Maria ist unsere Mutter: Besuch Benedikts XVI. bei der Mariensäule auf der Piazza di Spagna

„Lehre uns, Maria, mit dir glauben, hoffen und lieben“

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ROM, 18. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Am Nachmittag des Hochfestes der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria stattete Papst Benedikt XVI. der Mariensäule der Unbefleckten Empfängnis auf der Piazza di Spagna in der römischen Innenstadt seinen traditionellen Besuch ab.

Maria ist in den Augen des Heiligen Vaters die Mutter aller Menschen sowie „Zeichen der sicheren Hoffnung und des endgültigen Sieges des Guten über das Böse“.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Wie es schon Tradition ist, befinden wir uns auch dieses Jahr wieder hier auf dem Spanischen Platz, um der Gottesmutter an dem Tag, an dem die ganze Kirche das Fest ihrer Unbefleckten Empfängnis feiert, unseren Blumengruß darzubringen. Indem ich meinen Vorgängern folge, schließe auch ich mich euch an, liebe Gläubige von Rom, um mit Zuneigung und kindlicher Liebe zu Füßen Mariens innezuhalten, die seit nunmehr hundertfünfzig Jahren von dieser Säule herab über unsere Stadt wacht. Es ist also eine Geste des Glaubens und der Frömmigkeit, die unsere christliche Gemeinschaft jedes Jahr wiederholt, um gleichsam ihr Treueversprechen gegenüber derjenigen zu bekräftigen, die uns in allen Situationen des täglichen Lebens ihre Hilfe und ihren mütterlichen Schutz zusichert.

Diese religiöse Veranstaltung ist zugleich ein Anlaß, allen, die in Rom leben oder als Pilger und Touristen einige Tage hier verweilen, die Gelegenheit zu bieten, sich bei aller Verschiedenheit der Kulturen als eine einzige Familie zu fühlen, die sich um eine Mutter schart, die die täglichen Mühen jeder Frau und Familienmutter geteilt hat. Freilich war sie eine ganz einzigartige Mutter, die von Gott für eine einmalige und geheimnisvolle Sendung erwählt worden ist, nämlich dem ewigen Wort des Vaters, das für das Heil aller Menschen in die Welt gekommen ist, das irdische Leben zu schenken. Und Maria, die in ihrer jungfräulichen Empfängnis Unbefleckte – so verehren wir sie am heutigen Tag mit frommer Dankbarkeit –, ist ihren Pilgerweg auf Erden gegangen, indem sie ihrem Sohn Jesus folgte, getragen von einem furchtlosen Glauben, einer unerschütterlichen Hoffnung und einer demütigen und grenzenlosen Liebe. Sie war ihm mit ihrer mütterlichen Sorge nahe von der Geburt bis Golgota, wo sie, vor Schmerz erstarrt, aber mit unerschütterlicher Hoffnung seine Kreuzigung miterlebte. Sie hat dann am Morgen des dritten Tages, des neuen Tages, die Freude der Auferstehung erfahren, als der Gekreuzigte das Grab verlassen und damit für immer und endgültig die Macht der Sünde und des Todes besiegt hat.

Maria, in deren jungfräulichem Schoß Gott Mensch geworden ist, ist unsere Mutter! Denn vor Vollendung seines Opfers hat Jesus vom Kreuz herab sie uns als Mutter geschenkt und uns ihr als ihre Kinder anvertraut. Ein Geheimnis der Barmherzigkeit und Liebe, ein Geschenk, das die Kirche mit einer fruchtbaren geistlichen Mütterlichkeit erfüllt. Richten wir vor allem heute unseren Blick auf Maria, liebe Brüder und Schwestern, und seien wir, während wir sie um ihre Hilfe anflehen, bereit, jede ihrer mütterlichen Weisungen zu beherzigen. Lädt uns unsere himmlische Mutter etwa nicht dazu ein, dem in das Herz jedes Christen eingeschriebenen göttlichen Gesetz fügsam zu folgen und das Böse zu meiden und das Gute zu tun? Bittet sie, die selbst auf dem Höhepunkt der Prüfung die Hoffnung bewahrt hat, uns nicht darum, den Mut nicht zu verlieren, wenn das Leiden und der Tod an unsere Tür klopfen? Fordert sie uns nicht auf, vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken? Ermahnt uns die Unbefleckte Jungfrau nicht, untereinander Geschwister zu sein, die alle die Aufgabe verbindet, gemeinsam eine gerechtere, solidarische und friedliche Welt aufzubauen?

