Liebe stellt sich in den Dienst des Herrn

Von Bischof Gerhard Ludwig Müller

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WÜRZBURG, 26. Mai 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Die Pilgerreise ins Heilige Land führte unseren Papst Benedikt XVI. nach Nazareth in Galiläa, „dorthin, wo Jesus aufgewachsen war". Die Heilige Familie im Haus von Nazaret ist uns Symbol für die Familie. Ein Fernseh-Kommentator konnte es nicht lassen, den Papst für sein „konservatives" Familienbild zu beckmessern, das er bei seiner Predigt in Nazareth wiederholt habe. Man fragt sich aber: Von welcher Tradition gehen denn die Ideologen des sogenannten modernen Familienbildes aus? Schließlich beruht jede Sichtweise von Ehe und Familie auf einer Tradition und ist somit auch konservativ. Man bewahrt die Einsichten der Autoritäten, die das Menschenbild und damit in der Folge auch die Grundüberzeugungen von Ehe und Familie prägen. Auch die Modernisten und Progressisten sind deshalb konservativ und traditionalistisch. Darum kommt es nicht darauf an, was arrogant in den tonangebenden Medien- und Politikkreisen propagiert wird, sondern, was der Natur des Menschen entspricht. Vor allem aber gilt: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen" (Mt 7, 16).

Zum stabilen Füreinander von Mann und Frau und ihrem Miteinander in der sakramentalen Ehe und Familie gibt es keine Alternative, die für Ehegatten und ihre Kinder zuträglicher wäre und eine bessere Grundlage für gelingendes Leben böte.

Unser christliches Menschenbild ist von der Grundeinsicht geprägt, dass der Mensch als leib-geistiges, soziales und geschichtliches Wesen Person ist. Der Mensch als Person steht in einer Ich-Du-Beziehung zu Gott. Auch die Beziehung zu seinesgleichen ist geprägt durch die Tatsache des Personseins. Der Mensch kann für den Menschen niemals Mittel zum Zweck sein. Menschliche Beziehungen bauen nur auf, wenn sie von der Anerkennung der Würde des Menschen geprägt sind. Das mit der Macht der Medien propagierte biologistische Menschenbild geht von der niederschmetternden Vorstellung aus, der Mensch sei das zufällige Produkt einer blinden Natur. Der Mensch habe keine höhere Sinnorientierung. Zwischen Mensch und Tier gebe es nur ein graduellen Unterschied.

Darum richtet er sich nicht nach religiösen und sittlichen Prinzipien, die auf den personalen Gott und Schöpfer zurückweisen. Glücklich werde der Mensch nur dann, wenn er seine seelischen Bedürfnisse und körperlichen Triebe befriedige unter der einzigen Einschränkung, dass er anderen nicht schade. Das Verhältnis von Mann und Frau muss dann auf die biologischen Aspekte der Sexualität reduziert werden. Das Zusammensein von Menschen unterschiedlichen oder gleichen Geschlechts wird so zu einer Zweckgemeinschaft zur Befriedigung des Sexualtriebes inklusive der Erfüllung einiger Wünsche, unter denen auch der Wunsch nach Kindern enthalten sein kann. Vor diesem Hintergrund des biologistisch verkürzten Menschenbildes ist auch der Slogan zu erklären: „Familie ist da, wo Kinder sind".

Auf dem Boden des personalen Menschenbildes jedoch sagen wir Christen: Familie ist da, wo die Ehe existiert als ganzheitliche Gemeinschaft von Mann und Frau in der Liebe. In der Erschaffung des Menschen leuchtet uns das Geheimnis der Ehe in ihrer umfassenden Bedeutung für die ganze Menschheit auf. „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau erschuf er sie. Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde...." (Gen 1, 28).

Adam erkennt die Frau in ihrer Wesensgleichheit mit ihm als Mensch und im selben Augenblick in der Wesensbezogenheit in der Liebe. „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch. Beide, Adam und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander" (Gen 2, 24). Indem sich ein Mann und eine Frau aufgrund ihres freien Ja-Wortes aneinander binden in guten und schlimmen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, ist ihre Ehe ein Bund der Treue in Liebe. Die Ehe als Bund reicht tief in das Geheimnis der Liebe Gottes hinein. Sie ist mehr als eine rein natürliche Einrichtung. Die Ehe hat Anteil an dem Bund zwischen Christus und seiner Kirche und stellt ihn sichtbar dar. Im Neuen und Ewigen Bund, den Christus in seinem Blut, seiner Lebenshingabe, gestiftet hat, ist darum die Ehe zwischen Christen ein Sakrament.

