„Liebt einander!“ P. Raniero Cantalamessa erklärt das Neue am „neuen Gebot“

Kommentar zu den Lesungen des fünften Sonntags der Osterzeit (Lesejahr C)

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ROM, 4. Mai 2007 (ZENIT.org).- Jesus versetzt jeden Menschen durch seinen Kreuzestod und die Gabe des Heiligen Geistes in die Lage, wahrhaft zu lieben wie Gott selbst. Deshalb sei das „neue Gebot“ der Nächstenliebe, das der Herr den Seinen gibt, auch tatsächlich neu, erläutert P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, anhand der Lesungen des kommenden Sonntags (Apg 14,21b-27; Offb 21,1-5a; Joh 13,31-33a).



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Ein neues Gebot

Es gibt ein Wort, das in den Lesungen des heutigen Sonntags mehrmals vorkommt: Es wird von einem „neuen Himmel und einer neuen Erde“ gesprochen, vom „neuen Jerusalem“; von Gott, der „alles neu“ macht, und schließlich – im Evangelium – vom „neuen Gebot“. „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“

Die Worte „neu“ und „Neuheit“ gehören zur begrenzten Zahl von „magischen“ Worten, die immer an etwas ausschließlich Positives denken lassen: Nagelneu, brandneu, ein neues Gewand, ein neues Leben, ein neuer Tag, ein neues Jahr. Das Neue ist eine Nachricht wert. All das sind Synonyme. „Neu“ als Adjektiv bedeutet etwas Neues, und als Substantiv ist es eine Nachricht. Das Evangelium heißt „Frohe Botschaft“, gerade weil es die Neuheit schlechthin enthält.

Warum gefällt uns das Neue so sehr? Nicht nur, weil das Neue, das Ungebrauchte (zum Beispiel ein Auto) im Allgemeinen besser funktioniert. Wenn nur das der Grund wäre, warum würden wir dann mit solch großer Freude das neue Jahr, den neuen Tag willkommen heißen? Der tiefe Grund dafür ist, dass die Neuheit – das, was noch nicht bekannt ist, noch nicht erfahren wurde – der Erwartung, der Überraschung, der Hoffnung, dem Traum mehr Raum lässt. Und das Glück ist gerade Kind dieser Dinge. Wären wir uns sicher, dass das neue Jahr für uns genau dieselben Dinge bereit hält wie das alte, nicht mehr und nicht weniger, so würde es uns schon nicht mehr gefallen.

„Neu“ ist nicht das Gegenteil von „antik“, sondern von „alt“. Auch „antik“, „Antike“ und „antiquarisch“ sind positiv besetzte Worte. Worin besteht der Unterschied? „Alt“ ist das, was im Lauf der Zeit schlechter wird und an Wert verliert, während „antik“ das ist, was im Laufe der Zeit besser wird und an Wert gewinnt.

Nach diesen einleitenden Worten wollen wir uns dem Evangelium zuwenden. Es stellt sich sofort die Frage: Warum wird ein Gebot, das schon im Alten Testament bekannt war (vgl. Lev 19,18), als „neu“ bezeichnet? Zur Antwort kann uns die Unterscheidung von „alt“ und „antik“ nützlich sein. „Neu“ steht in diesem Fall nicht im Gegensatz zu „antik“, sondern zu „alt“. Der Evangelist Johannes schreibt an einer anderen Stelle: „Liebe Brüder, ich schreibe euch kein neues Gebot, sondern ein altes Gebot…Und doch schreibe ich euch ein neues Gebot“ (1 Joh 2, 7-8). Ist es denn nun ein neues Gebot, oder ein altes? Beides zusammen. „Alt“ ist es dem Buchstaben nach, weil es vor langer Zeit gegeben worden ist, und „neu“ ist es im Geiste, weil nur mit Christus auch die Kraft gegeben ist, es tatsächlich zu verwirklichen. „Neu“ steht hier nicht, wie ich sagte, im Widerspruch zu „antik“, sondern zu „alt“. Das Gebot, den Nächsten zu lieben „wie sich selbst“, war ein „altes Gebot“ geworden, das heißt ein schwaches und abgenutztes, da es immer überschritten wurde, insofern das Gesetz die Pflicht der Liebe auferlegte, aber nicht die Kraft vermittelte, sie zu erfüllen.

Dazu bedurfte es der Gnade. Und tatsächlich: An sich wird das Gebot der Liebe nicht dadurch zu einem neuen Gebot, weil es Jesus während seines irdischen Lebens so sagte, sondern weil er uns durch seinen Kreuzestod und die Gabe des Heiligen Geistes befähigt, einander zu lieben – indem er in uns die Liebe eingießt, die er selbst für einen jeden empfindet.

Das Gebot Jesu ist ein neues Gebot in einem aktiven und dynamischen Sinn: Es „erneuert“, es macht neu, es verwandelt alles. „Und diese Liebe, die erneuert, macht die Menschen neu; sie macht uns zu Erben des Neuen Testaments, zu Sängern des neuen Liedes“ (Heiliger Augustinus). Könnte die Liebe sprechen, würde sie sich die Worte zu Eigen machen, die Gott in der heutigen zweiten Lesung spricht: „Seht, ich mache alles neu.“

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]