"Maria führt uns zum Geheimnis des Glaubens": Bischof Wilhelm Schraml zum Papstbesuch in Altötting (11. September)

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PASSAU, 21. August 2006 (ZENIT.org/Die-Tagespost.de).- Als am 19. April 2005 das Kardinalskollegium Joseph Kardinal Ratzinger zum Nachfolger des hl. Petrus wählte, war die Freude im Bistum Passau groß im zweifachen Sinn: Es war die grundsätzliche Freude, dass die Wahl auf den herausragenden Theologen und Kardinal gefallen war, und die besondere Freude darüber, dass sein Geburtsort Marktl am Inn in der Diözese Passau liegt und aufgrund der Liebe des Heiligen Vaters zum Wallfahrtsort Altötting auch eine innere, gewissermaßen heimatliche Beziehung zum Heiligen Vater besteht.



Die Menschen im ganzen Bistum Passau freuen sich von Herzen, dass bereits in diesem Jahr der Heilige Vater seine Heimat besucht und mit vielen tausend Gläubigen an dem Marienwallfahrtsort, dem er seit frühester Jugend persönlich und tief verbunden ist, Eucharistie feiern, vor dem Gnadenbild um den Schutz der Muttergottes beten und gleichsam als erster Beter die Anbetungskapelle eröffnen und vor der ausgesetzten Monstranz die Anbetung des Herrn in der Gestalt des eucharistischen Brotes beginnen wird.

Wir heißen unseren Heiligen Vater von Herzen willkommen! Der 11. September 2006, an dem wir den Heiligen Vater in Altötting und Marktl begrüßen dürfen, ist ein herausragender Tag in der langen Geschichte des traditionsreichen Bistums Passau. Denn mit unserem Hl. Vater Papst Benedikt XVI. kommt – nach 1782 mit Papst Pius VI. und 1980 mit Johannes Paul II. – zum dritten Mal der Nachfolger des heiligen Petrus in den Marienwallfahrtsort Altötting und in die Diözese Passau.

Die Wurzeln der Diözese Passau reichen zurück bis in die ersten Jahrhunderte der Spätantike. Denn bereits um das Jahr 300 begannen die Menschen in diesem Raum, sich zum Glauben an den dreifaltigen Gott zu bekennen. Römische Soldaten und Kaufleute hatten den Glauben in unsere Region gebracht. Am Beginn der Christianisierung stehen bedeutende Heilige wie der heilige Märtyrer Florian, der heilige Bischof Valentin und der heilige Severin, der als Staatsmann und religiöser Führer in den Wirren der Völkerwanderung in der Gegend von Passau bis Wien sich der Menschen annahm und ein kirchliches Leben organisierte und festigte. Der Apostel der Deutschen, wie er oft genannt wird, der heilige Bonifatius, war es dann, der auf dem Wirken der ersten Missionare aufbaute und im Zuge der Festschreibung von Bistumsgrenzen im Jahr 739 das Bistum Passau kanonisch errichtete. Im selben Jahr gründete er die (Erz-) Bistümer München-Freising, Regensburg und Salzburg.

Bedingt durch die Lage an drei Flüssen und die damit verbundenen Handelswege war die Bistumsstadt Passau ein bedeutendes Zentrum für die Ausbreitung des Christentums entlang der Donau bis hinunter nach Ungarn. Es war nicht zuletzt ein Passauer Priester, der König Stephan I. von Ungarn, den Sohn des Arpaden-Fürsten Géza, taufte und damit die Christianisierung des ungarischen Raumes vorantrieb. So entwickelte die Kirche von Passau ein reges kirchliches Leben bis weit hinab nach Ungarn. Es kam sogar soweit, dass das Bistum Passau die flächenmäßig größte Diözese des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation war, deren Grenzen bis Ungarn reichte. Im Lauf der Zeit aber wurden nach und nach mehrere Gebiete vom Diözesangebiet abgetrennt, aus denen dann eigenständige Diözesen errichtet wurden. So ist das Bistum Passau die Mutterdiözese für das heutige Erzbistum Wien und die Bistümer Linz und St. Pölten. Insgesamt verlor das Bistum Passau sechs Siebtel seines früheren Gebietes. Die Säkularisation 1803 beendete die weltliche Herrschaft der Passauer Fürstbischöfe und führte letztlich zu einem dramatischen Rückgang des kirchlichen Lebens.

Heute zählt die Diözese zu den kleineren Bistümern in Deutschland. Rund eine halbe Million Katholiken bilden in dem Gebiet vom Wallfahrtsort Altötting über das niederbayerische Hügelland bis hinein in den Bayerischen Wald eine relativ geschlossene katholische Bevölkerung (ca. 91 Prozent Katholiken). In den 306 Pfarreien und Seelsorgestellen, zusammengefasst in 113 Pfarrverbänden, wirken aktiv 220 Geistliche und 21 Ständige Diakone. Auch 31 Ordenspriester und 129 Ruhestandsgeistliche helfen in der Seelsorge mit. Unterstützt werden die Priester von insgesamt 211 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im pastoralen Dienst. Hinzu kommen viele Ordensniederlassungen, die die Geschichte der Diözese seit Jahrhunderten nachhaltig geprägt haben und in ihrer je eigenen Ausformung des Ordenslebens das Wirken und Leben der Kirche von Passau immens bereichern.

