Litauische „Wolfskinder“ in Göttingen zu Gast: ein Beitrag zur Versöhnung

Deutsche Kriegswaisen von Litauern „adoptiert“

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Von Dennis Saathoff*

GÖTTINGEN, Dienstag, 17. Mai 2011 (ZENIT.org). – Auf Initiative der Gesellschaft für bedrohte Völker GfbV fand am Abend des 11. Mai 2011 im alten Rathaus der niedersächsischen Universitätsstadt Göttingen ein Empfang für eine eigens zu diesem Anlass aus Litauen angereiste Gruppe von „Wolfskindern“ statt.

Als „Wolfskinder“ („vilko vaikai“) oder „kleine Deutsche“ („vokietukai“) werden in Litauen deutsche Kinder und Jugendliche bezeichnet, die in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs und der frühen Nachkriegszeit aus dem kriegszerstörten Ostpreußen nach Litauen kamen, um dort Nahrungsmittel zu erbetteln. Viele von ihnen fanden Aufnahme bei litauischen Bauernfamilien, die sie in den Kriegswirren als eigene Kinder ausgaben.

Im Mittelpunkt des Abends, der u.a. von Pfadfindern und einer Musikschule musikalisch gestaltet wurde, stand jedoch zunächst weniger das Schicksal der anwesenden 34 Personen, die zu den letzten Überlebenden gehören, als die Thematik der Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten im Allgemeinen.

Sowohl Tilman Zülch, der Generalsekretär der in Göttingen ansässigen Gesellschaft für bedrohte Völker, als auch Herr Wolfgang Freiherr von Stetten, Förderer der Wolfskinder und litauischer Honorarkonsul für Baden-Württemberg, wiesen in diesem Zusammenhang eindringlich auf die Notwendigkeit eines Denkmals auch für deutsche Vertriebene hin.

„Zur Vergangenheitsbewältigung jüngster deutscher Geschichte gehört auch die Solidarität mit denjenigen Opfern von Flucht und Vertreibung, die bis heute noch unter ihrem besonderen Schicksal leiden", sagt der GfbV-Generalsekretär Tilman Zülch in einer Pressemitteilung. „Zu ihnen gehören die ostpreußischen ‚Wolfskinder‘, die nach der Zerstörung Königsbergs und seiner Umgebung verwaist in den Trümmern überlebten. Diese Kinder wussten, dass dort der Tod auf sie wartete und flüchteten in Güterzügen nach Litauen, wo human gesinnte Bauernfamilien sie adoptierten."

„Jeder zweite Niedersachse ist entweder Vertriebener, Flüchtling oder Spätaussiedler oder hat einen Eltern- oder Großelternteil, der aus den früheren Ostgebieten stammt", sagte Zülch. Allein in Göttingen erinnern die Elbinger und Königsberger Straße und der Insterburger, Allensteiner sowie Memeler Weg an die Heimatorte der Vertriebenen im früheren Ostpreußen.

Frau Luise Kazukauskienė geb. Quitsch, selbst „Wolfskind“ und Vorsitzende des Vereins der Wolfskinder „Edelweiß“, berichtete vom Schicksal der Wolfskinder im sowjetisch besetzten Nachkriegslitauen sowie dem jahrelangen Kampf der noch lebenden Vereinsmitglieder um Anerkennung als Deutsche sowie finanzielle Unterstützung durch den deutschen Staat, an dessen Erfolg Freiherr von Stetten in seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter entscheidenden Anteil hatte.

Besonders betonte Frau Kazukauskienė, dass es sich bei den „Wolfskindern“ um Kriegsopfer handle, die „den vollen Preis für den Krieg bezahlt haben".

Der nächste Beitrag stammte von Frau Ursula Dorn. Auch sie war ein „Wolfskind“ und hielt sich nach Kriegsende in Litauen auf, gelangte aber 1948 in die spätere DDR. Sie ist Autorin zweier Bücher über ihre Erlebnisse als Wolfskind und berichtete über die Schwierigkeiten, Anfang der 90-er Jahre einen Verleger zu finden, denn Deutsche als Kriegsopfer darzustellen sei nach wie vor „politisch inkorrekt“.  In besonderer Weise bekundete Frau Dorn ihren Dank gegenüber jenen Litauern, die „Wolfskindern“ halfen, obwohl sie selber kaum etwas besaßen.

Gegen Ende des Abends gab es noch weitere Berichte über Erlebnisse seit der Nachkriegszeit. Im Anschluss an diese Zeugnisse bestand die Möglichkeit, Fragen zu stellen.

Die GfbV will sich nach eigener Darstellung nicht nur auf Gastfreundschaft und Informationsveranstaltungen beschränken, sondern sich auch in Sachen Wiedereinbürgerung und Wiedergutmachungsrenten für die Letzten der „Wolfskinder" engagieren. Denn diese deutschen Kinder seien heute alte Menschen und hätten ihre deutsche Staatsbürgerschaft zum Teil immer noch nicht wiedererlangt. Sie benötigten dringend Opferrenten als eine der vom Schicksal am härtesten getroffenen Gruppen unter den Vertriebenen.

Erfolgreich hatte die GfbV 1980 bis 1983 unter anderem die Wiedereinbürgerung zahlreicher deutscher Sinti und Roma durch die damalige Bundesregierung sowie eine erste Opferrentenregelung für sie durchgesetzt.

*Dennis Saathoff, Jahrgang 1983, studierte slawische und klassische Philologie in Göttingen. Das Schuljahr  2007/08 verbrachte er in Litauen als Gymnasiallehrer für Deutsch. In dieser Zeit entstand bei ihm ein ausgeprägtes Interesse für Litauen. Seit 2008 hat er das Land mehrmals bereist und kam dabei vielfach mit dem Schicksal der „Wolfskinder“ in Berührung.