„Man kann das Evangelium täglich rund um die Uhr leben“ – EInblick in die Fokolar-Bewegung

Interview mit Isolde Böttger, Mitglied der Fokolar-Bewegung

| 2043 klicks

ROM, 23. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Die Fokolar-Bewegung, die von Chiara Lubich 1943 in Trient (Italien) gegründet wurde, gehört zu den neuen geistlichen Aufbrüchen in der Kirche und ist mittlerweile in mehr als 180 Ländern der Welt vertreten.



Rund 140.000 Mitglieder und fünf Millionen Freunde streben danach, den Geist der Geschwisterlichkeit und der Einheit in alle Bereiche des menschlichen Lebens hineinzutragen. Die Mitglieder und Freunde der Fokolar-Bewegung fördern neben der Ökumene besonders den Dialog unter den Religionen und setzten sich darüber hinaus auf lokaler, nationaler und auch internationaler Ebene dafür ein, Barrieren zu überwinden, Not zu lindern und Brücken zu bauen.

Das italienische Wort „focolare“, das der Bewegung ihren Namen gibt, heißt so viel wie „Herdfeuer“ und ist Synonym für die Wärme und Geborgenheit einer Familie. So nannte die Trienter Bevölkerung die erste Gruppe um die Gründerin Chiara Lubich.

Als Papst Benedikt XVI. am 8. Februar einige Bischöfe empfing, die der Bewegung nahe stehen, bekräftigte er unter anderem, dass die kirchlichen Bewegungen in großer ökumenischer Offenheit „Zeugnis von der Freude am Glauben und der Schönheit des Christseins“ ablegten. „Aus der Gemeinschaft zwischen Bischöfen und Bewegungen kann daher ein gesunder Impuls für ein neues Engagement der Kirche in der Verkündigung und im Zeugnis des Evangeliums der Hoffnung und der Liebe in allen Teilen der Welt entspringen.“ (vgl. Ansprache).

ZENIT sprach im Rahmen der neuen Interview-Reihe über Gemeinschaften und Bewegungen im Schoß der Kirche mit Isolde Böttger, die in der Fokolar-Bewegung für die Jugendarbeit in Deutschland zuständig ist. Das große Ziel, dass ihr und den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft vor Augen schwebt, beschreibt sie so: „Jesus heute die Möglichkeit zu geben, selbst in der Welt anwesend und erfahrbar zu sein und den Menschen zu begegnen“.

ZENIT: Zu welchem Zweck wurde die Fokolar-Bewegung gegründet? Welche Aspekte sind Chiara Lubich, Ihrer Gründerin, besonders wichtig?

Böttger: Ehrlich gesagt hatte Chiara Lubich, die Gründerin der Fokolar-Bewegung, nie vor, irgendetwas zu „gründen“.

Sie hat während der Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg in ihrer norditalienischen Heimatstadt Trient mit ihren Freundinnen in den Bunkern gesessen, wo sie im Evangelium lasen. Und die Sätze haben sie – sicher auch vor dem Hintergrund, jeden Moment sterben zu können – wie neu wachgerüttelt. Sie fingen an, einen nach dem anderen in die Tat umzusetzen.

„Gebt, und es wird euch gegeben werden“ – das war der Beginn einer täglich wachsenden Gütergemeinschaft von Lebensnotwendigem: Lebensmittel, Möbel, Medikamente sammelten sich im Flur der ersten kleinen Wohngemeinschaft in der Stadt, die zu einem wahren Umschlagplatz wurde. Oder: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Diesen Satz haben die jungen Frauen wörtlich genommen und fast täglich Bedürftige zu ihren einfachen Mahlzeiten eingeladen. Sie gingen in die Armenviertel der Stadt, um die Kranken zu besuchen, und hatten einen besonderen Blick für all jene, die in irgendeiner Weise Not litten.

Schlüsselsatz für diese kleine Gruppe, die innerhalb von wenigen Monaten auf mehr als 500 Bewohner von Trient und den umliegenden Dörfern anwuchs, war dann das Gebet Jesu im Ölgarten um die Einheit: „Vater gib, dass alle eins seien, wie du in mir bist und ich in dir“ (vgl. Joh 17,20). Für diese jungen Frauen war es wie ein Testament, das Jesus ihnen hinterlassen hatte; sein letzter Wunsch, für dessen Verwirklichung sie sich besonders gerufen sahen.

Überall dort, wo sie auf Trennungen und Abgrenzungen stießen, begannen sie, sich für Beziehungen einzusetzen, Grenzen zu überwinden, Schritte aufeinander zu zu machen: in der Trennung zwischen Arm und Reich, zwischen den Generationen, unter den christlichen Kirchen, zwischen den Religionen und Kulturen.

ZENIT: Welche besonderen Akzente setzt Ihre Bewegung bei der Verbreitung des Evangeliums?

Böttger: Jede Spiritualität in der Kirche hat einen besonderen Blickwinkel, eine bestimmte Lesart, aus der sie das Evangelium lebt und verbreitet. Wenn man die verschiedenen Schwerpunkte unserer Spiritualität betrachtet, erkennt man, dass alle Aspekte immer auf ein Ziel hin ausgerichtet sind: Jesus heute die Möglichkeit zu geben, selbst in der Welt anwesend und erfahrbar zu sein und den Menschen zu begegnen.

