Maria Speculum iustitiae

Marienmonat Mai: In der seligen Jungfrau spiegelt sich die göttliche Gerechtigkeit wider

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Von P. Stefano M. Pio Manelli

ROM, 2. Mai 2012 (ZENIT.org). - Im Evangelium nach Matthäus heißt es vom heiligen Joseph, dem Bräutigam Mariens, dass er „gerecht“ war (1, 19) im Sinne von heilig, rechtschaffen und vollkommen in der Beobachtung des göttlichen Gesetzes. Und genau von dieser Warte her muss man die Tugend der „Gerechtigkeit“ der Jungfrau Maria betrachten.

Sie war „von der Tugend der Gerechtigkeit ganz erfüllt“, das heißt, sie war heilig, ein sich völlig mit dem göttlichen Willen in Übereinstimmung befindender Spiegel und ein Musterbild der Rechtschaffenheit in den Beziehungen zum Nächsten. In der Lauretanischen Litanei rufen wir Maria als „Spiegel der Gerechtigkeit“ (Speculum iustitiæ) an, insofern als sich in ihr die Gerechtigkeit Gottes, seine Harmonie, seine Wahrheit, seine Schönheit widerspiegeln. Unter allen Geschöpfen ist die Unbefleckte Empfängnis das herrlichste Abbild Gottes.

Aufgrund ihrer Lauterkeit, Reinheit und Demut hat sie in sich die Strahlen dessen eingefangen, der die Sonne der Gerechtigkeit ist, Christus, und hat seine Vollkommenheit widergespiegelt. Wie wir wissen, reflektiert der Spiegel normalerweise durch die Lichtstrahlen, die er empfängt, Licht und Gegenstände. Maria reflektiert in sich nicht nur die Strahlen der göttlichen Sonne, sondern auch die Sonne selbst. Sie hat diese Sonne der Welt in ihrer ganzen Vollkommenheit gezeigt und das göttliche Licht in die Vielfalt eines unendlichen Farbenspektrums aufgebrochen.

Im Anfang war jeder Mensch, der ja aus den Händen Gottes entstammt, dazu bestimmt, ein ihn reflektierender „Spiegel“ zu sein, denn der Mensch ist „nach dem Abbild Gottes, ihm ähnlich“ geschaffen (vgl. Gen 1, 26). Durch die Sünde unserer Ahnen wurde dieser Spiegel aber beschmutzt, das „Abbild Gottes“ entstellt und unsere „Ähnlichkeit mit ihm“ verzerrt.

Lediglich Maria, die Unbefleckte Jungfrau, war ein „unbefleckter Spiegel“ (Speculum sine macula). Ein stets klarer und leuchtender Spiegel, „Speculum pulchritudinis”, ein Spiegel der Schönheit, wie sie der hl. Bernhard nennt. Es ist allseits bekannt, dass ein Spiegel sauber, rein, ohne Flecken oder Fehler sein muss, damit er die Bilder auf vollkommene Weise wiedergibt; Maria ist gerade der „Widerschein des ewigen Lichtes“, wie es im Buch der Weisheit heißt: (7, 26) „Candor est enim lucis æternæ“, – sie strahlt in heller Reinheit und lilienweißem Glanz. Die Schönheit Mariens bezaubert, sie versetzt in Staunen und Entzückung!

Hatten die „Seher“ sich etwa geirrt, als sie die Stunde ihres Todes herbeiwünschten, um sich verabschieden zu können und das erhabene Gesicht Mariens wiederzusehen? Darüber hinaus wissen wir, dass die Sonne in den Spiegel einfällt, ohne irgendeinen Schaden anzurichten, indem sie ihn vielmehr mit ihren Strahlen bedeckt und ihn selbst zur Lichtquelle macht. In Maria, in ihren unbefleckten Schoß, steigt die Sonne der Gerechtigkeit herab, Christus, und sie bewahrt die Jungfräulichkeit der Mutter nicht nur völlig intakt, sondern sie weiht diese auf göttliche Weise, wie es in der Liturgie heißt: „non minuit, sed sacravit”, das heißt, sie erhellt sie mit wunderbarem und außergewöhnlichem göttlichem Licht, das sie dann auf uns zurückwirft, damit wir uns in ihr widerspiegeln und uns mit ihrer strahlenden jungfräulichen Heiligkeit bekleiden können, die als teure Perle aus einem Schliff und reiner Diamant für Jesus, die Sonne der Gerechtigkeit, existiert.

Die allerseligste Jungfrau war schließlich Spiegel der göttlichen Gerechtigkeit, insofern als in ihr das absolut höchste Menschenmaß an Gerechtigkeit und Heiligkeit erreicht wurde. Voll der Gnade, war sie mit allen Tugenden geschmückt. Mit dem Glanz ihrer Seele, ihrer Gefühle und ihrer Werke erleuchtet und fasziniert sie alle, die sie betrachten. Der tiefe Sinn für Gerechtigkeit, der ihr Leben erfüllte und auf souveräne Weise in ihrer Seele vorherrschte, musste sich natürlich nach außen hin, in ihrem Alltagsleben offenbaren.

Man konnte ihre stets einfache und edelmütige Verhaltensweise bewundern. Jede Art von Verschlagenheit und Simulation waren ihr fremd. Sie war bereit, jedem das Seine zu geben, zunächst Gott, dann dem Nächsten und auch sich selbst. Sie war stets bereit, Gott als Herrn und Schöpfer anzuerkennen und betrachtete sich als Geschöpf, das aus seinen Händen hervorgegangen ist. Deswegen war sie stets bereit, als Magd zu leben und sich seinem Dienst zu weihen. Wie es aus den Worten hervorgeht, die sie an den Verkündigungsengel richtete, war sie bereit, immer Gottes Willen zu tun: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“ (Lk 1, 38).

Gegenüber dem Nächsten verhielt sie sich stets auf untadelige Weise, war gefügig und demütig, erfüllte die eigenen Pflichten mit Genauigkeit und verstand es, den Platz einzunehmen, den Gott ihr zugewiesen hatte, und dabei die Rechte anderer zu achten. Sich selbst gegenüber verstand sie es schließlich, all ihr Handeln auf Gott auszurichten und dafür zu sorgen, dass alles dazu beitrug, dass sie in der Liebe zu ihm und in seinem Dienst wuchs.

Wie es auch den Worten des Verkündigungsengels zu entnehmen ist, können wir sagen, dass Gott selbst in Maria alles in vollkommenem Zustand vorfand: „invenisti gratiam apud Deum” (Lk 1, 30), du hast bei Gott Gnade gefunden. Zu ihr, dem reinsten Spiegel der Heiligkeit, müssen alle Geschöpfe aufschauen, um die vollkommene Gleichgestaltung mit Christus zu erreichen, da Maria, die Mutter des Heilands, „das Gesicht hat, das ihm am meisten ähnelt“, wie Dante Alighieri es ausdrückt.

[Übersetzung des italienischen Originals von P. Thomas Fox LC]