Liebe und tu, was du willst

Impuls zum 6. Sonntag der Osterzeit

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 11. Mai 2012 (ZENIT.org). - Am Beispiel der Apostel sehen wir im heutigen Evangelium, dass Jesus die Menschen sehr liebt. Gewiss, theoretisch ist uns das ganz klar, denn jeder weiß: Gott ist die Liebe. Aber dass es sich um eine schier grenzenlose Liebe handelt, so weit wollen wir meistens nicht gehen oder aber so etwas können wir uns nicht vorstellen. Die hl. Katharina von Siena sagt: Gott ist dem Menschen gegenüber „philocaptus“, eine merkwürdige griechisch-lateinische Wortmischung. Er ist wie ein Gefangener in seiner Liebe zum Menschen. Der hl. Josefmaria drückt das gleiche mit dem spanischen Wort „chiflado“ aus, was so viel bedeutet wie verrückt vor Liebe. Manch einer, der die Übertreibungen der Verliebten kennt, meint vielleicht, das könne man doch auf Gott nicht anwenden.

Aber hier sollen wir uns nicht am Wort stoßen. Man kann das gleiche auch vornehm-philosophisch ausdrücken. Zum Beispiel so: die Liebe ist die einzige Tugend, die kein Maß kennt, für alle anderen Tugenden gilt: in medio virtus (die Tugend liegt in der Mitte). Und tatsächlich: nur dem unendlichen Gott ist eine solche unendliche Maßlosigkeit zuzutrauen.

Und dann kommt noch hinzu, dass Gott mit dieser unbegreiflich großen Liebe nicht nur die großen Heiligen liebt, sondern jeden von uns.

Das kann uns begeistern, es kann uns aber auch befangen machen, weil wir aus Erfahrung wissen, dass da etwas auf uns zukommt. Und das Wort Gottesliebe ist ja auch in doppelter Richtung zu verstehen (sich von Gott geliebt wissen und selber Gott lieben).

In der Tat, es kommt etwas auf uns zu: im heutigen Evangelium sagt der Herr uns wieder einmal, dass wir ihm nachfolgen, ihn nachahmen sollen: „Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe!“ (Joh 15,13) Damit hat er das alte Doppelgebot der Liebe noch erweitert, das da lautete: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden“ (Dt, 6,4-5). Wenn wir unseren Nächsten lieben so wie wir uns selbst lieben, ist das schon sehr gut, denn kaum einer hasst sich selbst. Aber Jesus geht in seiner „Maßlosigkeit“ weiter: wir sollen den Nächsten so lieben wie er uns geliebt hat. Hier wird tatsächlich eine Schwelle überschritten, wo es uns eigentlich schwindeln müsste. So lieben wie Jesus liebt?

Allerdings finden wir – praktisch denkend wie wir sind – immer wieder schnell zum bürgerlichen Mittelmaß, wenn nicht sogar zur bloßen „political correctness“ zurück.

Aber gibt es nicht doch einige oder wenigstens einen Menschen, von dem wir sagen können, dass er so liebt wie Jesus liebt? Ganz gewiss, es ist die Jungfrau Maria, die nicht nur sündenlos ist, sondern die tatsächlich in vollkommener Weise die Nachfolge Christi, ihres Sohnes lebt. Sie liebt Gott und die Menschen uneingeschränkt, und genau wie er lässt sie sich von der Undankbarkeit der Menschen nicht abschrecken. Ihre Menschenliebe ist vor allem mütterliche Besorgtheit, sie sieht mit Entsetzen, wie viele ihrer Kinder ins Verderben laufen, und zwar volle Kraft voraus. Nur aus ihrer großen Liebe erklärt es sich, dass Maria in den letzten zwei Jahrhunderten so häufig auf Erden mahnend erscheint und die damit verbundenen Risiken in Kauf nimmt (Unglaube der Menschen, Gefahr falscher Erscheinungen, Nicht-Akzeptanz durch die Kirche). Es sind nun bald schon hundert Jahre vergangen, seit die Gottesmutter in dem kleinen Ort Fatima in Portugal erschienen ist. Paul Claudel nennt Fatima „den massiven Einbruch des Übernatürlichen in unsere Welt“.

Dieser 6. Sonntag der Osterzeit fällt in diesem Jahr auf den 13. Mai, den eigentlichen Tag der Erscheinungen unserer Lieben Frau in Fatima. Von Mai bis Oktober des Jahres 1917 erschien sie drei Hirtenkindern, Lucia, Francisco und Jacinta und bat, wie immer, um Gebet für die Bekehrung der Sünder: „Man soll Gott den Herrn nicht noch mehr beleidigen, der schon zuviel beleidigt worden ist.“ Mehr als die Androhung eines Strafgerichts könnten uns diese erschütternden Worte einer besorgten Mutter davon überzeugen, dass die Sünde etwas ist, das man unbedingt meiden muss.

Maria ist auch Prophetin. Damals sagte sie voraus, dass „Russland seine Irrtümer auf der ganzen Welt verbreiten wird“, was ja auch geschehen ist (welches diese Irrtümer sind, braucht wohl nicht eigens erwähnt zu werden). Aber der Ausblick ist tröstlich: „Russland wird sich bekehren, und der Welt wird eine Zeit des Friedens geschenkt werden“. Ob Russland sich inzwischen bekehrt hat, ist schwer zu sagen. Wie alle Menschen haben die Russen gegenwärtig zumindest die Gelegenheit dazu, nachdem der gottlose Kommunismus wie ein Kartenhaus zusammen gebrochen ist. Allerdings verlangt Maria, so wie Jesus, dass wir Menschen zu diesem Frieden beitragen. Der Hl. Vater sollte die Welt und besonders Russland dem Unbefleckten Herzen weihen. Man könnte sagen: eine Kleinigkeit. Aber schon Pius XII. ist an dieser Forderung gescheitert, er hat die Welt dem Herzen Mariens geweiht, aber dabei Russland nicht eigens erwähnt. Der sel. Johannes Paul II. hat mehrmals zu dieser Weihe angesetzt, bis er schließlich am 25. März 1984 diese Weihe auf dem Petersplatz in Rom vollzog. Er selbst hatte die mütterliche Hilfe Mariens am 13. Mai 1981 erfahren, als er um ein Haar das Opfer eines Attentats geworden wäre, wenn nicht sie, wie er sagte, die Kugel abgelenkt hätte.

Die Ereignisse von Fatima, ja dieser der Muttergottes gewidmete Monat Mai ganz allgemein, wollen uns anregen, in der Gottes- und Nächstenliebe einen guten Schritt voran zu tun. Denn wer in der Liebe vollkommen ist, kann eigentlich nicht mehr sündigen. So ist wohl auch das bekannte Wort des hl. Kirchenvaters Augustinus zu verstehen: „Liebe und tu, was du willst!“

Hier sei zum Schluss an den hl. Paulus erinnert, der uns genau sagt, wie die Liebe ist, und wie sie nicht ist:

Die Liebe ist langmütig,
die Liebe ist gütig.
Sie ereifert sich nicht,
sie prahlt nicht,
sie bläht sich nicht auf.
Sie handelt nicht ungehörig,
sucht nicht ihren Vorteil,
lässt sich nicht zum Zorn reizen,
trägt das Böse nicht nach.
Sie freut sich nicht über das Unrecht,
sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles,
glaubt alles,
hofft alles,
hält allem stand.
Die Liebe hört niemals auf.  (1Kor 13)

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“.