Maria Anna Leenen: Sich Gott aussetzen und standhalten

Buchbesprechung: Eremitisches Leben heute

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ROM, 17. Juni 2009 (ZENIT.org).- Eine Frau stellt sich ihrer Berufung. Maria Anna Leenen hat für sich geklärt, dass dies ein Leben in Schweigen und Abgeschiedenheit ist.

Wer mit dieser Eremitin persönlich oder über ihre Publikationen in Kontakt gerät spürt sofort: diese Frau steht mitten im Leben, sie weiß was läuft, sie ist belesen, ihr liegen besonders die verletzlichen jungen Menschen am Herzen, die Obdachlosen, die Armen.

Ende Mai hat sie in einem bemerkenswerten Büchlein veröffentlicht, das dargelegt, was für sie Einsamkeit, Buße, Gebet und Schweigen als Lebensform heute bedeuten. Maria Anna Leenen: Sich Gott aussetzen und standhalten bietet auf 120 Seiten eine Quintessenz dessen, was eremitisches Leben heute bedeutet. „Ein Leben als einzelner, ohne stützende Gemeinschaft“.

Die Eremitin und Publizistin wirbt nicht mit schwärmerischen Worten für diese Lebensform. Während vielerorts Spiritualität als Form des Zugewinns von innerer Ruhe, Harmonie und Stressabbau mit der Verheißung neuer Leistungsfähigkeit boomt, präsentiert uns der schöne königsblaue Hardcoverband, den der Aschendorffer Verlag hier vorgelegt hat, schon mit dem Titelbild die Ikone des Kampfes, des Ringens und der Auseinandersetzung. Keine Verknüpfung zu romantisierenden Klischees von magischen, mythischen, witzigen und weltfremden Lebenseinstellungen wird hier geweckt. Es geht um Identität und Kampf, um „Eremitisches Leben heute“.

Es geht unter die Haut, wie bewusst sich hier eine Frau in ihrer selbst gewählten Einsamkeit der Tatsache stellt, das „zeitgleich“ mit ihrem Lebensprojekt der Nachfolge Christi in der Einöde Menschen überall auf der Welt leiden.

Prof. Dr. Marianne Schlosser erklärt diese Blickrichtung in ihrem Vorwort: „Wer sich im Licht Gottes sich selbst stellt, sieht von der Welt und den Menschen nicht weniger, sondern mehr … eine alte eremitische Weisheit“.

„An diesem Blick, der unverkennbar durch ihre persönliche Erfahrung geformt ist, lässt Maria Anna Leenen ihre Leser teilnehmen“, erklärt die Dozentin für Christliche Spiritualität in Wien. „So kann man eine frappierende Verflechtung entdecken: zwischen der zunächst völlig außergewöhnlich erscheinenden eremitischen Lebensweise einerseits, die auf viele Jahrhunderte Erfahrungen zurückblickt und den untergründig präsentierten Erfahrungen zeitgenössischen Lebensgefühls“.

Der abgeschiedene Ort auf dem Land im Osnabrücker Land, den Maria Anna Leenen von der Vorsehung als ihr Zuhause überlassen bekommen hat, wird zu einer Schnittstelle mit den Menschen in unserer Gesellschaft, deren stumme Klagen, deren Dahinsiechen in unserer Informationsgesellschaft so oft untergehen. Das ist das innere Panorama des eremitischen Gebets, das herausfordert und provoziert.

Wer Maria Anna Leenens Veröffentlichungen verfolgt, merkt dass hier jemand sein Leben mit Gott ehrlich und ohne idealisierende Verklärung durchsichtig macht. Bei der Lektüre entsteht nicht das Bild einer indiskreten Seelenbeichte, sondern man sieht das sehr persönliche Profil einer hellwachen, lebendigen Frau, die ihr Leben immer neu daraufhin prüft und ausrichtet, ganz und gar für ihren Gott und die Menschen da zu sein.

Deshalb kann Maria Anna Leenen auch den Begriff Buße neu definieren. Eine bußfertige Haltung nimmt ein, wer in der Welt Grausamkeit und Ignoranz wahrnimmt, den eigenen Egoismus nicht zu leugnen vermag und wahrnimmt, dass all dies der Seele wehtut.

Wer sich „Eremitisches Leben heute“ zu Herzen gehen lässt, der merkt wie nötig in der Einsamkeit unserer Großstädte diese Form von Spiritualität ist. Für Stadt und Familienmenschen, die sich auf das Glaubenswagnis einlassen wollen, „sich Gott aussetzen“ und „standhalten“ wollen, werden diese Zeilen zu einer unentbehrlichen Lebenshilfe.

Das Verlangen nach „Ruhe“ so lehrt uns diese Eremitin, kann nicht durch die Flucht in eine „Kuschelecke“ gestillt werden, es liegt im Ja zum fortwährenden Ringen, der Bereitschaft, sich dem zu stellen, was Leben in Fülle kostet.

Wer es wagt, mitten im Alltag, frei von eigenen Absichten in diese Aura des Schweigens und in den inneren heiligen Raum, über den jeder Mensch verfügt, einzutreten, dem werden, ganz unverhofft zuweilen, die Gnadengeschenke Gottes zuteil.

Angela Reddemann

[Maria Anna Leenen: Sich Gott aussetzen und standhalten. Eremitisches Leben heute. Gebundene Ausgabe: 124 Seiten; Aschendorff Verlag, Mai 2009 - ISBN-10: 340212811X ISBN-13: 978-3402128114]