"Lunchbox"

Kulinarischer Feel-Good-Film von Regisseur Ritesh Batra erzählt ein modernes Großstadtmärchen

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 321 klicks

In der indischen Metropole Mumbai macht sich die junge Ila (Nimrat Kaur) Sorgen um ihre Ehe, weil sich ihr Mann Rajeev (Nakul Vaid) in letzter Zeit ihr gegenüber völlig gleichgültig verhält. Da Liebe bekanntlich durch den Magen geht, will sie ihn deshalb kulinarisch verwöhnen. Kaum dass sie ihre Tochter schulfertig gemacht hat und Rajeev aus der Wohnung gegangen ist, macht sich Ila mit Hilfe der Kochideen ihrer Nachbarin, die sie „Auntie“ nennt und mit der sie sich durchs offene Fenster unterhält, an die Zubereitung des Mittagessens. Den Transport vom Haus bis zum Arbeitsplatz besorgen in Mumbai die Dabbawallas. Die etwa 5 000 Dabbawallas befördern circa 130 000 Lunchboxen aus Metall durch die Stadt: Pünktlich auf die Minute holt der Dabbawalla die entsprechende Lunchbox an der Wohnungstür ab und bringt sie zum Bahnhof. Eine bis zwei Stunden später wird sie von einem weiteren Dabbawalla ebenfalls pünktlich zur Mittagspause am Arbeitsplatz abgeliefert. Die Trefferquote dieses raffinierten Zustellungsservices ist fast hundertprozentig – aber eben nur fast.

Das Spielfilmdebüt von Drehbuchautor und Regisseur Ritesh Batra, das seine Weltpremiere in der Reihe „Semaine de la Critique“ beim Internationalen Filmfestival Cannes 2013 feierte und nun im regulären Kinoprogramm startet, geht von diesem winzig kleinen Systemfehler aus. Der Zuschauer verfolgt den Weg von Ilas fünfstöckiger Lunchbox auf dem Fahrrad des ersten Dabbawalla, dann im überfüllten Zug, später durch die Straßen der Innenstadt bis hin zum Schreibtisch des mürrischen Witwers Saajan Fernandes (Irrfan Khan), wo sie irrtümlicherweise landet. Der Einzelgänger bearbeitet seit 35 Jahren Schadenersatzansprüche im anonymen Großraumbüro einer Versicherung. Nie hat er einen Fehler gemacht. Kurz vor seiner Pensionierung soll Saajan seinen Nachfolger Shaikh (Nawazuddin Siddiqui) einarbeiten – was sich schwierig gestaltet, weil der brummige Angestellte nicht die geringste Lust dazu verspürt. Saajan ist jedoch von den Speisen, die er geliefert bekommt, geradezu verzaubert. Bald erkennen sowohl lla als auch Saajan den Irrtum. Statt aber das Missverständnis zu beenden, beginnen die beiden, sich Botschaften zu schreiben. Ila erzählt von ihren Ängsten um ihre Ehe und um ihre Zukunft. Saajan berichtet ihr von seiner Einsamkeit seit dem Tod seiner Frau. Diese Korrespondenz verwandelt die beiden. So beginnt sich der bärbeißige Einsame zu öffnen, sich etwa für Shaikh zu interessieren. Er freundet sich mit dem quirligen jungen Mann an, dessen Trauzeuge er sogar wird. Mit der Zeit wächst in Ila und Saajan der Wunsch, sich persönlich kennenzulernen, weshalb sie sich zum Mittagessen in einem Restaurant verabreden.

„Lunchbox“ erzählt ein modernes Großstadtmärchen. Durch einen Zufall begegnen sich auf schriftlichem Wege zwei einsame Menschen, die durch die Brieffreundschaft einen neuen Sinn in ihrem Leben finden. Dazu führt Regisseur Ritesh Batra aus: „Ich möchte, dass man den ,Fehler‘ als ,Fügung‘ begreifen kann. ,Der falsche Zug kann einen zum richtigen Ziel bringen‘, heißt es dazu in meinem Film.“ Dennoch sieht Batras Film ganz realistisch aus. Dazu gehört etwa die bis in die Details sorgfältig eingerichtete Wohnung von Ila und Rajeev, in der „Lunchbox“ zum größten Teil angesiedelt ist, und an deren Einrichtung die Schauspieler Nimrat Kaur und Nakul Vaid tatsächlich mitwirkten. Obwohl Kameramann Michael Simmonds teilweise dokumentarisch anmutende Bilder der Großstadt Mumbai mit ihrem chaotischen Verkehr und ihren überfüllten Zügen zeigt, erzählt Drehbuchautor und Regisseur Ritesh Batra eine universelle und allgemein gültig inszenierte Geschichte. Denn „Lunchbox“ wurde von einer international besetzten Crew, vorwiegend aus den Vereinigten Staaten und Deutschland, gedreht. Ihr gelingt eine interessante Mischung aus dem Lokalkolorit der indischen Gesellschaft und einer durchaus westlichen Dramaturgie. So schildert der Film einerseits das Leben im Mumbai, entwickelt aber andererseits Charaktere, die in ihrem Alltag Menschen aus der ganzen Welt mit ihren Träumen und Sehnsüchten gleichen. Der durch seine Auftritte in „Slumdog Millionär“ (2008) und „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“ (2012) auch im Westen sehr bekannte Irrfan Khan gestaltet Saajan als akribisch-unauffälligen Angestellten, der in der Effizienz seiner monotonen Arbeit sein leeres Leben zu verbergen sucht. Wenn er aber auf dem Balkon stehend sehnsüchtig auf die Nachbarsfamilie schaut, verdeutlicht er ein Verlangen nach Geborgenheit, das noch nicht erloschen ist. Ila wiederum steht für die vielen Frauen, die sich für ihren Mann aufopfern, die aber von ihm einfach ignoriert werden. Nimrat Kaur drückt die Sorgen und Träume dieser jungen Frau mit vielsagenden Blicken und Gesten aus.

Zu den Hauptfiguren gesellen sich zwei Nebenrollen, die eine Prise Humor in den melancholischen Ton von „Lunchbox“ hineinbringen: einerseits die von Ila „Auntie“ genannte Nachbarin, von der lediglich die Stimme zu hören ist, andererseits Saajans Nachfolger Shaikh, der mit seiner Lebendigkeit dem fast Rentner anfangs mächtig auf die Nerven geht. Regisseur Batra setzt diese komischen Elemente wohldosiert als Gegengewicht zu einer wehmütigen Haupthandlung ein, die durch eine wunderbare Freundschaft vom Ausweg aus der hoffnungslosen Einsamkeit erzählt.

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Filmische Qualität: Dreieinhalb Sterne
Regie: Ritesh Batra
Darsteller: Irrfan Khan, Nimrat Kaur, Nawazuddin Siddiqui, Denzil Smith, Bharati Achrekar, Nakul Vaid, Yashvi Puneet Nagar, Lillette Dubey
Land, Jahr: Deutschland / Indien / Frankreich 2013
Laufzeit: 105 Minuten
Genre: Komödien/Liebeskomödien
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 11/2013

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.