Liebst du mich? Weide meine Schafe!

Über gewisse Vorwürfen Papst Franziskus gegenüber

Rom, (ZENIT.org) Andrea Filoscia | 345 klicks

Kurz nach der Wahl von Papst Franziskus sprach ich mit Freunden über die positiven Kommentare zu seiner Wahl, nicht nur aus unterschiedlichen Bereichen der Kirche, sondern auch von Vertretern der verschiedensten säkularen und Laien-Kreise.

Die zweifellos interessanteste Beobachtung bestand darin, dass seine Gestalt seither Anziehungskraft auf viele Menschen ausgeübt hat, die einem regulären Glaubensleben oder einer Teilnahme an den Riten der christlichen Glaubensgemeinschaft fern stehen. Zugleich zeigte sich sowohl im Süden der Welt als auch in unseren Städten eine große Begeisterung unter den Armen und Kleinen und den an einen einfachen Glaubensausdruck Gewöhnten.

Angelangt bei der Frage nach der Bedeutung dieser durchaus als „universal“ zu bezeichnenden Manifestation der Begeisterung, trennten wir uns in einem Anflug von Unruhe voneinander; in der Erwartung möglicher Enttäuschungen und mit Sicherheit bald eintretender Kritik.

In den vergangenen Monaten sorgte Papst Franziskus weiterhin für Überraschungen und löste in seinen Reden zu den Themen Armut, die Peripherie und den Geruch der Schafe anstatt von durch bestimmte holografische Verfahren schneeweiß gewordenen Schäfchen Begeisterung aus. Er traf symbolisch die Entscheidungen, in einer bescheidenen Wohnung zu leben, sich in einem Mittelklassewagen fortzubewegen, die Sicherheitsregeln zu brechen und einfache Gläubige, die unterschiedliche Bitten an ihn gerichtet hatten, telefonisch zu kontaktieren. Doch neben diesen von den Medien aufgegriffenen und verbreiteten Zeichen gab es viele andere, zweifellos eher im Hintergrund gebliebene Ereignisse, wie die Empfehlung der Verehrung Mariens, die Weihe der gesamten Welt an die Gottesmutter von Fatima. Ferner erinnerte er mit Anekdoten und persönlichen Erfahrungen an die einfachsten, traditionellsten und volkstümlichsten Ausdrucksformen der Liebe zum Herrn, bekräftigte die Heiligkeit eines jeden menschlichen Lebens, insbesondere des empfangenen Embryo/Fötus, der jungen und älteren Menschen – der Zukunft und der Vergangenheit, der Hoffnung und der Erinnerung jeder Nation und jeder Gesellschaft.

Später gab er Interviews, stellte sich für Gespräche mit Journalisten zu Verfügung, wobei er sich desselben spontanen Stils bediente, der die Worte nicht abwägt und das Herz seines Gesprächspartners erwärmen will um ihn für die Aufnahme des von ihm ausgestreuten Samens vorzubereiten; ohne zu wissen und ohne sich zu fragen, ob und wann dieser keimen werde: Man stelle sich Scalfaris Ergriffenheit nach dem Telefonanruf des Papstes vor (er selbst hat davon erzählt); wie er nach Worten suchte und Tag und Zeit des von Franziskus vorgeschlagenen Termins ohne Rücksicht auf bereits bestehende Vereinbarungen annahm?

Und die Kritik kam tatsächlich.

Kritik erhob sich zunächst aus dem Inneren der Kirche. Dieser Umstand ist an sich nicht als negativ zu betrachten, zumal es ein Zeichen der Aufmerksamkeit darstellt. Im Übrigen ist der Papst nicht immer unfehlbar. Ex-cathedra-Äußerungen tätigt er selten und verpflichtet uns vielmehr zur widerspruchslosen Nachfolge. In den meisten Fällen und besonders in informellen und gleichsam vertraulichen Situationen (Franziskus bewegt sich nicht selten in diesen Sphären) kann, unter der Voraussetzung von entsprechendem Wissen, entsprechender Information, entsprechendem Einflussreichtum und entsprechender Kompetenz, gebührend und mit dem höchstmöglichen Maß an Barmherzigkeit durchaus Kritik, die Bitte um Erklärungen oder Zweifel zum Ausdruck gebracht werden.

Nicht annehmbar und im Grunde lächerlich ist es, den Papst schismatischer oder subversiver Absichten dem Lehramt gegenüber zu bezichtigen.

Meines Erachtens möchte Franziskus zeigen, dass seine Aufmerksamkeit tatsächlich jedem Einzelnen von uns gilt; so wie Jesu Aufmerksamkeit uns gegenüber. Aus diesem Grund interpretiert er die Rolle des „Pontifex“ wörtlich. Er sucht auf überraschende Weise den persönlichen Kontakt und riskiert bei seiner Annäherung an jeden nach dem Gesetz der Gradualität — von dem wir gelernt haben, dass es sich um keine Gradualität des Gesetzes handelt — Vereinfachung und manchmal sogar Missverständnisse.

Der hl. Franziskus selbst ging kniend zum Papst. Anstatt eine Kirche zu gründen wartete er darauf, dass der Papst dank seines Urteilsvermögens und mit der Hilfe des Heiligen Geistes die außergewöhnliche Neuheit seiner Predigt erkannte, ihn segnete und in die Welt aussandte.

Glaubt jemand von uns tatsächlich, inspirierter zu sein?

Von Paulus, Appollos, Kephas, Johannes Paul, Benedikt oder Franziskus: „Paulus, Apollos, Kephas, Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft, alles gehört euch; ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott“ (1 Kor 3,22-23). Jesus ist das Fundament. Er ist der Weg. Er hat Petrus auserwählt. Wir glauben, dass er auch Franziskus auserwählt hat. Trifft dies zu, müssen wir uns dennoch um ihn versammeln. Trifft dies nicht zu, dann ist alles umsonst, ganz abgesehen von unseren Erläuterungen und Korrekturen!

Drei Worte müssen wir uns nach diesen ersten Monaten des Pontifikates aus meiner Sicht in unseren Geist und unser Herz einprägen: Zärtlichkeit, Behüten und Barmherzigkeit. Wenn wir dazu fähig wären, könnten wir über jedes ganze Bücher schreiben, aber im Wesentlichen die Beschaffenheit des „neuen Menschen“ skizzieren; ein den Unbilden der Welt ausgesetzter, an der Tür verharrender aber dennoch willkommen heißender verlässlicher Behüter aufgrund seiner Stärke, der dennoch zärtlich und fähig ist zur Vergebung, weil er die Schwäche kennt, der sich der Begegnung und der Konfrontation nicht entzieht, denn „Der Herr ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist die Kraft meines Lebens: Vor wem sollte mir bangen?“ (Ps 27, 1)

Jeder Papst ist der Richtige, denn Gott sei Dank ist er nicht von uns abhängig.

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Andrea Filoscia ist Präsident der Associazione Scienza e Vita” (Vereinigung Wissenschaft und Leben) Viterbo (Italien)

(Dieser Artikel wird auch in der Zeitschrift der Diözese von Viterbo, „Vita”, erscheinen)