Mach’s wie Gott, werde Mensch – und entdecke deine Berufung

Interview mit Nikolaus Haselsteiner von der Berufungspastoral der Erzdiözese Wien

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WIEN, 6. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Zur Neuausrichtung auf Gott, die der Advent begünstigen kann, gehört auch die Frage nach der Berufung. Wie sie sich entdecken lässt, erklärt Mag. Nikolaus Haselsteiner im vorliegenden ZENIT-Interview.



Der Mitarbeiter der Berufungspastoral der Erzdiözese Wien zeigt auf, welchen Stellenwert die geistliche Begleitung in diesem Prozess der Entscheidungsfindung, aber auch im christlichen Leben generell hat, und hebt die Bedeutung des persönlichen Gesprächs mit Gott hervor.

„Wer nie die Nähe Gottes in der Eucharistie und in seiner Vergebung sucht“, so Haselsteiner, „der hat sozusagen systemimmanent verstopfte Ohren für Gottes leises Rufen.“

ZENIT: Die Adventzeit lädt uns dazu ein, das Leben neu auf Gott auszurichten. Die Entdeckung des Planes, den Gott für jeden ganz persönlich im Auge hat, gehört untrennbar dazu. Was kann man tun, um diesen Plan - die eigene Berufung - kennen zu lernen?

Haselsteiner: Um den Plan Gottes mit einem kennen zu lernen, muss man einmal zuerst lernen, wie Gott mit einem spricht. Es geht also darum, in eine Schule des Gebetes zu gehen.

Da ist jeder irgendwie woanders, aber ganz grob gesagt: Wer kein regelmäßiges Gebetsleben hat, macht es dem lieben Gott schon sehr schwer, sich mitzuteilen.

Es empfiehlt sich auch, einfach still zu werden. Im Advent versucht man ja überhaupt, ein wenig Stille zu finden und sich nicht stressen zu lassen. Es braucht diese Stille, um Gott besser hören zu können.

Wenn eine Entscheidung, eine wirklich wichtige, eine Lebensentscheidung ansteht, dann sollte man aus dem Alltagsleben herausgehen und die Ruhe ignatianischer Exerzitien suchen.

Neben dieser Stille, die ja sehr adventlich ist, kann man sich die Menschwerdung des Wortes auf eine etwas kreative Art zur Hilfe nehmen, um die eigene Berufung zu begreifen: Der unsagbar große Gott wird Mensch, er wird ganz klein. Und ganz klein heißt, nach der Empfängnis nur eine und dann einige Zellen. Daraus entwickelt sich, so wissen wir, nach und nach aus der einen Zelle ein Baby mit kleinen Fußerln und Händen. Nach etwa 20 Tagen gibt es die ersten Herzmuskelzellen (bei Empfängnis am 25. März wäre das bei Jesus also Mitte April).

Der wahre Gott wird ganz Mensch, und er beginnt auch als Mensch ganz klein. Wir können unser Maß an diesem wahren Gott und wahren Menschen Jesus nehmen. Unsere Berufung muss auch wachsen.

Ganz am Anfang weiß Gott bereits genau, was er gerne von uns hätte und auch, wie es schließlich aussehen wird. Der „Embryo“ unserer Berufung ist somit in unsere Taufe gelegt. Wir sind Kinder Gottes, er hat uns ins Leben und ins übernatürliche Leben gerufen.

Ganz verborgen wächst das Baby im Bauch der Mutter in Stille und Geborgenheit. Auch eine Berufung wächst langsam: Mehr und mehr erkennt man, was Gott will, ein Schritt nach dem anderen. Oft wollen wir schon den übernächsten wissen, aber mit Kardinal Newman kann man sich dann immer wieder beschränken: „One step enough for me - ein Schritt genügt mir“; mehr muss man nicht wissen.

Also Mut zur Stille und Geduld: Eine Berufung entwickelt sich langsam.

ZENIT: Jeder hat seinen individuellen „Weg der Berufungsfindung“. Lassen sich dennoch Grundelemente ausmachen, die jede Berufungsfindung begleiten?

