„Manchmal möchte ich niederknien“: Patrick Theillier über die Wunder in Lourdes

Interview mit dem Leiter des Medizinischen Büros des französischen Marienwallfahrtsortes

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WIEN, 6. Mai 2008 (ZENIT.org).- Gott heilt und wirkt Wunder, „damit der betroffene Mensch anderes lebt“. Das bekräftigt der Leiter des Medizinischen Büros des Marienheiligtums Lourdes (Frankreich), Patrick Theillier, im vorliegenden, noch nicht ausgestrahlten Interview für Radio Maria Österreich.



Ende April hielt sich der 64-jährige Arzt, der sechsfacher Vater ist, in Wien auf, um im Rahmen einer Pressekonferenz gemeinsam mit dem Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn auf das 150-Jahr-Jubiläum der Marienerscheinungen in Lourdes einzugehen.

Theillier, der das Medizinische Büro des Marienheiligtums seit 1998 leitet, ist auch Vorsitzender der Internationalen Medizinischen Vereinigung von Lourdes. Jeder sei berufen, die Erfahrung geheilter Menschen zu machen, meint er. Solche Menschen „sind in ihrem Leben dem lebendigen Gott begegnet, der in ihnen handelt und wirkt… – ihr Leben ist nicht mehr dasselbe.“

Haben Sie schon immer an Wunder geglaubt? Wie hat Ihre Arbeit Ihren Glauben beeinflusst?


Ich habe immer daran geglaubt, aber ich glaube heute noch mehr daran – weil ich sie sehe. Aber ich bin eigentlich so wie Thomas: Ich möchte berühren und sehen. Ich denke, das sei notwendig. Sonst läuft man Gefahr, überall Wunder zu sehen, und da können wir in einen Fideismus und Illuminismus verfallen, die sehr gefährlich sind. Man muss auch seine Vernunft einschalten. Es gibt keinen Gegensatz zwischen Vernunft und Glauben. Ich kann sagen, dass ich seit den zehn Jahren, in denen ich in Lourdes bin, jeden Tag die wunderbaren Taten Gottes sehe.

Können Sie aus Ihrer Erfahrung oder Ihrem Glauben Gründe sagen, warum Gott Heilungen schenkt?


Damit der betroffene Mensch anders lebt. Für mich ist die Heilung eine Verwandlung – nicht nur physisch, sondern auch psychisch und spirituell. Das ist die Erfahrung, die ich mit allen Geheilten gemacht habe. Ihr Leben ist danach nicht mehr dasselbe. Sie sind in ihrem Leben dem lebendigen Gott begegnet, der in ihnen handelt und wirkt. Sie können nachher die Dinge nicht mehr so sehen, wie vorher. Jeder bleibt natürlich frei, das ist die große Freiheit der Kinder Gottes. Aber ich habe das Leben der Geheilten nach ihrer Heilung sehr viel studiert und ich habe viele Bücher veröffentlicht – ihr Leben ist nicht mehr dasselbe. Ich denke, wir sind alle berufen, diese Erfahrung zu machen.

Setzt ein Wunder den Glauben voraus?

Den Glauben des Gottesvolkes, den Glauben der Kirche. Ich habe in Lourdes auch Menschen erlebt, die nicht geglaubt haben: Agnostiker, Atheisten und auch Menschen von anderen Religionen. Ich kenne zwei Musliminen, die geheilt wurden. Es kommt nicht auf den individuellen Glauben an, es ist die Gemeinschaft der Glaubenden. Wenn in Lourdes manche geheilt werden, dann geschieht das dank des Glaubens all derer, die nach Lourdes kommen.

Mit dem Wunder geht dann eine Bekehrung einher?

Das ist nicht zwangsweise so. Aber ich kann sagen, dass die betroffene Person doch bewegt ist und sich Fragen stellt, Fragen des Glaubens. Diese Person bleibt immer frei in ihrer Antwort.

Wir haben das Beispiel von Alexi Carell, der im Jahr 1902 mit seinen Augen eine Heilung gesehen hat und eine wahrhaftige Auferstehung. Nach seinem Tod 1945 hat man ein Manuskript entdeckt, in dem er zugibt, dass er dieser Heilung beigewohnt habe, obwohl er das sein ganzes Leben verweigert hat.

