Maria, die Unbefleckte

Pater Mario Piatti erklärt die Rolle der Jungfrau in Religion und Gesellschaft

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Von Antonio Gaspari

ROM, 6. Dezember 2011 (ZENIT.org). - Für viele Menschen in katholischen Ländern ist das Fest Maria Empfängnis nur ein zusätzlicher freier Tag. Für die Gläubigen jedoch ist es ein Feiertag von großer Bedeutung in Anbetracht der enormen Marienverehrung auf der ganzen Welt.

Es ist wahr, dass die Marienverehrer oft als unbedarft und „leichtgläubig“ verspottet  werden, obwohl es konkrete Beweise dafür gibt, dass die Jungfrau das Eingreifen Gottes auf die irdische Wirklichkeit beeinflusst.

Um zu verstehen, wie stark und lebendig der Glaube an Maria noch immer ist, und welche Bedeutung dieses Fest in der Heilsökonomie hat, führte ZENIT ein Interview mit Pater Mario Piatti, dem Chefredakteur der Zeitschrift „Maria von Fatima“, dem Mitteilungsblatt der „Familie des Unbefleckten Herzens Mariens“.

ZENIT: Welche Bedeutung hat das Fest Maria Empfängnis für die Gläubigen?

P. Mario: Sich auf die Jungfrau Maria zu beziehen, bedeutet, in der relgiösen „Vorstellungswelt“ an das denkbar schönste und liebenswerteste, das es gibt, zu  denken. Die Feste und die Orte, die der Jungfrau gewidmet sind, sowie die Geschehnisse, die mit ihr in Verbindung stehen – insbesondere die Marienerscheinungen - bestätigen die erstaunliche Bewunderung der Gläubigen für die Großartigkeit, mit der Gott sein Werk in und mit der hl. Jungfrau vollbracht hat und immer noch vollbringt. Die Unbefleckte Empfängnis erinnert vor allem an die Gabe der Reinheit und der Transparenz;  sie läßt den Odem eines in völliger Unschuld  empfangenen Herzens erahnen, einer Unschuld, die immer bestens behütet und vor jeglicher Gefahr des Bösen bewahrt wurde.

ZENIT: Warum war es notwendig, ein Dogma der Unbefleckten Empfängnis zu verkünden?

P. Mario: Das Volk Gottes hat von Anfang an die Originalität und Einzigartigkeit der seligen Jungfrau Maria wahrgenommen, und ihr in außergewöhnlicher Art und Weise Lob und Ehre entgegen gebracht, die die Liturgie dann immer genauer in ihrer Gesamtheit aufgenommen hat. Es ist zu beobachten, wie den großen von der Kirche formulierten marianischen Dogmen immer der lebendige Glaube des einfachen und gewöhnlichen Volks vorausgegangen ist und diese begleitet hat. Die Menschen sind aufgrund ihrer beispiellosen Vorzüge in ihr der vollkommenen Zugehörigkeit zur „Seite Gottes“ gewahr geworden, aber auch der vollkommenen Zugehörigkeit zu unserer „menschlichen Seite“. Die Kirche hat in der Anerkennung ihrer Unbefleckten Empfängnis einer Jahrtausende alten Tradition Ausdruck verliehen und so endgültig das „Empfinden" des heiligen Volkes Gottes bestätigt. Es war notwendig, dieses Dogma offiziell zu vekünden, um etwaige Zweifel an der unbefleckten Empfängnis Marias zu beseitigen, die sicherlich ein unerreichbares Vorbild darstellt, aber gleichzeitig uns allen so nah ist.

ZENIT: Weshalb ist die Jungfräulichkeit Marias so wichtig?

P. Mario: Obwohl wir in unserem Zeitalter oftmals „vom Kurs abkommen“, bewahrt dieses Fest seinen faszinierenden Charakter und führt uns mit Sehnsucht an den Kern unseres Schicksals und unserer Bestimmung zum Guten zurück. Die Jungfräulichkeit Marias bezieht sich, noch vor der physischen Dimension, auf ihre Integrität und die vollkommene und vorbehaltlose Hingabe ihrer selbst an Gott, die sich in ihrem Herzen vollzogen hat und die sie in jedem Moment ihres Lebens bekräftigt hat. Dieser Aspekt muss heutzutage wieder sichergestellt werden: Die Jungfräulichkeit ist ein kostbarer Schatz  von „charismatischem“ Gewicht; deren beschützender Verwahrer ist die Kirche und deren Bewahrerin und hervorragendes Beispiel ist die hl. Jungfrau.

ZENIT: Die moderne Welt scheint für Maria und ihre Rolle als Vermittlerin unempfänglich zu sein. Welche Argumente würden Sie verwenden, um die religiöse, soziale und karitative Bedeutung der Unbefleckten Jungfrau Maria zu erklären?

P. Mario: Statt mit zahllosen theologischen Darlegungen würde ich mit einigen einfachen Beobachtungen beginnen. Die selige Jungfrau Maria hat immer, vor allem in schwierigen und prüfenden Zeiten, das Leben unserer Familien und unserer christlichen Gemeinden unterstützt. Sie hat schon immer karitative, erzieherische und soziale Bewegungen inspiriert, indem sie das Gute gefördert und immer neue Wege aufzeigt hat. Die Ordensschwestern Mutter Teresas haben im Vatikan auf der Piazza del Sant'Uffizio ein nach ihr benanntes Haus eröffnet, um den Armen zu helfen. Der hl. Maximilian Kolbe, der „Ritter der Immaculata“ , hat ihr sogar eine Stadt gewidmet. Pater Pio,der die Jungfrau Maria ebenfalls sehr verehrte, gründete eines der modernsten und funktionalsten Krankenhäuser Europas. Die hl. Jungfrau unterstreicht den emotionalen, von Liebe geprägten Aspekt des Glaubens: „Das zu lieben, woran man glaubt“, Gott zu lieben, den Schöpfer alles Guten und jedes Menschen, erhört und aufgenommen wie einen Bruder. Wenn ihre Figur fehlen würde, liefen wir Gefahr, unsere Hingabe zu Gott oftmals ausdruckslos oder zu „intellektuell“ zu erbringen. Sie - die erste Jüngerin Christi – hilft uns zu lieben und die ganze Offenbarung als eine großartige „Erziehung zum Lieben“ zu begreifen. Vielleicht sollten wir vom mütterlichen und makellosen Herz ausgehen, von ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit, unsere Bedürfnisse zu verstehen und Mitleid zu haben angesichts unserer Begrenztheit zu unserer Gegenwart zu sprechen, wie sie in uns den Wunsch und die Sehnsucht nach dem Guten in einer Welt anregt, die heutzutage von Gleichgültigkeit, Zynismus und von herrschender Unmoral befallen  ist. Das Gute wird immerzu missachtet, doch wie nie zuvor vermisst man es schmerzlich und erkennt dessen dringende Notwendigkeit.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Sabrina Toto]