Liturgie und Verkündigung des Evangeliums haben Prophetie-Charakter

Redebeitrag von Kardinal Angelo Bagnasco, Erzbischof von Genua, Präsident der Bischofskonferenz von Italien

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VATIKANSTADT, 18. Oktober 2012 (ZENIT.org). - Während der 14. Generalkongregation der Bischofssynode am Dienstag, dem 16. Oktober, sprach Kardinal Angelo Bagnasco über das Spenden der Sakramente und den Wert der traditionellen Pfarrei in der Kirchenstruktur.                                                                                                                                                                                   

[Wir veröffentlichen den zusammengefassten Redebeitrag in einer Arbeitsübersetzung des Heiligen Stuhls:]

„Fürchtet euch nicht“: Dieser Aufruf Christi erklang laut in dieser Synodenaula, Agora der Völker.

Deshalb ist die biblische Erzählung von Petrus, der auf dem Wasser wandelt, eine gute Beschreibung der ersten Botschaft an uns Hirten, an unsere Priester und die christlichen Gemeinschaften: wir müssen unseren Blick fest auf das Antlitz des Herrn richten, sonst gehen wir in unseren Ängsten unter. Das bedeutet die Vorrangstellung der Gnade und die Notwendigkeit des Bußsakramentes im geistlichen Leben. Das Licht wird durch das Licht entzündet - schrieb Romano Guardini -, und die Freude durch einen freudigen Glauben! Wir müssen deshalb Menschen des Glaubens sein, um zu Lehrern des Glaubens zu werden. Unser Blick auf die Welt sollte die Zuneigung Gottes, die sich in Christus als Heil geoffenbart hat, widerspiegeln. Dieser Blick lässt uns vor allem die Zeichen seines Handelns erkennen. Es gibt nämlich im christlichen Volk einen weitverbreiteten Schatz an einfachem und täglichem Heldentum, der kein Aufsehen erregt, aber Geschichte schreibt. So bildet in Italien die Existenz von 25.000 Pfarreien ein Netz der Nähe und ein Erbe, das nicht verschleudert werden darf.

Eine weitere Aufgabe besteht darin, die althergebrachten Dinge mit erneuertem Geist zu tun, weil die Menschen, denen wir in unseren Gemeinden begegnen, oft den Glauben wieder- oder neu entdecken müssen. Dazu brauchen wir Begeisterung, Großzügigkeit und Vertrauen; nicht vergessen dürfen wir dabei, daß die Gegenwart vieler christlicher Einwanderer ein Geschenk ist, das oft für die Gläubigen unseres Landes zum Beispiel werden kann. Der neue Elan der territorialen Pastoral muss dann einhergehen mit einer Kategorialpastoral, die eine weite Spanne des menschlichen Lebens umfasst (Schule, Universität, Krankenhäuser, Sport, Medien, Fabrikwelt...) und die vielleicht mehr Aufmerksamkeit verdient. Wie das Instrumentum laboris anmerkt, müssen sich schließlich die normale Pastoral und die Pastoral aus bestimmten Anlässen, die territoriale und kategoriale Pastoral geduldig mit den vielfältigen Laienverbänden, Vereinigungen, Bewegungen und kirchlichen Gruppen zu einer harmonischen Gesamtpastoral zusammenfinden.

Die Evangelisierung besitzt einen prophetischen Charakter: sie erfüllt sich - wie die gesamte „Heilsökonomie“ - in eng miteinander verbundenen Ereignissen und Worten (vgl. DV 2). Der Prophet interpretiert Umstände und Ereignisse mit dem Blick Gottes: er begreift ihre Wahrheit im Verhältnis zu Ihm und erkennt so die innere Ausrichtung, den Ausgang, so könnten wir sagen. Der Prophet ist aber auch derjenige, der auf symbolische Weise den Gang der Geschichte vorwegnimmt. Unter diesem Blickwinkel haben das Leben der christlichen Gemeinde, ihr weitverzweigter Dienst und das Zeugnis der Nächstenliebe, die heilige Liturgie, die Verkündigung des Evangeliums... einen prophetischen Charakter. Und das entweder, weil sie wirklich zur Begegnung mit der neuen Menschlichkeit, die Jesus mit seinem Opfer eingeleitet hat, führt oder weil sie ausdrücklich die Worte der rettenden Offenbarung verkündet, oder aber weil sie die Lügen entlarvt, welche Ideen oder Verhaltensweisen beeinflussen, die nicht zum Glück, sondern in traurige und unmenschliche Wüsten führen.

Deshalb ist die manchmal vorgetragene Anklage, der Kirche fehle es an prophetischer Kraft, ungerechtfertigt. Christus muß in seiner Ganzheit, in seiner Person und mit seinen anthropologischen, ethischen und sozialen Implikationen verkündet werden. Im entgegengesetzten Fall würde der Glaube emotiv und unbedeutend für das konkrete Leben bleiben.

Auch wenn offensichtlich einige kulturelle Strömungen der Frohbotschaft entgegenstehen, so ist es doch auch wahr, dass der Mensch auf der Seite des Evangeliums steht. Die Gegenwartskultur verdammt zum Beispiel die Kategorie der „Grenze“, weil sie als Verneinung von individueller Freiheit und Spontanität gesehen wird. Dieses Vorurteil entstellt die Ethik, die Bindungen, die Familie, die Erfahrung von Krankheit. Die Erfahrung von Grenzen- von ontologischer, moralischer, affektiver, psychischer Begrenztheit - ist dagegen ein wichtiger Verbündeter der Frohbotschaft, denn sie sagt uns, dass der Mensch die anderen braucht und vor allem den Anderen, der Gott ist. Den anderen zu brauchen ist keine Schwäche, sondern ein Wert, denn es drängt uns, uns zu öffnen in der Gegenseitigkeit der Liebe, die nicht nur antwortet, sondern rettet.