Maria ist für alle Generationen Abbild und Vorbild der Kirche

Worte Benedikts XVI. zum Abschluss des Marienmonats Mai

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ROM, 27. Juni 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 31. Mai zum Abschluss des Marienmonats Mai bei der Lourdes-Grotte in den Vatikanischen Gärten gehalten hat.

„Liebe Freunde, lernen auch wir in der Schule Mariens die Gegenwart des Heiligen Geistes in unserem Leben zu erkennen, auf seine Inspirationen zu hören und ihnen fügsam zu folgen.“

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Verehrte Mitbrüder,
liebe Brüder und Schwestern!

Ich grüße euch alle herzlich zum Abschluß der traditionellen Marienandacht, die den Monat Mai im Vatikan abschließt. Dieses Jahr kommt ihr eine ganz besonderer Bedeutung zu, weil sie auf den Vorabend des Pfingstfestes fällt. Ihr seid hier zusammengekommen und habt euch geistig um die Jungfrau Maria versammelt, die Geheimnisse des Heiligen Rosenkranzes betrachtet und auf diese Weise neu die Erfahrung der ersten Jünger erlebt, die »zusammen mit der Mutter Jesu« im Abendmahlssaal waren, wo sie in Erwartung des Kommens des Heiligen Geistes »einmütig im Gebet verharrten« (vgl. Apg 1,14). Auch wir flehen an diesem vorletzten Maiabend vom Vatikanischen Hügel aus um die Ausgießung des Geistes, des Parakleten (des Beistandes), auf uns, auf die Kirche in Rom und auf das ganze christliche Volk.

Das hohe Pfingstfest lädt uns ein, über die Beziehung zwischen dem Heiligen Geist und Maria nachzudenken, eine sehr enge, privilegierte, unauflösliche Beziehung. Die Jungfrau aus Nazaret wurde auserwählt, durch das Wirken des Heiligen Geistes die Mutter des Erlösers zu werden: In ihrer Demut hat sie bei Gott Gnade gefunden (vgl. Lk 1,30). Tatsächlich sehen wir im Neuen Testament, daß der Glaube Mariens die Gabe des Heiligen Geistes sozusagen »anzieht«. Zuallererst bei der Empfängnis des Gottessohnes, dem Geheimnis, das der Erzengel Gabriel so erklärt: »Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten« (Lk 1,35). Gleich darauf begab sich Maria zu Elisabet, um ihr zu helfen, und da, als sie bei ihr ankommt und sie grüßt, läßt der Heilige Geist das Kind im Schoß der betagten Verwandten hüpfen (vgl. Lk 1,44); der ganze Dialog zwischen den beiden Müttern ist vom Geist Gottes inspiriert, vor allem der Lobgesang, das Magnificat, mit dem Maria ihre tiefsten Gefühle zum Ausdruck bringt. Das ganze Geschehen der Geburt Jesu und seiner frühen Kindheit wird in fast greifbarer Weise vom Heiligen Geist geleitet, auch wenn dieser nicht immer erwähnt wird. Das Herz Mariens ist, in vollkommenem Einklang mit dem göttlichen Sohn, Tempel des Geistes der Wahrheit, wo jedes Wort und jedes Ereignis im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe bewahrt werden (vgl. Lk 2,19.51).

So können wir sicher sein, daß das Heiligste Herz Jesu in der ganzen Zeitspanne seines verborgenen Lebens in Nazaret stets im unbefleckten Herzen der Mutter ein »Zuhause« gefunden hat, das immer vom Gebet und vom ständigen aufmerksamen Hören auf die Stimme des Geistes erfüllt war. Zeugnis dieses einzigartigen Einklangs zwischen Mutter und Sohn im Suchen nach dem Willen Gottes ist das Geschehen bei der Hochzeit von Kana. In einer Situation voller Symbole des Bundes, wie es das Hochzeitsmahl ist, greift die Jungfrau und Mutter ein und provoziert sozusagen ein Zeichen überreicher Gnade: den »guten Wein«, der auf das Geheimnis des Blutes Christi hinweist. Das führt uns direkt nach Golgota, wo Maria zusammen mit den anderen Frauen und dem Apostel Johannes unter dem Kreuz steht. Die Mutter und der Jünger empfangen geistlich das Testament Jesu: seine letzten Worte und seinen letzten Atemzug, in dem er beginnt, den Geist auszugießen; und sie empfangen den stillen Schrei seines Blutes, das ganz für uns vergossen wurde (vgl. Joh 19,25–34). Maria wußte, woher dieses Blut kam: Es hatte in ihr durch das Wirken des Heiligen Geistes Gestalt angenommen, und sie wußte, daß jene selbe schöpferische »Kraft« Jesus auferwecken würde, wie er es verheißen hatte.

Auf diese Weise unterstützte der Glaube Mariens den Glauben der Jünger bis zur Begegnung mit dem auferstandenen Herrn und begleitete sie weiter auch nach seiner Himmelfahrt in der Erwartung der »Taufe im Heiligen Geist« (vgl. Apg 1,5). An Pfingsten erscheint die Jungfrau und Mutter erneut als Braut des Geistes, und das für eine universale Mutterschaft im Hinblick auf alle diejenigen, die aus Gott geboren sind durch den Glauben an Christus. Deshalb ist Maria für alle Generationen Abbild und Vorbild der Kirche, die zusammen mit dem Geist in der Zeit unterwegs ist und um die glorreiche Wiederkehr Christi betet: »Komm, Herr Jesus« (vgl. Offb 22,17.20).

Liebe Freunde, lernen auch wir in der Schule Mariens die Gegenwart des Heiligen Geistes in unserem Leben zu erkennen, auf seine Inspirationen zu hören und ihnen fügsam zu folgen. Er läßt uns wachsen entsprechend der Fülle Christi, entsprechend jenen guten Früchte, die der Apostel Paulus im Brief an die Galater aufzählt: »Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung« (Gal 5,22). Ich wünsche euch, von diesen Gaben erfüllt zu werden und immer mit Maria dem Geist folgend voranzugehen. Während ich euch meinen Dank, mein Lob für die Teilnahme an dieser abendlichen Feier ausspreche, erteile ich euch allen und euren Lieben von Herzen den Apostolischen Segen.

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