Das Ehesakrament zeigt das unauflösliche Band zwischen Christus und der Kirche an und enthält zugleich die Unauflöslichkeit und Einheit der Ehe. Da Mann und Frau in der Ehe ein Fleisch werden - das heißt eine Gemeinschaft des Leibes, des Lebens in Liebe und Treue - stellt sich in ihnen die liebende Hingabe Christi für die Kirche und die Treue der Kirche zu Christus dar. Paulus bezeichnet darum die christliche Ehe als „ein tiefes Geheimnis, (ein mysterion und sacramentum; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Was euch angeht, so liebe jeder von euch seine Frau wie sich selbst, die Frau aber (liebe und) ehre ihren Mann" (Eph 5, 32).

Liebe verschließt sich nicht in sich selbst. Sie übernimmt Verantwortung und stellt sich in den Dienst Gottes, der die Menschen aus Liebe erschaffen hat. Kinder sind darum nicht Eigentum und Spielzeug für ihre natürlichen oder Adoptiveltern. Sie sind ein Geschenk Gottes. Ein neuer Mensch tritt ins Dasein, wo im tiefsten Quellgrund der Schöpfung Gottes Liebe und die Liebe von Mann und Frau sich berühren. Ein Kind hat darum ein Menschenrecht auf die Zuwendung und Fürsorge seines Vaters und seiner Mutter. Jeder Mensch soll um seiner selbst willen geliebt werden; nicht weil er die Wünsche anderer erfüllt oder sogar nur für deren Eigennutz ge- und verbraucht wird. Eltern versündigen sich an ihrer Liebe, aus der ihre Kinder hervorgehen, wenn sie ihnen den Glauben an Gott vorenthalten. Denn nur im Licht Gottes erkennen wir unsere Würde. Ohne Gott müsste ich mit dem blinden Schicksal hadern, das mich in den Fluch der tragischen Existenz ohne Sinn hineingeschleudert hat. Ich müsste meinen Eltern böse sein, dass sie mir den Teufelskreis sinnloser Leiden zugemutet haben, aus dem es kein Entrinnen gibt. Da wir aber aus Gott stammen und darum Kinder Gottes sind, dürfen wir in der Schule der christlichen Familie lernen, dass Gott nicht nur unser Ursprung, sondern auch unser Ziel ist.

Wenn „unser Herr und Gott am Ende als der Herrscher über die ganze Schöpfung offenbar wird", dann gibt es zwar nicht mehr die Ehe als eine Einrichtung der Schöpfungs- und Erlösungsordnung. Aber die Ehe bleibt in dem, wofür sie ein Zeichen war: Der Bund der Liebe, aus der das Leben hervorgeht. Denn das ewige Leben ist „Hochzeit des Lammes mit seiner Frau, nämlich der Kirche als Gemeinschaft der Heiligen. Und wir sind zum Hochzeitsmahl des Lammes eingeladen" (vgl. Offb 19, 7).

So verstehen wir, warum Gott auf die Ehe einen solchen Segen gelegt hat. Die Ehe hat eine fundamentale Bedeutung für Mann und Frau, die sich als Personen in der Liebe finden. Die Ehe ist die Urzelle des gemeinschaftlichen Lebens in der Kirche und der Gesellschaft. Sie bleibt die Schule, in der die Ehegatten und die Kinder den ganzen Sinnreichtum des Menschseins erfahren sollen. Die Hochzeit von Braut und Bräutigam ist das Symbol der Beziehung von Gott und Menschheit, von Christus und der Kirche. Die Familie zeigt sich als das schönste Symbol für die Kirche, die Gott als Vater anbetet und in der sich die Christen als Brüder und Schwestern achten und lieben.

Der Bund der Ehe zeigt uns aber auch den tieferen Sinn der evangelischen Räte der Armut, des Gehorsams und des Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen, von denen Jesus spricht, aber auch des priesterlichen Zölibates.