Haselsteiner: Zunächst den permanenten Draht zu Gott, dieses offene Ohr. Und oft spricht er ja nicht nur während der Gebetszeiten: Den heiligen Franz hat er mit einer Evangeliumsstelle aus seinem reichen, gemütlichen Alltag herausgeholt; andere werden von einem Priester, Bischof oder sonst wem darauf angesprochen, ob sie nicht berufen sind. Der liebe Gott hat also so viele Weisen uns anzusprechen, wie es Menschen gibt. Das beeindruckt mich immer wieder aufs Neue, diese liebende Kreativität.

Neben dem Gebet braucht es eine offene Haltung: Der Herr beruft nur den, der sich auch rufen lässt. Wenn man Gott also fragt: „Was soll ich tun?“, dann sollte man auch die Offenheit haben, das auch wirklich anzupacken.

Wenn man Gott diese Frage stellt, sich dabei aber denkt: „Aber die Armut eines Mönches, den Einsatz einer Ordensschwester in einem Slum, oder gar mehrere Stunden tägliches Gebet – das, lieber, Gott kannst Du dir abschminken“, dann lässt man ihm nicht mehr allzu viel Freiheit beim Berufen. Das kann durchaus ein Grund sein, warum man seine Berufung nicht erkennt, weil der Herr abwartet, bis die eine oder andere Verhärtung des Herzens beseitigt ist. Da empfiehlt es sich, in sich zu gehen, sein Gewissen zu erforschen und Beichten zu gehen. Womit wir gleich beim nächsten Punkt sind: das Leben von den Sakramenten prägen lassen.

Wer nie die Nähe Gottes in der Eucharistie und in seiner Vergebung sucht, seine Taufe und Firmung lebt, der hat sozusagen systemimmanent verstopfte Ohren für Gottes leises Rufen.

Ein wesentlicher weiterer Punkt ist eine geistliche Begleitung. Oft hat man eine Sehnsucht im Herzen: Man wünscht sich zum Beispiel eigene Kinder, und am nächsten Tag möchte man in die Mission nach Brasilien gehen. Wie kann ich jetzt unterscheiden, welche Richtung ich einschlagen soll?

Oftmals sind in unserem geistlichen Leben uns Dinge unklar, und da hilft es, jemanden zu haben, der mit einem vertraut ist, aber von außen besser beurteilen kann, was Sache ist. Das kann eine geistliche Begleiterin oder ein Begleiter sein, in manchen spirituellen Traditionen übernimmt diese Funktion gleich der Beichtvater.

Wer noch keine geistliche Begleitung hat, der kann das gleich als Vorsatz fürs nächste Jahr nehmen: Ich suche mir eine Begleitung.

Und um nur ein Weiteres aufzuzählen: Die natürlichen Fähigkeiten zur Sendung, zur Aufgabe müssen da sein. Um es überspitzt zu formulieren: Wer stumm ist, der wird auch, wenn er es sich sehr wünscht, kein Prediger sein zu können. Kein Tauber kann Beichtvater sein; eine Einarmige kann nicht geistliche Schwester im Dienst an Kranken sein, und wer psychisch nicht sehr stabil ist, der kann auch anderen schwer eine Stütze sein.

ZENIT: Inwiefern kann die Gemeinschaft die Berufungsfindung unterstützen? Und wann gilt es, die Einsamkeit aufzusuchen, die Begegnung mit Gott in der Abgeschiedenheit?

Haselsteiner: Die allererste und wichtigste Unterstützung ist das Gebet.

Die Erfahrung lehrt: Nur dort, wo wirklich um geistliche Berufungen gebetet wird, entstehen welche. Und interessanterweise lernen gerade dort auch die jungen Leute, sich zu trauen. Wo es Berufungen zum geweihten Leben gibt, dort blühen auch die christlichen Ehen und Familien. Wer das Gefühl hat, bei uns ist das nicht so, der sollte raschestens beginnen, um Berufungen zu beten.

Die Berufungspastoral in der Erzdiözese Wien bietet dazu eine Gebetsinitiative namens „Gabriel“ an: Täglich betet man den „Engel des Herrn“ im Anliegen der Berufungen. Das ist eigentlich sehr wenig, nur drei Ave Maria, aber die beharrliche Treue im Bitten wird vom Herrn erhört. Mehr dazu findet man auf der Website www.berufungen.at/gabriel.

