„Liebst du mich?“: P. Raniero Cantalamessa über die Liebe, die Jesus von seinen Jüngern erwartet

Kommentar zum Evangelium des dritten Sonntags in der Osterzeit (Lesejahr C)

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ROM, 20. April 2007 (ZENIT.org).- Das Christentum ist keine Ansammlung von Lehren und Praktiken, sondern eine innige Freundschaftsbeziehung mit Jesus. Dies hebt P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, in seinem Kommentar zum kommenden dritten Sonntag der Osterzeit hervor (Apg 5, 27b–32.40b–41; Offb 5, 11–14; Joh 21,1–19). Dem Verfehlen des Menschen setzt Gott eine unendliche Zahl von Möglichkeiten entgegen, sich mit Gott und dem Nächsten neu zu versöhnen. Denn Jesus will, so der Hofprediger, dass die Liebe zu ihm zum Dienst am Nächsten wird.



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Liebst du mich?

Liest man das Johannesevangelium, so versteht man, dass es ursprünglich mit dem 20. Kapitel endete. Wenn dieses neue 21. Kapitel hinzugefügt wurde, so geschah das, weil der Evangelist selbst oder einer seiner Schüler das Bedürfnis verspürte, noch einmal die Wirklichkeit der Auferstehung Christi hervorzuheben. Das ist nämlich die Lehre, die diesem Abschnitt des Evangeliums zu entnehmen ist: dass Jesus nicht „sozusagen“ auferstanden ist, sondern dass er wirklich, in seinem wahren Leib auferstanden ist. „Wir haben mit ihm gegessen und getrunken nach seiner Auferstehung von den Toten“, wird Petrus in der Apostelgeschichte sagen, wobei er sich wahrscheinlich gerade auf diese Episode bezieht (Apg 10,4).

Der Szene, in der Jesus mit den Aposteln gerösteten Fisch isst, folgt der Dialog zwischen Jesus und Petrus. Drei Fragen: „Liebst du mich?“; drei Antworten: „Tu weißt, dass ich dich liebe“; drei Schlussfolgerungen: „Weide meine Schafe!“. Mit diesen Worten verleiht Jesus dem Petrus de facto – und nach der katholischen Lesart seinen Nachfolgern – die Aufgabe des höchsten und universalen Hirten der Herde Christi. Er verleiht ihm jenen Primat, den er ihm versprochen hatte, als er sagte: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben“ (Mt 16,18-19).

Was am meisten in diesem Abschnitt des Evangeliums berührt, ist, dass Jesus seinem dem Petrus gemachten Versprechen treu bleibt, obwohl Petrus dem Jesus gemachten Versprechen, ihn nie zu verraten, selbst wenn das sein Leben kosten sollte (vgl. Mt 26,35), untreu gewesen ist (Die dreifache Frage Jesu erklärt sich aus dem Wunsch, dem Petrus die Möglichkeit zu geben, seine dreifache Verleugnung während der Passion zu tilgen).

Gott gibt den Menschen immer eine zweite Möglichkeit; sogar eine dritte, eine vierte – ja, unendlich viele Möglichkeiten. Er streicht die Menschen nicht nach ihrem ersten Fehler aus seinem Buch.

Was geschieht dann? Das Vertrauen und die Vergebung des Meisters haben aus Petrus einen neuen, starken, bis zum Tod treuen Menschen gemacht. Er hat die Herde Christi in den schwierigen Momenten ihrer Anfänge geweidet, als es notwendig war, aus Galiläa hinauszugehen auf die Straßen der Welt. Petrus wird imstande sein, endlich sein Versprechen einzuhalten, sein Leben für Christus hinzugeben. Wenn wir die im Handeln Christi mit Petrus enthaltene Lehre beherzigten und jemandem Vertrauen schenkten, nachdem dieser einen Fehler gemacht hat – wie viel weniger misslungene und an den Rand gedrängte Menschen gäbe es auf der Welt!

Der Dialog zwischen Jesus und Petrus ist auf das Leben eines jeden von uns zu übertragen. Der heilige Augustinus sagt in seinem Kommentar zu diesem Abschnitt des Evangeliums: „Indem er Petrus fragte, fragte Jesus einen jeden von uns.“

Die Frage: „Liebst du mich?“ ist an jeden Jünger gerichtet. Das Christentum ist keine Ansammlung von Lehren und Praktiken; es ist etwas viel Innigeres und Tieferes: eine Freundschaftsbeziehung mit der Person Jesu Christi.

Oft hat Jesus die Menschen zu Lebzeiten gefragt: „Glaubst du?“, nie aber: „Liebst du mich?“. Er tut es nur jetzt, nachdem er in seinem Leiden und Sterben den Beweis erbracht hat, wie sehr er uns liebt.

Jesus will, dass die Liebe zu ihm im Dienst an den anderen besteht: „Liebst du mich? Weide meine Schafe.“ Nicht er will die Früchte dieser Liebe erhalten, sondern er will, dass es seine Schafe seien. Er ist der Adressat der Liebe Petri, nicht aber der Nutznießer. Es ist, als sagte er dem Petrus: „Ich betrachte das, was du für meine Herde tust, als tätest du es für mich“.

Auch unsere Liebe zu Christus darf keine rein innerliche oder sentimentale Angelegenheit bleiben, sondern sie muss im Dienst an den anderen zum Ausdruck kommen, im Tun des Guten am Nächsten. Mutter Teresa von Kalkutta sagte oft: „Die Frucht der Liebe ist der Dienst, und die Frucht des Dienstes ist der Friede.“

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]