz.

Die Enzyklika ist ein bedeutender Schritt in der Fortschreibung der Katholischen Soziallehre und stellt mit ihrer Sicht einer ganzheitlichen Entwicklung einen wichtigen Beitrag zu den Fragen der Globalisierung mit ihren Vorteilen und ihren Gefahren dar. Nicht Handlungsanweisungen politischer oder ökonomischer Art sind das Anliegen des Papstes, nicht Lösungskonzepte der gegenwärtigen Krise die Aufgabe der Soziallehre der Kirche. Vielmehr geht es darum, den Blick erneut auf die zentrale, aber in Vergessenheit geratene Dimension von Entwicklung zu lenken: auf eine ganzheitliche Entwicklung, orientiert an den Prinzipien von Gerechtigkeit und Gemeinwohl, die Ausdruck der Liebe in Wahrheit sind. Nicht zuletzt der Zeitpunkt der Veröffentlichung – einen Tag vor Beginn des G8-Gipfels in L’Aquila – macht die Dringlichkeit des Anliegens deutlich. Der Papst ruft nicht nur die Verantwortlichen der wichtigsten Industrienationen der Welt auf, den aktuellen Herausforderungen mutig zu begegnen und dabei die notwendigen ethischen Grundlagen nicht zu vergessen, sondern ermutigt alle Menschen guten Willens, sich als Gestalter, nicht als Opfer derzeitiger Entwicklungen zu sehen. Umdenken ist bei allen gefordert!Die Enzyklika enthält sich pauschaler Urteile über das Wirtschaftsleben und unterzieht es stattdessen einer differenzierten Betrachtung, die z. B. dem Wirtschaftswettbewerb, der Finanzwelt und ihren Kreditinstrumenten, der Unternehmensentwicklung und den Herausforderungen an Unternehmer wie auch an Beschäftigte gewidmet ist. Keine vorschnellen Verurteilungen auszusprechen, bedeutet nicht, sich klarer Urteile zu enthalten, auch nicht hinsichtlich z.B. der langfristig wichtigen Forderungen des Energieverbrauchs, des Naturschutzes und anderer Dimensionen eines nachhaltigen Lebensstils, das gleichwohl auf eine Absolutsetzung ökologischer Ziele verzichtet.

Wir deutschen Bischöfe begrüßen dankbar die erste Sozialenzyklika unseres Papstes. Sie analysiert nicht nur in einer präzisen Art und Weise die Zeichen der Zeit, sondern nennt notwendige Kriterien, die zu beachten sind, um weltweit nachhaltig Gerechtigkeit zu befördern. Mit ihren in besonderer Weise theologisch rückgebundenen und entfalteten ethischen Grundsätzen weist sie nicht nur der Kirche, sondern auch der Menschheit insgesamt einen Weg in eine Zukunft, die vom Gemeinwohl geprägt sein kann. Der Papst gibt viele Anregungen, denen wir deutsche Bischöfe ein Gehör bei den Akteuren in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft wünschen, und die wir innerhalb und außerhalb der Kirche bekanntmachen und zur Geltung bringen werden. Wir freuen uns darauf, dass die Enzyklika die öffentliche Meinungsbildung bereichert, und danken dem Heiligen Vater für seine Reflexionen und Weisungen.

Fußnote 1: Rerum novarum war die erste Sozialenzyklika. Papst Leo XIII. veröffentlichte sie im Jahre 1891.