Ja, liebe Freunde, noch einmal zeigt die Kirche an diesem feierlichen Tag der Welt Maria als Zeichen der sicheren Hoffnung und des endgültigen Sieges des Guten über das Böse. Sie, die wir »voll der Gnade« nennen, erinnert uns daran, daß wir alle Geschwister sind und daß Gott unser Schöpfer und Vater ist. Ohne ihn oder, noch schlimmer, gegen ihn könnten wir Menschen niemals den Weg finden, der zur Liebe führt, könnten wir niemals die Macht des Hasses und der Gewalt besiegen, niemals einen dauerhaften Frieden schaffen.

Mögen die Menschen jeder Nation und Kultur diese Botschaft des Lichts und der Hoffnung aufnehmen: als Geschenk aus den Händen Mariens, der Mutter der ganzen Menschheit. Wenn das Leben ein Weg ist und dieser Weg oft dunkel, hart und mühsam wird, was für ein Stern wird ihn dann erhellen können? In meiner Enzyklika Spe salvi, die zu Beginn des Advent veröffentlicht wurde, habe ich geschrieben, daß die Kirche auf Maria schaut und sie als »Stern der Hoffnung« anruft (Nr. 49). Auf unserer gemeinsamen Fahrt auf dem Meer der Geschichte brauchen wir »Lichter der Hoffnung«, das heißt Menschen, die Licht von Christus schöpfen und »so Orientierung bieten auf unserer Fahrt« (ebd.). Und wer könnte besser als Maria für uns »Stern der Hoffnung« sein? Sie hat mit ihrem »Ja«, mit der hochherzigen Hingabe der vom Schöpfer empfangenen Freiheit die jahrtausendealte Hoffnung Wirklichkeit werden lassen, sie in diese Welt und in ihre Geschichte eintreten lassen.

Durch sie ist Gott Fleisch geworden, einer von uns, hat unter uns sein Zelt aufgeschlagen. Von kindlichem Vertrauen beseelt sprechen wir darum zu ihr: »Lehre uns, Maria, mit dir glauben, hoffen und lieben; zeige uns den Weg, der zum Frieden führt, den Weg zum Reich Jesu. Du, Stern der Hoffnung, die du uns voll Bangen im unvergänglichen Licht der ewigen Heimat erwartest, leuchte über uns und leite uns in den Begebenheiten des Alltags, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen!«

Zum Abschluß richtete der Papst Grußworte in französischer Sprache an die Pilger, die an diesem Tag in den Marienwallfahrtsorten Lourdes und Fourvière zusammengekommen waren: Ich schließe mich den Pilgern an, die sich in den Marienheiligtümern von Lourdes und Fourvière versammelt haben, um die Jungfrau Maria in diesem Jubiläumsjahr zu verehren, dem 150. Jahrestag der Marienerscheinungen der hl. Bernadette. Dank ihres Vertrauens in Maria und ihres Beispiels werden sie zu wahrhaften Jüngern des Erlösers werden. Durch die Wallfahrten vermitteln sie den Menschen, die auf der Suche sind und die Heiligtümer aufsuchen, zahlreiche Gesichter der Kirche. Auf ihrem geistlichen Weg werden sie dazu aufgerufen, die Gnade ihrer Taufe zu entfalten, sich von der Eucharistie zu nähren, im Gebet die Kraft zu schöpfen für das Zeugnis und die Solidarität mit allen ihren Brüdern und Schwestern in der menschlichen Natur. Mögen die Heiligtümer ihre Berufung zum Gebet und zur Aufnahme der Menschen, die insbesondere durch das Sakrament der Versöhnung wieder den Weg zu Gott finden wollen, noch mehr entfalten können. Ich richte meine herzlichen Wünsche auch an all diejenigen, namentlich die Jugendlichen, die voll Freude das Fest der Unbefleckten Empfängnis feiern, insbesondere mit der Festbeleuchtung in der Metropole Lyon. Ich bitte die Jungfrau Maria, über die Bewohner von Lyon und Lourdes zu wachen, und erteile ihnen allen sowie den Pilgern, die an den Zeremonien teilnehmen, von Herzen den Apostolischen Segen.

 

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