Mandela - Der lange Weg zur Freiheit

Trotz dramaturgischen Schwächen überzeugt der Film des englischen Regisseurs Justin Chadwick in der Darstellung des vor kurzem verstorbenen Anti-Apartheid-Kämpfers

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 237 klicks

Der 1918 geborene Nelson Mandela wächst in der Steppenlandschaft einer ländlichen Region Südafrikas auf. Der nun im deutschen Kino startende Spielfilm von Justin Chadwick „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ setzt etwa Anfang der 1930er Jahre an, als Madiba – so sein traditioneller Clanname – bei einem hergebrachten Ritual seinen Abschied von der Kindheit feiert. Der ihm zugedachte Spruch „Allein bist Du klein“ steht denn auch als eine Art Motto über dem gesamten Film. Die bekanntesten Spielfilme über Nelson Mandela „Goodbye Bafana“ (Bille August, 2007) und „Invictus“ (Clint Eastwood, 2009) erzählen aus der Sicht eines anderen oder beschränken sich auf einen Ausschnitt aus Mandelas Biografie: „Goodbye Bafana“ basiert auf den Memoiren des Robben Island-Gefängniswärters James Gregory. „Invictus“ konzentriert sich wiederum auf die im Jahre 1995 in Südafrika stattfindende Rugby-Weltmeisterschaft als Chance für den gerade zum Präsidenten gewählten Mandela, das tief gespaltene Land zu einen. Im Gegensatz dazu liefert Justin Chadwick eine Filmbiografie, die sich über mehr als fünfzig Jahren erstreckt. Das Drehbuch von William Nicholson, der die Skripte zu „Gladiator“ (Ridley Scott, 2000) und „Les Miserables“ (Tom Hooper, 2012) verfasste, entwickelt Mandelas Biografie als lineare Erzählung mit einem epischen Gestus. Als Vorlage diente ihm Mandelas im Jahre 1994 erschienene, mehr als 850 Seiten starke Autobiografie „Der lange Weg zur Freiheit“. Deshalb endet Chadwicks Film mit Mandelas Wahl zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes am 9. Mai 1994.

Nach dem Prolog mit Mandelas „Abschied von der Kindheit“ beginnt die eigentliche Handlung 1942 in Johannesburg, wo Nelson Mandela (Idris Elba) als Rechtsanwalt Menschen verteidigt, die wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert werden. Einige kurze Szenen verdeutlichen die Ausgrenzung: Die Polizei tötet einen schwarzen Jungen ohne Ausweis. Im Jahre 1948 zeigt das Militär in Soweto unterdrückende Präsenz. Besonders ausführlich widmet sich Chadwicks Film – unterlegt mit dokumentarischen Fotos und einer Archiv-Radioübertragung – der Demonstration von Sharpeville im Jahre 1960, die in ein Massaker mündete. Dies bedeutet insofern einen Wendepunkt, als die African National Congress-Partei verboten wird. War die ANC bis dahin eine gewaltfreie Bewegung, so entwickelt sie sich zu einer bewaffneten Untergrundorganisation. Auch Nelson Mandela taucht unter. Nachdem er verhaftet wird, kommen Mandela und sieben weitere Mitstreiter im Jahre 1964 mit einer lebenslanger Haftstrafe auf die berüchtigte Gefängnisinsel Robben Island, wo die ANC-Kämpfer 18 Jahre verbringen werden. Dort bleiben sie zunächst der Willkür des Gefängnisdirektors unterworfen. Zu den strengen Auflagen gehört es etwa, dass Mandela seine zweite Ehefrau Winnie (Naomie Harris) jahrelang nicht sehen und nicht zur Beerdigung seines 1969 bei einem Autounfall ums Leben gekommenen ältesten Sohnes Thembi fahren darf. Erst nach Jahren beginnt sich das Verhältnis zwischen Mandela und seinen Wärtern zu bessern. Ein kleiner erster Schritt besteht darin, dass den Gefangenen eine lange Hose statt der für „Boys“ gedachten kurzen Hose ausgehändigt wird.

Die größte Schwierigkeit für Drehbuchautor William Nicholson und Regisseur Justin Chadwick bestand darin, in einem zweieinhalbstündigen Film fünfzig ereignisvolle Jahre wiederzugeben. Obwohl „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ nicht immer den angemessenen Rhythmus findet und einige Ereignisse gleichsam im Galopp abhakt, konzentriert er sich im ersten Drittel auf Mandelas Liebesgeschichte mit seiner zweiten Frau Winnie, im zweiten auf die Zeit auf Robben Island und im dritten auf Mandelas politische Kämpfe. Obwohl Nelson Mandela keineswegs glorifiziert, sondern auch mit seinen Schwächen gezeigt wird, kommt gerade in den Sequenzen seiner langen Haft Mandelas Größe zum Vorschein. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass der Regisseur beim ersten geheimen Treffen Mandelas mit dem südafrikanischen Justizminister und vier anderen Regierungsvertretern verdeutlicht, wer in dieser Runde die größte moralische Autorität besitzt: Nelson Mandela.

Trotz einer viel zu lauten Filmmusik von Alex Heffes, die auf Emotionalisierung zielt, aber eher den Erzählfluss hemmt, nimmt sich Regisseur Chadwick eher zurück, um seinen Hauptdarstellern das Feld zu überlassen. Auch wenn die Masken-Spezialisten Mark Coulier und Megan Tanner ganze Arbeit geleistet haben, um Idris Elba und Naomie Harris als Dreißig- wie als Siebzigjährige authentisch wirken zu lassen, beeindruckt insbesondere die Art, wie sich Idris Elba trotz mangelnder äußerer Ähnlichkeit die Gestik und Mimik von Nelson Mandela aneignet und seine innere Ruhe und Stärke ausdrückt. Auch Naomie Harris stellt Winnie Mandela als Einzelhäftling oder als politische Kämpferin, die sich immer mehr radikalisiert und deshalb sich auch immer weiter von ihrem Mann entfremdet, absolut glaubwürdig dar. Die geschickt eingefügten Originalaufnahmen leiten zu den jeweiligen Kapiteln über und ergänzen die kraftvolle, wenn auch sehr konventionelle Kameraarbeit von Lol Crawley.

Bei allen dramaturgischen Schwächen überzeugt Chadwicks Film in der Darstellung des Anti-Apartheid-Kämpfers, der gerade durch seine Bereitschaft zur Vergebung die kaum für möglich gehaltene Aussöhnung zwischen der schwarzen und der weißen südafrikanischen Bevölkerung schaffte.

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Filmische Qualität: Dreieinhalb Sterne
Regie: Justin Chadwick
Darsteller: Idris Elba, Naomie Harris, Tony Kgoroge, Riaad Moosa, Fana Mokoena
Land, Jahr: Großbritannien 2013
Laufzeit: 152 Minuten
Genre: Dramen
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: S, G
im Kino: 1/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.