Marginalisierte Ehe

Warum dieser Trend die Gesellschaft bedroht

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Von P. John Flynn LC

ROM, Dienstag, 20. September 2011 (Zenit.org).- Einer der Faktoren für die jüngsten Unruhen in England besteht, einer Reihe von Kommentatoren zufolge, im Zusammenbruch des Ehe- und Familienlebens. Wenn dies zutrifft, dann stellen die Ergebnisse eines kürzlich veröffentlichten Berichts über die Ehe eine beunruhigende Situation dar.

Im vergangenen Monat veröffentlichte das in Washington DC ansässige Brookings Institut eine Studie mit dem Titel „Die Marginalisierung der Ehe in Mittelamerika.“ Sie untersucht den Familienstand von 51 Prozent der jungen Erwachsenen im Alter zwischen 25 und 34 Jahren, die zwar einen Highschool-Abschluss haben, aber nicht über einen weiteren Collegeabschluss verfügen.

Die Ehen in der Gruppe der wohlhabenderen Amerikaner mit Hochschulbildung, die in der Regel vor der Geburt ihres ersten Kindes heiraten, verliefen gut. Der Bericht zeigte auf, dass die Scheidungsrate in diesem Bereich auf ein Niveau vergleichbar mit den frühen 70er Jahren zurückgegangen sei.

Nach den Aussagen der Autoren des Berichts, W. Bradford Wilcox und Andrew J. Cherlin, sehe das bei weniger gut ausgebildeten, die ein hohes Maß an eheähnlichen Gemeinschaften und Scheidung aufweisen, ganz anders aus. „Der Rückzug der Nation aus der Ehe, der in den 1960er und 70er Jahren von den einkommensschwachen Gemeinden ausging, hat nun Mittelamerika erreicht“, so der Bericht.

In den letzten Jahren sei die Wahrscheinlichkeitsquote, ein Kind außerhalb der Ehe zu bekommen, bei mäßig gebildeten, amerikanischen Frauen mehr als sieben Mal größer als bei Frauen mit einem College-Abschluss. Insgesamt liege die außereheliche Geburtenrate bei Frauen mit Highschool-Bildung bei 44 Prozent, verglichen mit 54 Prozent bei Frauen, die keinen Highschool-Abschluss haben und 6 Prozent bei Frauen mit einem Abschluss.

Der Anstieg der außerehelichen Geburten lasse sich auf eine höheres Ausmaß von eheähnlichen Lebensgemeinschaften zurückführen, wobei die Geburtenzahl bei allein lebenden Frauen sich wenig verändert habe. Der Anstieg sei, dem Bericht zufolge, ein Grund zur Besorgnis, denn Kindern gehe es in einer stabilen, ehelichen Familie am besten.

Nach den jüngsten Daten seien unverheiratete  Partnerschaften grundsätzlich instabil, und 65 Prozent der Kinder in diesen Situationen sähen bis zum Alter von 12 Jahren die Beziehung zerbrechen. Im Vergleich dazu gelte das nur für 24 Prozent der in Ehen geboren Kinder.

Ursachen

Der Bericht nennt kulturelle als auch wirtschaftliche Faktoren für diese veränderte Situation. Der Arbeitsmarkt für mäßig gebildete Männer habe sich erheblich verschlechtert, was weniger stabile Arbeitsplätze und niedrigere Reallöhne nach sich ziehe als in der Generation zuvor.

Zur gleichen Zeit herrsche die allgemeine Erwartung, dass eine gute Arbeit und ein gutes Einkommen notwendig seien, um sich in einer Ehe binden zu können; deshalb werde eine eheähnliche Lebensgemeinschaft, während man auf den richtigen Job warte, als Alternative bevorzugt.

Das allein sei jedoch noch keine vollständige Erklärung. Der Bericht stellte fest, dass in der Vergangenheit, zum Beispiel bei der Weltwirtschaftskrise, die wirtschaftliche Not nicht zu größeren Veränderungen im Familienleben geführt habe.

Der Bericht griff drei große kulturelle Veränderungen heraus, die eine entscheidende Rolle bei der Veränderung der Situation gespielt haben sollen.

Erstens habe sich die Einstellung der Menschen zur sexuellen Aktivität und Schwangerschaft außerhalb der Ehe verändert. Heutzutage gebe es viel mehr Akzeptanz für ein solches Verhalten und dies, zusammen mit der Einführung der Empfängnisverhütung, habe die traditionellen Werte der Familie, die einst in diesem Sektor der Gesellschaft herrschten, stark geschwächt.

Unverheiratete Frauen mit geringem Einkommen gingen oft voran und bekämen Kinder, anstatt auf eine bessere Situation zu warten, da dies die Gefahr der Kinderlosigkeit in sich berge. Diese Mentalität habe nun auch bei mäßig gebildeten Frauen Verbreitung gefunden.

Zweitens zeige sich ein deutlicher Rückgang der religiösen Partizipation bei den Menschen in Mittelamerika. Verglichen mit den 70er Jahren sei die wöchentliche Teilnahme an religiösen Veranstaltungen von 40 auf 28 Prozent gesunken.

Drittens hätten die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Familienleben eine wichtige Neuorientierung hervorgerufen. Mit der Einführung der verschuldensunabhängigen Scheidungen sei die Unterstützung der Ehe zur Betonung der Rechte des Einzelnen übergegangen.

