„Macht Religion psychisch krank?“ Hochkarätig besetzte Debatte an der Universität Graz

Von Stephan Baier

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WÜRZBURG, 18. Juni 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- „Der Mensch soll das Christentum aufgeben, dann erst wird er Mensch“, schrieb der Philosoph Ludwig Feuerbach. Seitdem steht die These im Raum, dass „Religion“ – gemeint ist offensichtlich stets monotheistische Religion – den Menschen entfremde. Wenn Gott nicht mehr ist als „was der Mensch nicht wirklich ist, aber zu sein wünscht“, also lediglich „der in der Phantasie befriedigte Glückseligkeitstrieb des Menschen“ (Feuerbach), dann ist Religion wohl, wie Marx formulierte, Produkt der Entfremdung des Menschen, bestenfalls „Opium des Volkes“, schlimmstenfalls ein Herrschaftsinstrument. Wie naheliegend klingt dann auch die These Sigmund Freuds, Religion sei eine universelle Zwangsneurose, eine infantile Form der Wirklichkeitsbewältigung.



Alles hängt davon ab, wie man „Krankheit“ definiert

Der Moraltheologe und Salzburger Weihbischof Andreas Laun tat bei einer hochkarätigen Debatte unter der Fragestellung „Macht Religion psychisch krank?“ an der Grazer Universität deshalb gut daran, jenseits aller unbestreitbarer Phänomene von Krankem und Ungesundem innerhalb der Religionsgemeinschaften auch die Wahrheitsfrage zu stellen: „Wenn etwas wahr ist, muss ich es den Menschen sagen, auch wenn es bedrohlich ist. Wenn es tatsächlich die Gefahr gibt, dass der Mensch sein ewiges Leben verspielt, muss ich ihn warnen, auch wenn ihn die Warnung krank machen könnte.“ Laun widersprach dem weit verbreiteten Trend, unter Umgehung der Wahrheitsfrage nur über die psychischen Wirkungen religiöser Lehren und Praktiken zu diskutieren.

Damit war die Frage, „wie“ Religion auf die psychische Gesundheit und Stabilität von Menschen wirkt, wieder auf das „was“ der eigentlichen Botschaft von Gott ausgeweitet. Wie sehr diese Frage auch heute umtreibt, zeigte das mit rund dreihundert fragefreudigen Studenten vollbesetzte Auditorium ebenso, wie die einleitende These der Grazer Philosophie-Professorin Sonja Rinofner, prinzipiell könne alles krank machen. Es sei eine Frage der Dosierung, der Einstellung, der Motivation und der individuellen Stabilität, ob Arbeit, Liebe oder Religion krank machen oder nicht. Nicht das Abstraktum Religion, sondern die spezifische Weise, mit Religion in der eigenen Lebenspraxis umzugehen, könne krank machen. Aber, so die Philosophin weise, alles hänge auch davon ab, wie man „Krankheit“ definiert.

Hat Religiosität also dann „pathogene Effekte“, wenn sie „radikalen Thesen“ verhaftet ist, wie Sonja Rinofner meinte, die als Gegensatzbeispiele Karl Marx These „Religionen sind Herrschaftsinstrumente“ und Viktor Frankls Definition der Religion als „Ausdruck des Willens zum Sinn“ nannte? Macht eine Lehre schon deshalb krank, weil sie „dogmatistisch“ (Rinofner) und mit besonderer Entschiedenheit vertreten wird? Ist es tatsächlich stimmig, wie der Psychiater und Psychotherapeut Walter Pieringer meinte, dass die Dosis das Gift macht?

Wäre es so, „dann können Sie alle Heiligen in die Psychiatrie stecken“, reagierte Bischof Laun, der darauf hinwies, dass die sowjetische Staatsmacht dies mit gläubigen Christen auch wirklich tat. Warum das Festhalten an einem Dogma, das sichere Für-wahr-Halten einer Glaubensaussage krank machen sollte, sei ihm schleierhaft, meinte der Bischof. Pieringer selbst relativierte seine „Dosis“-Theorie: „Christliche Radikalität ist nicht an sich ein Problem, sondern eine persönliche Entscheidung.“

Auch Pieringers These, dass „Religion kränkt“, dass Religion und jedes Gebot „eine Schieflage erwirkt und erzwingt“, weil sie uns zwingen, „uns strampelnd strebend zu entscheiden“, ließ Bischof Laun nicht in vollem Umfang gelten: Ja, Religiosität könne pathologisch werden, etwa wenn sie sich der Vernunft verweigere. Auch müsse man in der Verkündigung Einseitigkeiten meiden und den Gott, der die Liebe ist, in den Mittelpunkt stellen. Die Zehn Gebote aber seien „die artgerechte Haltung des Menschen“. Judentum und Christentum seien keine Ideen oder Theorien, sondern die Beziehungsgeschichte Gottes mit den Menschen. Die Aufgabe der Kirche und ihrer Priester sei es, den lebendigen Gott zu verkündigen.

