Manfred Lütz: „Der christliche Glaube ist rational vertretbar, und er ist einfach“

ZENIT-Interview mit dem Autor von „Gott – eine kleine Geschichte des Größten“

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KÖLN, 3. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Bestseller-Autor Manfred Lütz, Theologe und Arzt, appelliert im vorliegenden ZENIT-Interview über sein neuestes Buch dafür, wieder öffentlich von Gott zu reden.



„Wir müssen unseren atheistischen Mitbürgern aufmerksam und respektvoll zuhören und auf ihre Fragen ernsthaft antworten. Wenn wir nächstenliebend uneigennützig leben und Zeugnis ablegen für die Hoffnung, die in uns lebt, … dann können die Menschen christlichen Glauben wirklich erleben.“

ZENIT: In Ihrem neuen, äußerst amüsanten Werk „Gott – eine kleine Geschichte des Größten“ tragen Sie verschiedenste Argumente für die Existenz Gottes zusammen. Was bewegte Sie, dieses Buch zu schreiben?

Lütz: Seit Jahrzehnten reden wir von der Dringlichkeit der Gottesfrage. Doch es gab nach meinem Eindruck kein Buch, das man einem durchschnittlichen Atheisten in die Hand drücken kann nach dem Motto: Da können Sie alle Argumente lesen ohne Theologensprache in normalem Deutsch, dazu ein bisschen unterhaltsam und nicht zu dick.

ZENIT: Sie haben vor kurzem erklärt, dass sich Ihr Buch gewissermaßen „wider schlampigen Atheismus und frömmelnden Glauben“ richtet. Was meinen Sie damit? Wodurch zeichnen sich ein ernst zu nehmender Atheismus und ein tatsächlich frommer Glaube aus?


Lütz: Ich finde auf atheistischer Seite im Grunde nur die Position Friedrich Nietzsches in sich konsequent. Hier ist der Atheismus folgerichtig bis zu Ende gedacht. Wenn es Gott nicht gibt, dann ist „Jenseits von Gut und Böse“ alles erlaubt.

Doch zumeist gibt es schlampigen Salonlöwen-Atheismus, wo man so lebt, als gäbe es Gott ein bisschen doch. Frömmelnder Glauben ist andererseits ein nicht existentiell und echt gelebter Glaube; ein Glaube, der nur fromm daherplappert und sich im Grunde selbst nicht glaubt.

ZENIT: Was ist der so genannte „Sahnetorten-Beweis“, von dem Sie immer wieder sprechen?


Lütz: Viele Atheisten glauben heute immer noch, Ludwig Feuerbach, der „Kirchenvater“ der Atheismus, habe die Existenz Gottes widerlegt. Doch das stimmt nicht. Ludwig Feuerbach hat die Nichtexistenz Gottes einfach vorausgesetzt. Wenn es aber Gott nicht gibt, dann ist Religion in der Tat ein höchst merkwürdiges Phänomen.

Mit jemandem zu reden, den es gar nicht gibt, das ist geradezu psychiatrisch auffällig. Zeitraubende Ritusveranstaltungen und Wallfahrten zu besuchen für nichts und wieder nichts, das ist psychologisch erklärungsbedürftig.

Feuerbachs Erklärung: Menschen haben Wünsche und Sehnsüchte, die sich bekanntlich in diesem Leben nicht alle erfüllen. Und so stellen sich die Menschen eine Wunscherfüllung im Himmel vor und einen Wunscherfüller namens Gott.

Freilich kann man sich Sahnetorte wünschen, und das heißt natürlich nicht, dass es die Sahnetorte wirklich gibt – da hat Feuerbach Recht. Doch es heißt glücklicherweise auch nicht, dass es Sahnetorte nicht gibt. Die Psychologie kann zur Frage nach der Existenz Gottes überhaupt nichts beitragen.

ZENIT: Die Gottesfrage ist in Ihren Augen für die Zukunft der Gesellschaft von zentraler, ja lebenswichtiger Bedeutung. Immer wieder hört man, dass sich die Sehnsucht nach Gott heute stärker bemerkbar macht als in früheren Zeiten. Wie könnte Gott im Leben der Menschen und auch in der Öffentlichkeit mehr Raum bekommen?

Lütz: Dadurch, dass wir Christen mehr öffentlich darüber reden. Jürgen Habermas hat in seiner berühmten Paulskirchenrede von 2003 gesagt, der religiöse Bürger müsse im säkularen Staat als religiöser Bürger wieder ernst genommen werden. Ihm dürfe nicht zugemutet werden, in öffentlichen Diskursen von seiner Religiosität zu abstrahieren.

Wir benötigten zum Beispiel zur Fundierung des für unsere Gesellschaften zentralen Begriffs der Menschenwürde wieder „rettende Übersetzungen“ des jüdisch-christlichen Begriffs der Gottebenbildlichkeit. Wenn wir aber öffentlich wieder von Gottebenbildlichkeit reden sollen, dann müssen wir auch öffentlich wieder von Gott reden.

ZENIT: Was sind die großen Themen, mit denen sich der gläubige Mensch auseinanderzusetzen und die er ansprechen sollte, um ein authentisches Zeugnis von Gott zu geben und das gesellschaftliche Leben im Sinn Christi mitzugestalten?

Lütz: Wir müssen unseren atheistischen Mitbürgern aufmerksam und respektvoll zuhören und auf ihre Fragen ernsthaft antworten. Wenn wir nächstenliebend uneigennützig leben und Zeugnis ablegen für die Hoffnung, die in uns lebt, wie es im Ersten Petrusbrief heißt, dann können die Menschen christlichen Glauben wirklich erleben. Wir brauchen aber auch allgemeinverständlich formulierte Argumente. Deswegen habe ich mein Buch von einem Atheisten, einem Metzger und dem Philosophen Robert Spaemann lesen lassen, und alle drei haben das verstanden.

ZENIT: Mit Ihrem Buch, in dem Sie absichtlich auf „kompliziertes Theologendeutsch“ verzichten, wollen Sie jeden ansprechen: den Gläubigen genauso wie den Atheisten oder den Suchenden. Haben Sie von diesen verschiedenen Positionen bereits Rückmeldungen erhalten? Wie wurde Ihr Buch bisher aufgenommen?

Lütz: Es gab aggressive Attacken von fundamentalistischen Atheisten – ein Phänomen, von dem ich bisher nichts wusste. Die schreiben bei „Amazon“ zum Beispiel wütende Rezensionen.

Christen scheinen sich zu solchen Leserbriefen oder Rezensionen dagegen kaum aufzuraffen. Doch es gibt auch ganz berührende Reaktionen, so von einem Ingenieur, der schrieb, das sei für ihn das wichtigste Buch und ob ich ihm einen Priester nennen könne. Solche Reaktionen beschämen einen, doch sie bestärken mich darin, dass es sinnvoll war, dieses Buch zu schreiben.

ZENIT: Was wollen Sie den Lesern Ihres Buches vor allem mitgeben?


Das Buch soll aufklären. Atheisten über den Atheismus, und Christen über das Christentum – aber jeweils auch über die andere Seite. Der christliche Glaube ist rational vertretbar, und er ist einfach, wie Papst Benedikt XVI. immer wieder betont.

[Das Interview führte Dominik Hartig]