Maria, die Frau

Impuls zum 4. Sonntag der Osterzeit

Münster, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 694 klicks

Immer wenn in der Hl. Schrift von der Jungfrau Maria und ihrer besonderen Rolle im Heilsplan Gottes die Rede ist, wird sie eigenartigerweise als “Frau” bezeichnet.

Das beginnt schon im ersten Buch, in der Genesis, als nach dem Sündenfall der ersten Menschen Gott die Erlösung verheißt. Gott verflucht die Schlange, den Satan, weil er die Menschen verführt hat, und knüpft unmittelbar daran die Verheißung, dass einmal “die Frau” der Schlange den Kopf zertreten wird (Gen 3,15).

Sehr viel später wird Paulus sagen: “Als die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von der Frau” (Gal 4,4).

Als Jesus seine öffentliche Tätigkeit des Lehrens und Heilens beginnt und sein erstes Wunder wirkt, spricht er seine Mutter – scheinbar etwas barsch – so an: “Frau, was habe ich mit dir zu schaffen, meine Stunde ist noch nicht gekommen” (Joh 2,4). Der Augenblick ist entscheidend, nicht in erster Linie wegen des Wunders der Verwandlung von Wasser in Wein, sondern weil Jesus mit den ersten Jüngern zusammentrifft: So offenbarte Jesus seine Herrlichkeit und “seine Jünger glaubten an ihn” (Joh 2,11).

Auf dem Höhepunkt des Erlösungsgeschehens, als der Herr, nachdem er am Kreuz sein Leben für uns hingegeben hat, noch ein übriges tun will und uns sein Liebstes schenken will, nämlich seine heiligste Mutter, sagt er: “Frau, siehe da dein Sohn, siehe deine Mutter” (Joh 19,26).

Und schließlich ein weiteres Mal im letzten Buch der Hl. Schrift, der Geheimen Offenbarung des Johannes: “Ein großes Zeichen erschien am Himmel, eine Frau mit der Sonne bekleidet, der Mond zu ihren Füßen, auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen” (Off 12,1). Diese Frau ist offesichtlich Maria, wenngleich auch die Kirche mitgemeint ist.

Es ist als wollte der Heilige Geist uns klar machen, dass Maria die Frau schlechthin ist, die Frau, von der unschätzbare Hilfe zu erwarten ist.

Lange vor Christus und auch lange Zeit nach ihm haben Menschen die Bedeutung dieser Frau für das Leben der Menschen gesehen. Vor der Menschwerdung Gottes durch die Frau haben die Heiden immer und überall die große Muttergottheit verehrt, wenn auch oft beeinträchtigt durch besondere Betonung des Sexuellen. Man denke an die Verehrung der Göttin Artemis in Ephesus. Und doch ist es als wollte Gott zeigen, dass dort in Ephesus den Menschen eine besondere Ahnung der tiefen Bedeutung des Weiblichen geschenkt worden ist. Gerade an diesem Ort sollte die Muttergottes viele Jahre ihres Lebens nach der Himmelfahrt ihres Sohnes verbringen.

Eigentümlich auch, dass die sehr weiblichen Göttinnen Artemis und in Ägypten Isis immer auch das Attribut ‘jungfräulich’ hatten.

Besonders eindrucksvoll aber im Hinblick auf die Ahnungen der guten Heiden das Wort von der Kore Kosmou, der Weltenjungfrau, das wohl über die eleusinischen Mysterien zu uns gelangt ist. Ein geheimnisvoller Weiser des alten Ägypten, Hermes Trismegistos, der übrigens auch eine erstaunliche Kosmogonie überliefert und der aus irgendeinem Grund im Dom von Siena dargestellt worden ist, spricht von dieser Jungfrau, die nicht Gott ist, aber eine außerordentliche Bedeutung für den ganzen Kosmos besitzt. Hat Goethe vielleicht diese Gedanken übernommen, als er seinen Faust II mit dem Wort von dem “Ewig Weiblichen” vollendete.

Alle Ahnungen der Heiden (und Neuheiden) finden ihre Erfüllung in Maria. Jedoch – ähnlich wie bei Jesus selbst – oft in anderer Weise als gedacht. So wie Jesus tatsächlich der Messiaskönig ist, der aber wider Erwarten in Einfachheit und Demut zu den Menschen kommt, so ist auch Maria in all ihrer Vollkommenheit am vollkommensten in ihrer Demut. So mag es sich erklären, dass sie im christlichen Altertum noch sehr im Verborgenen steht. Wahrscheinlich damit man sie nicht für eine Göttin hielt. Im Mittelalter und besonders in der Neuzeit nimmt dagegen ihre Verehrung immer mehr zu. Es häufen sich auch die Erscheinungen der Muttergottes, und die meisten Wallfahrtsorte sind heute die Heiligtümer der Muttergottes, während man noch im Mittelalter besonders zu den Apostelgräbern wallfahrtete.

Ja, fast sieht es so aus, als wollte Gott gerade in unserer Zeit Maria besonders verherrlichen. In einer der von der Kirche anerkannten Marienerscheinungen des 20. Jahrhunderts wird Maria “Frau aller Völker” genannt.

Im Monat Mai, wo wir Maria besonders ehren, mögen diese Gedanken und historischen Zusammenhänge uns helfen, die Bedeutung Mariens neu zu sehen. In Deutschland macht sich zur Zeit wieder ein “marianischer Minimalismus” breit, oft ohne dass wir es recht bemerken.

Versuchen wir, mit aller Einfachheit des Herzens dagegen zu halten.

Der hl. Josefmaria sagte einmal: “Ihr sollt mich nicht nachahmen, ich bin nur ein Sünder. Aber wenn ihr etwas an mir nachahmen wollt, dann meine Liebe zu Maria!”

Weltenjungfrau, die Ewige Frau, Frau aller Völker – ich denke, was der Muttergottes selbst am besten gefallen wird, ist, wenn wir sie einfach als unsere Mutter verehren, lieben und uns mit unseren Bitten an sie wenden.

Die Szene bei der Hochzeit zu Kana zeigt uns, dass ihre Fürsprache mächtig ist. An uns ist es dann aber auch, ihr Wort zu beherzigen: “Was er euch sagt, das tut!”

Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).