Lore: Geschichte einer inneren Läuterung

Publikumspreis in Locarno

| 959 klicks

ROM, 9. November 2012 (ZENIT.org). ‑ Der Film „Lore“, der bei dem diesjährigen Internationalen Filmfestival in Locarno den Publikumspreis gewann, erzählt unter der Regie der australischen Regisseurin Cate Shortland nach dem Roman „Die dunkle Kammer“ von Rachel Seiffert die Geschichte einer Heranwachsenden, die gezwungen ist, sich mit der dunklen Vergangenheit ihrer Eltern auseinanderzusetzen.

Kurz vor Kriegsende Anfang Mai 1945 lebt die 15-jährige Lore (Saskia Rosendahl) mit der Mutter (Ursina Lardi) und vier Geschwistern in Süddeutschland. Der Vater (Hans-Jochen Wagner) ist SS-Offizier an der Ostfront. Da der erwartete „Endsieg“ ausbleibt, bricht für die Eltern alles zusammen. Der Vater tötet den geliebten Schäferhund durch einen Gnadenschuss, Wertsachen in Koffer gepackt, im Garten werden Unterlagen verbrannt. Der Vater bringt die Ehefrau und die Kinder in eine Hütte im Wald. Dann verschwindet er.

Bald verschwindet auch die Mutter, weil sie befürchtet, selber abgeholt zu werden. Lore muss die Verantwortung für die vier Geschwister übernehmen, das Jüngste ist noch ein Säugling. Nachdem der letzte Familienschmuck gegen Lebensmittel eingetauscht ist, machen sich Lore und die Geschwister auf den Weg zur Großmutter nach Norddeutschland. Lore muss nun einen dramatischen Überlebenskampf gegen Hunger und Tod führen, der die 15-Jährige auch schuldig werden lässt.

Der jugendliche KZ-Überlebende Thomas (Kai Malina) hilft den Geschwistern mit seinen jüdischen Ausweispapieren und wird zu deren Beschützer. Lore fühlt sie einerseits zu ihm hingezogen, andererseits haften noch die Vorurteile gegenüber Juden in ihrem Inneren, die ihr im Elternhaus anerzogen wurden. Die Reise durch das zerstörte und in Zonen aufgeteilte Deutschland wird zum Prozess der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der inneren Läuterung.

„Lore“ erzählt durchgängig aus der Sicht der jugendlichen Hauptfigur, die begreift, dass die Ideologie, mit der sie aufgewachsen ist, eine menschenverachtende Lüge ist. Am Ende des Prozesses steht die Abkehr von der Überzeugung des Vaters. In beklemmender Atmosphäre bietet „Lore“ einen Einblick in die Folgen des Nationalsozialismus als einer Weltanschauung, die alle moralischen Werte pervertiert hat und nicht nur ein zerstörtes Land, sondern innerlich leere Menschen zurücklässt. Die Filmmusik von Max Richter untermalt das Drama mit zurückhaltender Emotionalität.

Die australische Regisseurin hat die deutsch-australisch-britische Koproduktion bewusst auf Deutsch gedreht. Ihre Distanz verhindert aber jede pathetische Übertreibung.

Australien hat den Film für den diesjährigen Oscar als „besten nicht-englischsprachigen Film“ nominiert. [jb]

Filmtipp:

Lore

Regie: Cate Shortland

Darsteller: Saskia Rosendahl, Nele Trebs, André Frid, Mika Seidel, Kai Malina, Nick Holaschke, Ursina Lardi

Deutschland, Australien, Großbritannien 2012, 102 Minuten, ab 16 Jahren.

Seit November im Kino