Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen. Sprachspiele

Von Reinhard Hiltscher

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WÜRZBURG, 20. November 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Es gibt magische Sätze mit „Kultstatus", deren Herkunft und Bedeutung man zumindest oberflächlich kennen sollte, wenn man die Absicht hegt, diese in einem akademischen Sprachspiel zu verwenden. Man denke nur an so schöne Sprachgebilde wie „Alles fließt" - oder - „Das Sein bestimmt das Bewusstsein". Vorzüglich zum besagten akademischen Sprachspiel passen aber auch Sätze wie „Das Ganze ist das Wahre." - oder - „Ich weiß, dass ich nichts weiß." Zweifellos gehört in diese Sammlung außergewöhnlich zweckdienlicher geflügelter Worte an ganz prominenter Stelle auch der Satz „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Dieser Satz stammt aus der Feder eines gewissen Wieners, der in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auf dem Gebiet der Philosophie und Wissenschaftstheorie im anglophonen Ausland reüssierte, indem es ihm gelang, die Sprachphilosophie in den Rang der „Prima philosophia" zu erheben. Der Name dieses Vorreiters der analytischen Philosophie des 20. Jahrhunderts lautet natürlich: Ludwig Wittgenstein. Der angeführte Satz stellt die Schlussthese eines recht eigenwilligen Philosophischen Werkes dar, welches den Titel „Tractatus logico philosophicus" trägt.

Nicht zuletzt wegen seines formalen Aufbaus genießt der „Tractatus" einige Berühmtheit. Er unterteilt sich in sieben Hauptthesen. Mit Ausnahme der letzten These, die wohl der am meisten zitierte Wittgensteinsatz sein dürfte, sind alle Hauptthesen mit Unterthesen versehen, deren begründungstechnische Relevanz durch ihre Stellung in einer exakten Hierarchie von Dezimalzahlen angedeutet wird. Das zentrale Programm dieses Werkes besteht in dem Versuch, die Spreu des Unsagbaren vom Weizen des Sagbaren säuberlich zu trennen.

Es lassen sich beim frühen Wittgenstein durchaus transzendentalphilosophische Motive ausmachen. Wittgenstein behauptet nämlich, dass die logische Form des Satzes jene Struktur sei, welche die Wirklichkeit und die Sätze über Wirklichkeit gemeinsam hätten. Dieses isomorphe Verhältnis sei der transzendentale Grund dafür, dass unsere Sprache überhaupt in der Lage sei, die Wirklichkeit abzubilden. Die alte kantische Melodie, die Bedingungen der Erfahrungen seien zugleich die Bedingungen der Gegenstände der Erfahrung, wird von Wittgenstein also zwar nicht mehr auf den alten transzendentalen Holzblasinstrumenten dargeboten, jedoch durchaus in einem modernen Arrangement auf den zeitgenössischen Instrumenten der analytischen Philosophie geblasen. So muss es uns deshalb auch nicht verwundern, wenn wir unter der Nr. 6.13 des „Tractatus" lesen können: „Die Logik ist transcendental". Im Unterschied zu Kant und dessen idealistischen Nachfahren eignet Wittgensteins Quasi-Transzendentalphilosophie aber eine zutiefst ausgeprägt antireflexive Attitüde. Symptomatisch für diese ist der von Wittgenstein reklamierte Unterschied von „Zeigen" und „Sagen". Im Tractatus 4.1212 heißt es: „Was gezeigt werden kann, kann nicht gesagt werden." Wittgenstein macht hierdurch deutlich, dass sich die logische Form, welche Wirklichkeit und Satz gemeinsam hätten, zwar zeigen, aber nicht „sagen" ließe. Um über die isolierte logische Form etwas sagen zu können, müssten wir nämlich - so Wittgenstein - über sie unabhängig von ihrer Begründungsfunktion für den Gehalt des Satzes etwas sagen können, was offenkundig unmöglich sei. Die logische Form zeige sich immer nur bei Gelegenheit ihrer Begründungsfunktion im Satz. Mit dieser Sicht ist ein Kernelement des späten Wittgenstein präfiguriert.

Für den späten Wittgenstein der „Philosophischen Untersuchungen" wird der Begriff des „Sprachspiels" zum zentralen Terminus. Der Terminus Sprachspiel kann sich auf das gesamte Sprachsystem beziehen - er kann aber auch Teilsysteme unserer Sprache charakterisieren. Besonders bezogen auf die erste angeführte Bedeutung von „Sprachspiel" kann man ersehen, dass die Sprache von Wittgenstein nicht mehr als ein theoretisches Universum idealer Bedeutungen aufgefasst wird, sondern in einer unauflöslichen Verbindung zu dem steht, was er Lebensform nennt. So schreibt Wittgenstein denn auch: „Richtig und falsch ist, was Menschen sagen; und in der Sprache stimmen die Menschen überein. Die ist keine Übereinstimmung der Meinungen, sondern der Lebensform." Die gemeinsame Lebensform ist es also, was die Möglichkeit der menschlichen Kommunikation stiftet.