Das Gebet ist also die Basis dafür, dass junge Leute sich entscheiden können für eine engere Nachfolge. Das Zweite ist, dass man auch innerhalb der Gemeinde oder Gruppe etwaige Ablehnungshaltungen gegenüber dem zölibatären Leben abzulegen beginnt. Natürlich ist das nicht zu verstehen, dass man das Glück der Geborgenheit einer trauten Zweierbeziehung aufgibt für Gott, für das Himmelreich. Aus Liebe zu Gott tut man das, und es ist ein Zeichen für das künftige Leben im Himmel, ein eschatologisches Symbol.

So wie wir Geweihte versuchen zu leben, genauso so – nur viel, viel schöner und liebevoller - wird es im Himmel sein. Es bedarf also der Öffentlichkeitsarbeit. Man muss den Leuten die Angst vor der Ganzhingabe nehmen, dann blockieren sie auch nicht mehr ihre Kinder, Neffen, Nichten, Enkel, wenn sie ins Kloster gehen wollen. Und dann sollte man öfter beten, was man nie vergessen darf: „Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter zu senden.“

ZENIT: Sie haben das Thema der geistlichen Begleitung bereits angeschnitten. Könnten Sie kurz ihren Stellenwert beim Prozess der Berufungsfindung, aber auch im christlichen Leben generell erläutern?

Haselsteiner: Eine Berufung passiert einem ja nicht alleine. Niemand lebt alleine auf einer Insel.

Bei der Ehe ist es klar: Der Karli kann nicht heiraten, wenn seine Lisi nicht Ja sagt. Außer der Bereitschaft, etwas zu tun, braucht es auch jemanden, der das annimmt und bestätigt.

Bei einer geistlichen Berufung ist das im Letzten der weihende Bischof, der aufnehmende Ordensobere. Aber am Weg dorthin ist es gut, wenn man nicht meint, sich alles ganz alleine mit Gott ausmachen zu können. Da ist es gut, eine geistliche Begleitung zu haben.

Ich möchte da ein Beispiel erwähnen, das sicher bekannt, aber sehr anschaulich ist: Mutter Teresa von Kalkutta.

Am Weg zu ihren Exerzitien nach Darjeling im Zug - das ist ja schon sehr bezeichnend, dass Gott ruft, wann er will: manchmal nicht wie vielleicht ursprünglich angenommen am Ende von Exerzitien, sondern am Weg dorthin – hört Mutter Teresa den klaren Ruf, die Missionarinnen der Nächstenliebe zu gründen und sich um die Ärmsten der Armen zu kümmern.

Jetzt könnte sie eigentlich schon beginnen, tut es aber nicht. Sie spricht mit niemandem außer ihrem geistlichen Begleiter davon. Sie ist sehr ungeduldig, aber solange er nicht bestätigt, dass es wirklich Gottes Wille ist, will sie nichts unternehmen.

Nach einigen Monaten ist er sich sicher, dass es Gottes Wille ist – und auch jetzt beginnt sie nicht sofort, das Kloster zu verlassen. In einem monatelangen Prozess schreibt sie dem Bischof von Kalkutta, und der ist schließlich von ihrer Berufung überzeugt. Und auch jetzt beginnt sie noch nicht, sondern erst nach Erlaubnis des Heiligen Stuhls.

Ich denke, das zeigt es sehr gut, wie wichtig ein geistlicher Begleiter ist. Er hilft einem zu unterscheiden, ob man sich täuscht, oder ob das der liebe Gott wirklich so will. Und schließlich braucht es ja dann auch noch die Annahme der kirchlichen Autoritäten.

Wer meint, er wisse eh, was Gott von ihm will, dem kann ich versichern, dass er ganz, ganz sicher am Holzweg ist. Und das gilt nicht nur für jene, die sich überlegen, Klöster zu gründen oder in eines einzutreten. Jeder hat in seinem Leben wichtige Entscheidungen zu treffen, die man besser nicht ohne Gott treffen sollte, und auch da ist ein geistlicher Begleiter sehr angebracht.

[Das Interview führte Dominik Hartig]