Haben Sie auch Menschen erlebt, die enttäuscht sind, weil ihre Heilung nicht als Wunder anerkannt wurde?

Ja, das habe ich erlebt, aber es ist ein schlechtes Zeichen, weil das Menschen sind, die sich zu sehr an dieser Heilung anhalten. Das kann aber vorkommen, es ist immer eine menschliche Schwäche.

Wie gehen sie mit der „Sensationslust“ um und der Suche nach dem Wunderbaren?

Ich bemühe mich sehr darum, die Menschen, die kommen und sich deklarieren, zu beruhigen. Ich sage ihnen gleich, dass sie sich keine großen Heilungen vorstellen sollen. Aber ich habe genug Zeit, und die Kirche hat Ewigkeiten vor sich. Mit der Zeit beruhigen sich die Menschen.

Können Sie sagen, warum manche Menschen geheilt werden und manche nicht?


Das weiß ich nicht. Das ist das große Geheimnis. Aber ich denke, dass jeder eine Heilung erleben kann, wenn man den Begriff der Heilung erweitert. Ich glaube, dass auch die, die geheilt wurden, sich oft die Frage stellen: „Warum ich?“ Das höre ich sehr oft. Aber ich habe keine Antwort darauf. Vielleicht hat sie auch der Heilige Vater nicht.

Was sagen Sie einem Kranken, der gerne geheilt werden möchte?

Er soll beten und andere animieren, ebenfalls zu beten. Aber er muss auch bereit sein, etwas zu bekommen, was er nicht unbedingt erwartet, was nicht unbedingt seine physische Heilung ist.

Eine letzte Frage: Gibt es eine Heilung, die Sie besonders berührt hat?


Es gibt viele, die mich berührt haben. Alle berühren mich. Ich bin immer besonders bewegt, wenn jemand kommt, der seine Heilung deklariert, und ich spüre, dass es wahr ist. Und ich spüre das immer sofort. Es gibt einen Charakter der Ehrlichkeit, der nicht täuscht. Manchmal möchte ich niederknien, weil sie von der Gnade Gottes so sehr berührt worden sind. Das ist einfach wunderbar! Ich würde sagen, alle echten Heilungen haben mich berührt. Es ist einfach so stark zu sehen, wie Gott auch heute wirkt. Ich kann nicht sagen, dass es Wunder gibt, die mich mehr berührt hätten als andere – alle berühren mich.

Würden Sie uns eines erzählen?

Ich muss kurz überlegen, welches ich erzählen könnte. Ich erzähle vom jüngsten Fall. Für mich war er von einer wunderbaren Natur. Es handelt sich um eine Libanesin, die in Stockholm lebt und mir ein E-Mail geschickt hat. Sie hat mir von ihrer jüngsten Tochter erzählt, die mit 17 Jahren grundlos das Haus verlassen hat und spurlos verschwunden ist. Diese Dame war so traumatisiert, dass sie krank wurde: Ihre Beine wurden gelähmt, und sie hatte mehrere Jahre lang starke Schmerzen. Dann hat sie sich entschlossen, nach Lourdes zu fahren. Nicht um geheilt zu werden, sondern um die Rückkehr ihrer Tochter zu erbitten. In Lourdes ist sie geheilt worden: Sie konnte wieder normal gehen, und ihre Schmerzen waren verschwunden. Sie hat sich gesagt: „Wenn ich geheilt worden bin, heißt das, dass ich weitergehen muss. Ich muss etwas für die Rückkehr meiner Tochter tun.“ Sie hat sich entschlossen, sich bis zur Rückkehr ihrer Tochter nur mehr von Brot und Wasser zu ernähren. Zehn Monate hat sie gefastet. Am 31. Mai, dem Tag der Erscheinungen von Lourdes, ist ihre Tochter zurückgekehrt und hat gefragt: „Mama, darf ich zurückkommen?“ Die Dame hat in dem E-Mail geschrieben, das sei eine einfache Geschichte. Aber sie ist absolut nicht banal.

[Das Interview führte Johanna Hulatsch; Martin Ploderer übersetzte, Juliana Abado ist für die Abschrift verantwortlich]