Die sakramentale Ehe und die charismatische Lebensform des Eheverzichtes erhellen einander wechselseitig. Die Ehe ist kein Naturzwang, sondern eine Einrichtung der Schöpfung. Sie kann nur in Freiheit eingegangen werden. Denn ohne Freiheit gibt es keine Liebe, ohne Liebe keine Freiheit. Wer um des Dienstes und Zeugnisses willen für sich den Rat des Herrn erkennt und annimmt, der schließt sich nicht in eine weltverneinende Einsamkeit ein. Männer und Frauen machen von ihrem natürlichen Recht zu heiraten keinen Gebrauch. Aufgrund einer besonderen Berufung stellen sie sich in den Dienst Christi und seiner Kirche. Sie binden sich in Liebe und Treue und stellen so die ewige Hochzeit des Lammes mit seiner Braut, der Kirche, dar (vgl Mt 19, 3-12; 1 Kor 7 und 11, 2). Wenn die Leute sagen, der Priester ist mit der Kirche verheiratet, dann hat das einen tiefen geistlichen Sinn. Hier zeigt sich, wie die sakramentale Ehe und die charismatische Ehelosigkeit um Christi willen, des Bräutigams der Kirche, sich im Ganzen des kirchlichen Lebens wechselseitig erhellen und bedingen.

Das ist etwas ganz anders, als wenn wir von jemanden sagen, der ist mit seinem Beruf oder Hobby verheiratet. Damit drückt man nur aus, dass jemand vernarrt ist in seine Lieblingsbeschäftigung meist unter Zurückstellung seiner Verantwortung für seine Angehörigen.

Die Ehe ist ganz sicher kein auslaufendes Modell. Wohl wandeln sich die Arbeits- und Lebensbedingungen, in denen sich Ehe und Familie verwirklichen und bewähren müssen. Was aber von Anfang der Schöpfung an gilt und was dem Menschen als Maß und Sinn vorgegeben bleibt, was er als Gnade und Segen erfahren darf, das ist die Liebe von Mann und Frau. Ehe ist Gottes Gnade und Segen für die Menschheit. Sie ist die intimste und innigste Anteilnahme am Geheimnis der Liebe Gottes zu uns Menschen. Die Ehe ist als Liebesbund aber auch Symbol für die ewige Vollendung des Menschen in der Liebe Gottes, wenn wir zum Hochzeitsmahl des Lammes mit seiner Braut, der Kirche, geladen sind. Die Ehe ist Zeichen für den unwiderruflichen Bund der Liebe Gottes, die stärker ist als der Tod.

Gerade auch in der Ehe erfahren die Menschen oft die Grenzen des geschöpflichen Daseins und sie spüren, wie auch die Liebe von zerstörerischen Egoismus bedroht bleibt, solange wir noch auf den verschlungenen Wegen dieser Erde gehen. Aber hier erfahren sie auch, wie Vergebung und Versöhnung möglich sind. Auch die Ehe steht im Raum von Leiden, Kreuz und Auferstehung.

Zu allen Zeiten und auch heute ist den Menschen vorgegaukelt worden, der Mensch sei sich selbst Ziel und Maß. Die vergänglichen Dinge dieser Welt könnten ihn glücklich machen. Der Konsumrausch, bei dem auch die Sexualität wie eine Ware angeboten wird, kann die Menschen für jetzt betäuben, aber nicht für immer glücklich machen. Wenn ein Mann und eine Frau ihre Liebe als Geschenk Gottes annehmen, dann werden sie glücklich in der Verantwortung, die sie jetzt übernehmen und der Hoffnung auf die Vollendung ihrer Liebe im Himmel. „Die Liebe ist das Band, das nicht nur alles zusammenhält, sondern auch vollkommen macht" (Kol 3, 14). Worum geht es beim personalen oder biologistischen Menschenbild: Liebe oder Selbstsucht? Liebe ist kein Auslaufmodell, sondern allein Garantie für Leben und Zukunft.

[Diese Ansprache über die Bedeutung der sakramentalen Ehe hielt der Regensburger Oberhirte bei einer Begegnung mit Jubelpaaren; © Die Tagespost vom 26. Mai 2009]