Maman und ich | Les garçons et Guillaume, à table

Das Spielfilmdebüt als Drehbuchautor und Regisseur des französischen Schauspielers Guillaume Gallienne ist eine spaßige Komödie, die eine überaus politisch unkorrekte Kritik am gesellschaftlichen Druck des Gender-Mainstreaming liefert

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 241 klicks

Das Spielfilmdebüt als Drehbuchautor und Regisseur des in Frankreich sehr bekannten Mitglieds der Comedie Française Guillaume Gallienne wurde mit drei Millionen Besucher und fünf Auszeichnungen beim französischen Filmpreis César („Bester Film“, „Bester Erstlingsfilm“, „Bestes adaptiertes Drehbuch“, „Bester Hauptdarsteller“ und „Bester Schnitt“) einer der erfolgreichsten Filme des Jahres 2013 in Frankreich. Der Film basiert auf dem eigenen autobiografischen Theaterstück „Les Garçons et Guillaume, à table!“, das Gallienne verfasste und in Paris aufführte.

Der Ursprung des Filmes als Theaterstück bleibt sichtbar in der Rahmenhandlung: „Maman und ich“ beginnt in der Künstlergarderobe, wo sich Guillaume Gallienne auf seinen Auftritt vorbereitet. Darüber hinaus unterbricht der Monolog auf der Bühne auch hin und wieder die Filmhandlung, weil die kurzen Bühnenmonologe die unterschiedlichen Episoden miteinander verbinden. Der Originaltitel von Theaterstück und Spielfilm besitzt ebenso autobiografischen Charakter: „Die erste Erinnerung, die ich an meine Mutter habe, ist, als ich vier oder fünf Jahre alt war und sie uns, meine beiden Brüder und mich, zum Essen ruft: ‚Jungs und Guillaume, zu Tisch!’. Und als ich zum letzten Mal mit ihr telefonierte, legte sie auf mit den Worten: ‚Ich umarme dich, ma chérie’. Sagen wir es mal so: zwischen diesen beiden Sätzen lagen einige Missverständnisse …“, führt dazu Guillaume Gallienne aus.

Im Mittelpunkt der Handlung steht die schwierige Beziehung zwischen der dominanten Mutter, die nach zwei Söhnen gerne eine Tochter gehabt hätte, und Guillaume, der ihr diesen Wunsch intuitiv und auch deshalb erfüllte, weil er von ihr fasziniert war. Guillaume wollte nicht nur seiner verehrten Mutter gefallen. Er ahmt sie in ihrem Ausdruck so sehr nach, dass die anderen Familienmitglieder seine Stimme und seine Schritte mit denen der Mutter verwechseln. Das führt aber auch dazu, dass sein Vater (André Marcon), der Rest der Familie und wohl jeder ihn für homosexuell hält. Insbesondere der Vater will Guillaumes Hang zum Femininen nicht hinnehmen. Aber seine Versuche, ihn zu einem Mann zu erziehen, schlagen fehl. In Spanien macht er statt eines Sprachkurses eher einen Tanzkurs, erlernt aber den Frauen-Flamencotanz, was den allgemeinen Spott nach sich zieht. Im englischen Internat fühlt er sich vor allem vom Sport abgestoßen. Dort lernt er Jeremy (Charlie Anson) kennen, der sich zu Guillaumes Leidwesen eher für Mädchen als für ihn interessiert. Um herauszufinden, ob er im falschen Körper geboren wurde oder ob er wirklich homosexuell veranlagt ist, besucht Guillaume ein entsprechendes Etablissement und versucht, vom Militärdienst befreit zu werden. Diese Episoden und eine Sequenz in einem deutschen Kurort inszeniert Regisseur Gallienne leider mit ausgeprägtem Hang zur Schlüpfrigkeit – sein Film hätte diese Zoten gar nicht nötig gehabt.

Weil es um die komplexe Beziehung zu seiner Mutter geht, die er nachzuahmen versucht, stellt es sich als folgerichtig heraus, dass Guillaume Gallienne selbst die meiste Zeit auch seine eigene Mutter spielt. Lediglich am Filmende, nachdem Guillaume seinen Mutterkomplex überwunden hat, wird sie von einer anderen Schauspielerin verkörpert. Diese Doppelrolle hätte zwar lächerlich wirken können. Guillaume Gallienne stellt jedoch die Mutter so dar, dass der Zuschauer anfangs sogar Schwierigkeiten hat, unter der Maske denselben Schauspieler zu erkennen. Obwohl der Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller in der Doppelrolle hin und wieder auf Klischees setzt, überwiegt ein selbstironischer Ton, der dem Film guttut.

„Maman und ich“ handelt von der Suche nach der sexuellen Identität eines Jungen, der von seiner ganzen Umgebung auf eine bestimmte Option festgelegt wird. Zu den Stilmitteln, die Regisseur Gallienne einsetzt, gehört es, dass ihm an den verschiedenen Stationen seiner Selbstfindungsreise ein ums andere Mal seine Mutter erscheint. Anders aber als etwa in „Mach’s noch einmal, Sam“ („Play It Again“, 1972), in dem der von Woody Allen gespielten Hauptfigur Humphrey Bogart erscheint, um ihm in Liebesdingen Ratschläge zu erteilen, beschränkt sich Guillaumes Mutter darauf, die unterschiedlichen Situationen süffisant zu kommentieren, was ihren Sohn noch mehr belastet. Denn sie ist davon überzeugt, dass Guillaume homosexuell ist.

Dass dies jedoch nicht stimmt, stellt „Maman und ich“ nicht nur in der Film-, sondern darüber hinaus auch in der Rahmenhandlung eindeutig klar. Bei seinen kurzen Auftritten auf der Bühne zwischen den verschiedenen Filmepisoden vollzieht sich ebenfalls langsam eine Veränderung: Die feminin wirkenden Bewegungen zu Beginn lassen Platz für einen immer männlicheren Ausdruck. Die Rahmenhandlung spiegelt so die Identitätssuche in den filmischen Abschnitten wider.

Zwar inszeniert Guillaume Gallienne „Maman und ich“ als Komödie. Sein Film handelt jedoch von ernsthaften, ja heiklen Themen, etwa vom Ödipuskomplex, von der Homosexualität und dem gesellschaftlichen Druck im Zusammenhang damit. Dafür wählt Regisseur Gallienne einen spaßigen, teilweise possenhaften, manchmal gar zotenhaften Ton, der sich allerdings zum Ende hin eine seriösere Färbung annimmt. Damit liefert er eine überaus politisch unkorrekte Kritik am gesellschaftlichen Druck, der zurzeit vom Gender-Mainstreaming ausgeübt wird.

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Filmische Qualität: Vier Sterne
Regie: Guillaume Gallienne
Darsteller: Guillaume Gallienne, André Marcon, Françoise Fabian, Nanou Garcia, Charlie Anson, Diane Kruger, Reda Kateb, Götz Otto
Land, Jahr: Frankreich 2013
Laufzeit: 85 Minuten
Genre: Komödien/Liebeskomödien
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: D, X

im Kino: 6/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.