Meine vorrangige Aufgabe als Bischof von Passau sehe ich darin, die Menschen zu Jesus Christus zu führen und sie in der Kirche zu beheimaten. Das Programm der Kirche für die Zukunft ist es, Jesus Christus wieder neu kennen zu lernen, zu lieben und nachzuahmen, um in Christus das Leben des dreifaltigen Gottes zu leben und damit dem Auferstandenen in der Geschichte eine neue Gestalt zu geben. Dazu braucht es intensive und im Glauben verwurzelte Katechesen. Wie in vielen anderen Bistümern des deutschsprachigen Raumes ist auch die Diözese Passau von einem dramatischen Rückgang der Zahl der Priester und Ordensberufe betroffen. Daher wird im Dezember dieses Jahres ein so genanntes "Jahr für geistliche Berufungen" beginnen, das in den Gläubigen das Bewusstsein stärken soll, dass die Kirche nur dann jung und lebendig bleibt, wenn in ihr geistliche Berufe geweckt und gefördert werden.

Dazu braucht es Christinnen und Christen, die ihre Berufung zum Christsein ernst nehmen; und es braucht Frauen und Männer, die ihre besondere Berufung zum Priester- oder Ordensleben wahrnehmen und leben. Diesem großen pastoralen Anliegen dient zum Beispiel die Neubelebung der monatlichen "Heiligen Stunde" und das Gebet um Priester- und Ordensberufe vor dem Allerheiligsten. Altötting ist dafür ein prädestinierter Ort, denn Maria will uns gleichsam an der Hand nehmen und hinführen zu ihrem Sohn, zu Jesus Christus.

Bei seinem Besuch im Marienwallfahrtsort wird unser Heilige Vater besonders die geistlichen Berufungen in den Blick nehmen. Es freut mich sehr, dass zahlreiche Priester, Diakone, Ordensleute und Alumnen der deutschen Priesterseminare der Einladung nach Altötting gefolgt sind, zumal der Nachmittag des Besuches in Altötting besonders im Zeichen der Begegnung der Kleriker, der Frauen und Männer des geweihten Lebens sowie der Priesteramtskandidaten mit dem Heiligen Vater stehen wird. So will dieser Tag in Altötting, das gemeinsame Beten und Feiern der Eucharistie uns eine Hilfe sei, dass wir uns in die Schule Mariens begeben und uns von ihr begleiten lassen zur Begegnung mit Christus in der Feier der Eucharistie und der Anbetung des eucharistischen Herrn.

Die bedeutende Rolle des Marienwallfahrtsortes Altötting wird diesem sehr wichtigen Anliegen gerecht: Denn seit über 1 250 Jahren ist Altötting das geistliche Zentrum Bayerns und seit über fünfhundert Jahren bedeutendster Marienwallfahrtsort Deutschlands. Mehr als eine Million Pilger kommen pro Jahr, um in der Gnadenkapelle vor dem Gnadenbild der Schwarzen Madonna zu beten.

Wir wissen, dass unser Heiliger Vater schon als Junge sich mit seinem Vater auf Wallfahrt zum Gnadenbild "Unserer Lieben Frau von Altötting" begab. So auch im Jahre 1934 anlässlich der Heiligsprechung von Bruder Konrad von Parzham. Die Feierlichkeiten blieben dem jungen Joseph Ratzinger in bleibender Erinnerung. Vom damals seligen und später heiligen Bruder Konrad sagt er: "Ich denke schon, dass gerade diese ,kleinen Heiligen ein großes Zeichen an unsere Zeit sind, das mich umso mehr berührt, je mehr ich mit und in ihr lebe." Auch später kommt er immer wieder zu privaten und offiziellen Besuchen an diesen Ort traditionsreicher und tiefer Marienverehrung: Im Altöttinger Jubiläumsjahr 1989 zelebrierte Joseph Kardinal Ratzinger den feierlichen Eröffnungsgottesdienst in der St. Anna-Basilika, zehn Jahre später kommt er als Festredner zum 400-jährigen Gründungsjubiläum der Marianischen Männerkongregation nach Altötting; 2001 begleitete er tausende Regensburger Fußwallfahrer auf der letzten Etappe zum Marienheiligtum. Noch im Januar 2005 – wenige Monate bevor er zum Nachfolger auf dem Stuhl Petri gewählt wurde – unternahm er privat mit seinem Bruder Georg eine Wallfahrt nach Altötting. Daher verwundert es nicht, dass der Heilige Vater einmal über Altötting sagte: "Altötting ist das Herz Bayerns und eines der Herzen Europas."

Möge der Besuch des Heiligen Vaters im Herzen Bayerns und in einem der Herzen Europas den Gläubigen, besonders in der Diözese Passau, Ansporn sein, die eigene Herzensmitte des Glaubens wieder mehr in den Blick zu nehmen, aus dieser Mitte heraus zu leben und Gesellschaft und Geschichte zu gestalten. Diese Herzensmitte wird erlebbar und erfahrbar in der Feier der Eucharistie und in der Anbetung des eucharistischen Herrn in der ausgesetzten Monstranz. Lassen wir uns von der Gottesmutter Maria hinführen zu diesem Geheimnis unseres Glaubens. Daraus möge die Liebe der Gläubigen zur Kirche Jesu Christi weiter wachsen und sich ihre Treue zum Nachfolger des heiligen Petrus festigen. Im Blick auf die Frauen und Männer, die hier in unserer Heimat seit Jahrhunderten ihren Glauben leben, dürfen wir zuversichtlich sein, dass die Kirche von Passau jung und kraftvoll genug ist, um auch im dritten Jahrtausend den Menschen aus dem Glauben heraus wirksam zu dienen. Dazu dürfen wir uns dem Schutz Unserer Lieben Frau von Altötting anempfehlen.

[© Die Tagespost vom 12.08.2006]