Wir könnten deshalb Sprachspiele anderer Lebensformen gar nicht verstehen, ja nicht einmal als solche Kommunikationsmittel identifizieren. Sehr schön plakativ schreibt er deshalb: „Wenn der Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen." Gibt es in der klassischen Bedeutungstheorie die Auffassung, es könne fixe Bedeutungen geben, ist es für Wittgenstein geradezu Dogma, dass sich die Bedeutungen nur innerhalb der Praxis eines Sprachspiels konstituieren können. Im Klartext heißt dies, dass Bedeutungen nicht starr einem festen Korrelat zugeordnet werden dürfen, somit nicht „ideal" sein können, sondern dass es vielmehr zu analysieren gelte, wie ein Wort funktioniere. Vielleicht sprechen wir ja dem künftigen US-Präsidenten Obama eine große Integrationskraft zu. Wenn wir genau auf diese Sprachartikulation „hinsehen", bemerken wir, dass es eine solche Kraft gar nicht gibt, auf die sich eine Bedeutung idealiter beziehen könnte, sondern Sinn und Bedeutung dieser Vokabel sind schlicht Produkte unseres Sprachgebrauchs.

Sprachspiele als Teilsysteme werden von Wittgenstein mit Werkzeugen in einem Werkzeugkasten verglichen. Jedes partikuläre Sprachspiel hat eine spezielle Funktion im Kontext der menschlichen Kommunikation und stellt ein ganz spezifisches Werkzeug im Werkzeugkasten unserer Kommunikation dar. Spricht ein Chirurg etwa anlässlich einer Operation das Wort „Tupfer" aus, will er nicht zum Ausdruck bringen, dass er beabsichtigt, der anwesenden partikulären Sprachgemeinschaft der Mediziner nunmehr vorzuschlagen, einen unter ästhetischer Rücksicht etwas albern geformten Gegenstand gemeinsam zukünftig als „Tupfer" zu bezeichnen, sondern er will dieses medizinische Instrument von der OP-Schwester in die Hand gedrückt bekommen - und zwar das sofort. Dagegen würden wir einen solchen Bezeichnungsvorschlag im legendären Dialog „Ich Jane - Du Tarzan" sehr wohl mit sehr guten Gründen unterstellen dürfen.

Ganz offensichtlich sind also Bedeutungen keine privaten Angelegenheiten, sondern letztlich Ergebnisse der Abrichtung durch die Sprachgemeinschaft. Somit schließt Wittgenstein auch eine Deutung von Regelfolgen aus, als fassten die einzelnen „Individuen" jeweils zunächst für sich klar den Inhalt von irgendwelchen Regeln, denen sie dann noch folgten, oder zu folgen glaubten. In diesem Falle entstünde das Problem, welche andere Regel die Anwendung der korrekten Regel und den Ausschluss der falschen Regel regele. Evidenterweise müsste man bei dieser Sichtweise eine unendliche, unabschließbare Kette von einander begründenden Regeln initiieren. So schreibt Wittgenstein auch: „Darum ist ,der Regel zu folgen‘ eine Praxis. Und der Regel zu folgen glauben ist nicht: der Regel folgen. Und darum kann man nicht der Regel ,privatim‘ folgen, weil sonst der Regel zu folgen glauben dasselbe wäre, wie der Regel folgen." Das Regelfolgen ist mit der Praxis des Regelfolgens identisch. Regeln werden durch Praxis gelernt und sind nicht Ergebnisse irgendeiner mentalen Prae-Reflexivität. Im Kontext dieser Sicht steht Wittgensteins berühmtes Privatsprachenargument. In diesem Argument zeigt er, dass ein Indivduum dann - und nur dann - in der Lage sein könnte eine Sprache zu entwickeln, die für es ganz allein gelte, wenn dieses Individuum vorher durch das „praktische Engagement" der Sprachgemeinschaft zur Beherrschung der öffentlichen Sprache abgerichtet worden ist. Eine Privatsprache ohne diese Bedingung sei unmöglich.

[Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico philosophicus / Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2000, 620 Seiten, EUR 17,-; Teil 51 aus der Reihe „Sechzig Hauptwerke der Philosophie“, © Die Tagespost vom 15. November 2008]