Der Satz aus dem Matthäusevangelium „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“, hat für uns eine ganz besondere Bedeutung: Es ist das Versprechen, dass Jesus selbst überall dort für die Menschen erfahrbar wird, wo mindestens zwei Menschen einander in seinem Namen, das heißt, in seiner Liebe begegnen. Das ist doch faszinierend, oder? Wir brauchen dafür nichts Besonderes. Es geht überall, ist an keine Kultur und keine materiellen Voraussetzungen gebunden und ist das stärkste Zeugnis, das wir als Christen in der Welt geben können!

„Seht wie sie einander lieben“: Das haben die Heiden von den ersten Christen gesagt, und das ist auch heute noch die überzeugendste Art der Verkündigung.

ZENIT: Sie leben im Fokolar in Köln. Was hat sie dazu motiviert, sich der Fokolar-Bewegung anzuschließen?

Böttger: Das, was mich als erstes fasziniert hat, als ich die Bewegung als 15jährige kennen gelernt hatte, war die Tatsache, dass man das Evangelium täglich rund um die Uhr leben kann und dass dies nicht auf Zeiten des Gebetes oder der Messfeier beschränkt war.

Ich war angetan von der konkreten Liebe, die ich erfahren konnte, oder auch von der Gütergemeinschaft, die da ganz spontan unter den Jugendlichen gelebt wurde. So bin ich immer mehr hinein gewachsen in diese Spiritualität, und an einem gewissen Punkt merkte ich, dass Gott einlud, mich ihm zu schenken. Und ich entschied mich für ein Leben nach den evangelischen Räten im Fokolar.

Ich empfinde in diesem Leben für Gott eine sehr große Freiheit. Ich bin frei, dahin zu gehen, wo Gott mich haben will; frei für Begegnung mit allen Menschen, die meinen Weg kreuzen, und auch frei von dem Streben nach materiellem Glück. Auch bin ich froh, diesen Weg nicht alleine gehen zu müssen, da der Bruder, die Schwester jemand ist, den es zu lieben gilt, der aber auch zum Korrektiv werden kann.

ZENIT: Papst Benedikt XVI. hat die Geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen wiederholt gebeten, die Kirche vor Ort nach Kräften zu unterstützen. Wie setzen sie das um?

Böttger: Zunächst einmal indem wir überall, wo wir sind, kleine lebendige Zellen von Kirche sind: in der Schule, an der Uni, in den Büros, an der Ampel, im Supermarkt...

Viele Menschen finden über die Begegnung mit Christen, die aus einer authentischen Beziehung mit Gott leben und deren Leben davon Spuren zeigt, auch einen Weg zurück in die Ortskirche, von der sie sich vielleicht entfernt haben oder zu der sie bisher keinen Weg gefunden haben.

Und dann gibt es viele Mitglieder und Freunde der Fokolar-Bewegung, die auch in ihrer Ortsgemeinde aktiv mitarbeiten: in Pfarrgemeinderäten oder Kirchenvorständen, in der Familienarbeit oder in Ökumene-Ausschüssen.

ZENIT: Welche Initiativen und Apostolate sind für Sie mit Blick auf die Jugend jetzt wichtig?

Böttger: Jugendliche suchen eher Zeugen als Prediger. Auch da ist der erste Schritt, mein erstes Bemühen ein authentisches und echtes Leben mit Gott und mit denen, die mit mir auf dem Weg sind.

Keiner ist vollkommen; wir alle können immer wieder neu anfangen, und das ist der ermutigendste Anstoß, den wir einander und auch Jugendlichen geben können. Wir sind ja Wegbegleiter und können Kanal sein für die Liebe, die Gott zu jedem Einzelnen von uns hat. Und darauf möchte eigentlich jeder antworten, indem er oder sie selbst aktiv wird und auf andere zugehen lernt. Dafür Räume schaffen, das ist ein wichtiges Anliegen in unserer Jugendarbeit.

Dafür braucht es mal kleine Teams, in denen man miteinander in die Tiefe gehen kann im Leben des Glaubens und auch über Glauben sprechen kann, mal braucht es aber auch große Begegnungen, die Mut machen und den Rücken stärken für das Leben im Alltag. Solche „Tankstellen“ können die Weltjugendtage sein, nationale oder auch internationale Jugendbegegnungen, die wir regelmäßig anbieten, und auch Begegnungen mit jungen Christen aus anderen Gemeinschaften und Kirchen, wie wir sie im vergangenen Mai in Stuttgart bei „Miteinander für Europa“ erlebt haben.

Manchmal ist es aber auch der ganz konkrete Einsatz für Hilfsbedürftige, der uns und insbesondere Jugendliche verspüren lässt, dass wir glücklich werden, wenn wir uns für andere „verschenken“.

Wichtig ist uns auch, dass die Jugendlichen selbst Verantwortung übernehmen für Initiativen, dass sie selbst die Ideen dazu entwickeln und in der konkreten Umsetzung dann von Erwachsenen bei Bedarf unterstützt werden.

Überhaupt ist der Aspekt des „Familie-Seins“ auch sehr wichtig im Hinblick auf die Jugend. Bei Veranstaltungen der ganzen Fokolar-Bewegung versuchen wir immer, die Bedürfnisse aller mit einfließen zu lassen. Wir sehen solche Begegnungen als große Chance für Jugendliche, Erwachsene kennen zu lernen, die – wie sie selbst – mit einem Leben für Gott ernst machen und die schon ihren Weg gefunden haben, auf dem sie dies verwirklichen können. Umgekehrt ist es auch für Erwachsene oft eine große Bereicherung, junge Menschen zu erleben, die so mit Gott und miteinander leben.