„Der religiöse Mensch braucht eine Gottes-Beziehung, kein Gottes-Bild“, meinte auch der Psychiater und Neurologe Raphael Bonelli. Aus psychiatrischer Sicht seien nicht die großen monotheistischen Religionen problematisch, sondern die kleinen Sekten mit ihrer Macht über Menschen. Aus seiner psychiatrischen Praxis berichtete Bonelli von Fällen, die oberflächlich einen religiösen Wahn nahelegen, tatsächlich sich jedoch als pseudo-religiöse Artikulation endogener Störungen entpuppten. So fühle sich beispielsweise ein religiös orientierter schizophrener Patient von Dämonen oder Teufeln bedroht, wo der nicht-religiöse Schizophrene Aliens und Ufos wähne.

Hatte Pieringer die „ekklesiogene Neurose“ als ein Zusammentreffen von väterlicher (Vater, Gott-Vater) und mütterlicher (Mutter, Mutter Erde, Mutter Kirche) krankmachender Dimension geschildert, so beschrieb Bonelli den Neurotiker als „Ich-haft“ und „eingesperrt ins eigene Ich“. Der Neurotiker neige dazu, die anderen für sein Unglück verantwortlich zu machen und eigene Probleme auf andere zu projizieren – auf die eigenen Eltern oder auf die Kirche: „Wenn die Verantwortung weg ist, ist auch die Freiheit weg.“

Bonelli: Religiöse Menschen gelten leicht als verrückt

Laut Bonelli gibt es „viel kranke Religiosität“, und religiöse Menschen würden leicht als verrückt gelten, aber Religion könne auch helfen, aus der Krankheit herauszukommen. Gleichzeitig bemächtigten sich Neurosen auch der Religion. Für den religiösen Wahn sei bezeichnend, dass sich der Patient nicht durch die eigene Lehre korrigierbar zeigt. Bonelli wörtlich: „Viele Menschen, die psychische Probleme haben, sind religiös. Manchmal, wenn ich in eine Kirche gehe, frage ich mich: Bin ich noch auf der Klinik oder nicht?“ Der Psychiater erklärte seine provokative Aussage auf Nachfragen damit, dass die Kirche auch „ein letzter Zufluchtsort für sehr viele“ sei: „In der Krise halten die Floskeln des Zeitgeistes nicht mehr.“ Deshalb würden viele in solchen Situationen ihre Religiosität wiederentdecken. Psychisch labile und kranke Menschen fänden mitunter in der Kirche jene Barmherzigkeit, die ihnen die Gesellschaft nicht bietet.

Angesichts dieser Tatsache und weil, laut Bonelli, neurotische Störungen heute zunehmen, provoziert das Thema der Diskussion „Macht Religion psychisch krank?“ wohl – ohne damit beantwortet zu sein – auch die Gegenfrage, die Bischof Laun so formulierte: „Macht Gottlosigkeit krank?“ Die „typische Heidenangst“, die Angst „vor dem Fallen ins Nichts“ (Laun) könnte die religiöse Seite dessen sein, was Bonelli als „Heimatlosigkeit“, und damit als eine der Ursachen zunehmender neurotischer Störungen des heutigen Menschen beschrieb.

Viele Aspekte der „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ wird ein interdisziplinärer Kongress beleuchten, der von 11. bis 13. Oktober in Graz stattfinden wird. Daran wirken Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten, Kirchenvertreter und Theologen mehrerer Religionen und Konfessionen, Religionswissenschaftler, Ethiker und Künstler mit. Unter den Hauptvortragenden finden sich die Bischöfe Andreas Laun und Franz Lackner, die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, der kroatische Theologe Tomislav Ivancic und der Kölner Arzt und Bestseller-Autor Manfred Lütz.

[Nähere Informationen und Anmeldung im Internet unter: www.rpp2007.org; © Die Tagespost vom 16.6.2007]