Veränderung

Die Herbeiführung von Veränderungen im Trend des Zusammenlebens und der hohen Scheidungsraten sei keine leichte Aufgabe, räumte der Bericht ein. Folgende Maßnahmen werden vorgeschlagen:

- Verbesserte Ausbildungen für Arbeitsplätze im mittleren Bereich der Fähigkeiten zu gewähren, werde mäßig Gebildeten ermöglichen, bessere und stabilere Arbeitsplätze zu finden.

- Änderungen bei der Berechnung der Sozialhilfe herbeiführen, wo die Ehe aufgrund der zusammenlebenden Paare bestraft wird, die ihre finanzielle Unterstützung verlieren, wenn sie heiraten. Die steuerliche Berücksichtigung von Kindern sollte ebenfalls verstärkt werden.

- Durch Kampagnen kulturelle Einstellungen verändern, genauso wie durch die Kampagnen gegen das Rauchen oder Alkohol am Steuer.

- Investition in Bildungsprogramme für benachteiligte Kinder im Vorschulalter als Wegbereiter für verbesserte Beschäftigungschancen künftiger Generationen.

- Reform des Scheidungsrechts zur Milderung der Folgen der verschuldensunabhängigen Scheidung. Dies könnte auch Bildungsprogramme und obligatorische Wartezeiten für Paare mit Kindern beinhalten.

Zufälligerweise war einer der Autoren des Brooking Berichts an einer anderen Publikation über Ehe und Lebensgemeinschaft beteiligt, der wenig später im August veröffentlicht wurde. Der Leiter des National Marriage Project, W. Bradford Wilcox, zusammen mit 18 anderen Familien-Gelehrten, gab die dritte Auflage des Berichts „Why Marriage Matters: Thirty Conclusions from the Social Sciences" (Warum die Ehe wichtig ist: 30 Schlussfolgerungen aus den Sozialwissenschaften) heraus.

Laut dem Bericht sei eine intakte, verheiratete Familie immer noch der „goldene Standard“, wenn es darum gehe, was das Beste für die Kinder sei. Darüber hinaus liefere die Ehe einen wesentlichen Beitrag für das Gemeinwohl mit Vorteilen für Wirtschaft, Gesundheit und Bildung.

Nach der Analyse von hunderten von Berichten über Ehe und Familie hatten die Autoren sowohl gute als auch schlechte Nachrichten.

Die gute Nachricht war, dass die Scheidung fast auf das Niveau vor den 70er Jahren zurückgegangen sei. Die schlechte Nachricht war, dass diese Verbesserung mehr auf den Anstieg des unverheirateten Zusammenlebens zurückzuführen sei. Dies bedeute, dass Kinder heutzutage eher ein Zusammenleben in eheähnlichen Lebensgemeinschaften erführen, als von einer Scheidung betroffen zu sein.

In den frühen 2000er Jahren lebten nur 55 Prozent der 16-Jährigen mit beiden Eltern zusammen, gegenüber  66 Prozent vor 20 Jahren.

Die Instabilität des Zusammenlebens habe einen negativen Einfluss auf Kinder, so der Bericht. Kinder würden im Haushalt Zusammenlebender drei Mal häufiger missbraucht werden als bei intakten,  verheirateten biologischen Elternpaaren. Drogenkonsum, Schulprobleme und schlechtes Benehmen kämen häufiger vor.

Asien

Diese Veränderungen im Familienleben seien bei weitem nicht nur auf die Vereinigten Staaten begrenzt. Die Titelgeschichte der Ausgabe vom 20. August der Zeitschrift „The Economist untersuchte“, was der Titel „Die Flucht vor der Ehe“ in Asien nannte.

In Japan zum Beispiel, wo vor 20 Jahren der prozentuale Anteil an Frauen, die in nichtehelichen Lebensgemeinschaften lebten, sich noch im einstelligen Bereich bewegte, betrage jetzt fast 20 Prozent. Das Durchschnittsalter bei der Eheschließung sei jetzt viel höher. In den reicheren Ländern Asiens liege das Durchschnittsalter bei Frauen zwischen 29-30 Jahren und bei Männern zwischen 31-33 Jahren. In den letzten drei Jahrzehnten sei das durchschnittliche Heiratsalter in einigen Ländern um fünf Jahre angestiegen.

Darüber hinaus soll es mehr Frauen geben, die nicht heiraten. Im Jahr 2010 sei ein Drittel der japanischen Frauen in den 30ern ledig gewesen. Im selben Jahr seien 37 Prozent der taiwanesischen Frauen im Alter von 30-34 Jahren Singles, neben den 21 Prozent von Singles zwischen 35-39 Jahren. Der Artikel wies darauf hin, dass dies eine auffallende Veränderung sei, wenn man bedenke, dass wenige Jahrzehnte zuvor nur zwei Prozent der Frauen in dieser Altersgruppe in den meisten asiatischen Ländern allein lebten.

Scheidungsraten, immer noch deutlich niedriger als im Westen, hätten sich seit den 80er Jahren verdoppelt.

Das Familienleben sei traditionell in Asien sehr wichtig. Noch 1994 führte Lee Kuan Yew, ehemaliger Premierminister von Singapur, den wirtschaftlichen Erfolg in Asien auf die Stärke der familiären Bindungen und die im Familienleben erlernten Tugenden zurück.

Angesichts der in Schwierigkeiten geratenen Ehe sowohl im Westen als auch in Asien sei der Preis dafür, nichts zur Abhilfe zu unternehmen, einfach zu hoch, um zulassen zu können, dass dieser Trend sich fortsetze.