Maria bewahrte alles in ihrem Herzen und dachte darüber nach: P. Raniero Cantalamessa zum Hochfest der Gottesmutter Maria

Kommentar des Predigers des Päpstlichen Hauses

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ROM, 1. Januar 2007 (ZENIT.org).- In seinem Kommentar zum Hochfest der Gottesmutter Maria lädt P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, dazu ein, durch das aufmerksame Hinhören auf das Wort Gottes und durch seine Befolgung wie Maria Jesus im Herzen zu empfangen und ihn durch heilige Werke in der Welt sichtbar zu machen, kurzum selbst „Mütter Christi“ zu werden.



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Das Zweite Vatikanische Konzil hat uns gelehrt, Maria als Typus der Kirche zu betrachten, das heißt als ihr perfektes Urbild und ihre Erstlingsfrucht. Aber kann Maria der Kirche auch in ihrem Titel der „Gottesmutter“, mit dem sie an diesem Tag verehrt wird, als Musterbeispiel dienen? Können auch wir Mütter Christi werden?

Das ist nicht nur möglich, sondern einige Kirchenväter gehen sogar soweit zu sagen, dass der Titel Mariens ohne diese Nachahmung sinnlos wäre: „Was nützt es mir“, fragten sie, „dass Christus einmal von Maria aus Bethlehem geboren wurde, wenn er nicht auch durch den Glauben in meiner Seele geboren wird?“ Jesus selbst hat damit begonnen, den Titel der „Mutter Christi“ auf die Kirche anzuwenden, als er erklärte: „Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und danach handeln“ (Lk 8,21). Die heutige Liturgie zeigt uns Maria als die erste derer, die durch das aufmerksame Hinhören auf sein Wort Mütter Christi werden. Deshalb hat sie für dieses Fest den Abschnitt aus dem Evangelium gewählt, in dem steht: „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ (Lk 2,19).

Wie man, praktisch gesehen, Mutter Christi wird, das erklärt uns Jesus selbst: indem man auf das Wort Gottes hört und danach handelt. Es gibt zwei Arten der unvollständigen Mutterschaft, sozusagen zwei Arten der Unterbrechung der Mutterschaft. Bei der einen handelt es sich um die uralte und bekannte Form der Fehlgeburt und der Abtreibung. Diese geschieht, wenn man ein Leben empfängt, es aber nicht zur Welt bringt, weil der Fötus in der Zwischenzeit verstorben ist, entweder aufgrund von natürlichen Ursachen oder durch die Sünde der Menschen.

Bis vor kurzem war das der einzige bekannte Fall der unvollständigen Mutterschaft. Heutzutage kennen wir jedoch noch einen anderen, völlig gegenteiligen: Er besteht darin, ein Kind zur Welt zu bringen, ohne es empfangen zu haben. Das geschieht in dem Fall, wenn Kinder im Reagenzglas empfangen und erst später in den Schoß der Frau eingesetzt werden, und in dem beklagenswerten und trostlosen Fall, wenn die Gebärmutter – vielleicht sogar gegen Bezahlung – verliehen wird, um menschliches Leben, das anderswo empfangen wurde, zu beherbergen. In diesem Fall kommt das, was die Frau zur Welt bringt, nicht von ihr; es wurde nicht „zuerst im Herzen und dann im Leib“ empfangen.

Leider gibt es diese beiden traurigen Möglichkeiten auch auf der geistlichen Ebene. Derjenige empfängt Jesus, ohne ihn zur Welt zu bringen, der das Wort empfängt, ohne danach zu handeln, der weiterhin eine geistliche Abtreibung nach der anderen unternimmt, indem er Vorhaben der Bekehrung fasst, die dann systematisch vergessen und auf halbem Weg verlassen werden; wer sich dem Wort gegenüber wie ein hastiger Beobachter benimmt, der sein Gesicht im Spiegel betrachtet, dann weggeht und sofort vergisst, wie es aussah (vgl. Jak 1, 23-24); kurz gesagt: Wer den Glauben hat, aber nicht die Werke.

Hingegen bringt derjenige Christus zur Welt, ohne ihn empfangen zu haben, der viele – vielleicht sogar gute – Werke vollbringt, die aber nicht dem Herzen, der Gottesliebe und der rechten Absicht entstammen, sondern eher der Gewohnheit, der Heuchelei, dem Streben nach Selbstherrlichkeit und eigenem Interesse oder, schlicht und einfach, der Genugtuung, die das Tun und Handeln geben; kurz gesagt: Wer die Werke hat, aber nicht den Glauben.

Das sind die negativen Fälle einer unvollständigen Mutterschaft. Der heilige Franz von Assisi beschreibt den positiven Fall einer wahrhaften und vollständigen Mutterschaft, die uns Maria ähnlich macht: „Wir sind Mütter Christi, wenn wir ihn in unserem Herzen und unserem Leib tragen, mittels der göttlichen Liebe und des reinen und aufrichtigen Gewissens; wir bringen ihn hervor durch die heiligen Werke, die den anderen als Beispiel leuchten sollen!“

Wir empfangen Christus, erklärt uns der Heilige, wenn wir ihn mit aufrichtigem Herzen und rechtschaffenem Gewissen lieben, und wir bringen ihn zu Welt, wenn wir heilige Werke tun, die ihn der Welt zeigen.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]